Sanierungsbedarf an Uni Erlangen Wie nach einem Murenabgang

Wenn Archäologen von Grabungen sprechen, dann meinen sie damit nicht, ihre Computer unter Deckenputz hervorbuddeln zu müssen. Doch genau das ist nun in der stark baufälligen Philosophischen Fakultät der Uni Erlangen passiert. Die Mitarbeiter reagieren verärgert - und führen Helmpflicht ein.

Von Olaf Przybilla, Erlangen

Georg Pöhlein ist Franke und kein Mann der großen Emotionen, man merkt das rasch. Aber so ganz hat es den Universitätsfotografen der Archäologie in Erlangen nun doch nicht kaltgelassen, als er sein Büro betrat und erstmal feststellen musste, dass sein Computer unter Deckenputz verschüttet ist und sein Fotostudio ein bisschen so aussieht wie nach einem Murenabgang in der Westschweiz. Bitte keine Dramatisierungen, um Himmels willen, sagt Pöhlein. Aber "a wäng ins Grübeln" sei er da nun schon gekommen.

Martin Boss ist, wenn man so will, Pöhleins Chef, und Boss ist kein Franke, sondern Badener. Und also von anderem Naturell, auch das merkt man ziemlich rasch. Ja klar, schimpft der Leiter der archäologischen Sammlung, man könne auch sagen: "Das hier ist ja jetzt sozusagen das ganz natürliche Lebensumfeld für einen Archäologen." Immerhin müssen sie im Institut momentan ihre Sachen unter Gerümpel zusammensuchen, man trägt Helm, und Pöhlein, der Fotograf, hat seinen Arbeitsplatz auf deckensturzsicheres Terrain ausgelagert: auf den Institutsgang. Aber wenn Boss ehrlich ist, dann ist es ihm gerade eher gar nicht zum Scherzen zumute.

Denn es sei ja nicht so, dass sie im Institut den Finger nie gehoben hätten, wenn irgendwo einer gefragt habe, ob es wohl an Erlangens Universität noch irgendwo Verbesserungsbedarf gebe. Ganz im Gegenteil: Schon zweimal sind in den letzten Jahren Scheiben aus den Fenstern des Seminargebäudes geflogen, aber nicht etwa, weil sie in der Philosophischen Fakultät kuriosen Indoor-Ballsporten nachgehen. Sondern deshalb, weil die Türen offenstanden, und Scheiben diesem Luftzug im Seminar nichts entgegenzusetzen hatten.

Nur verletzt wurde niemand, als das Glas auf dem Platz vor dem Gebäude zerschellte. Boss ist jetzt doch ziemlich in Rage: "Wir fordern ja hier keine Wunderdinge. Sondern nur, dass der Staat Verantwortung für seine Gebäude und die darin arbeitenden Menschen übernimmt, Herrgottzack!"

Noch mal zurück zu Pöhlein, dort ist es etwas leiser. Doch, wenn er recht darüber nachdenke, gebe ihm das schon zu denken, so eine herunterkommende Decke. Wohl in der Nacht ist es passiert, und durch den Zeitpunkt des Abgangs sei ihm "wohl ein Schädelbrummen" erspart geblieben. Und dessen habe er sich versichert: Eine größere Feier haben die Geografen über seinem Büro in letzter Zeit nicht gefeiert. Die Decke ist also, wie soll man sagen, einfach so von selbst heruntergekommen.

Schaden für Leib und Leben

Ein bisschen wirkt Erlangens Universitätskanzler Thomas Schöck ratlos. Natürlich ist das Bauproblem an den Philosophischen Fakultäten bekannt, immer wieder hat er das Wissenschaftsministerium darauf hingewiesen, dass es dort jetzt vor allem darum gehe, "Schaden für Leib und Leben abzuwenden". Aber dass es jetzt wirklich schon so weit gehe, dass einem dort die Decke auf den Kopf zu fallen drohe, das habe er sich nicht ausmalen wollen. Dass er, Schöck, sich als Kanzler kurz vor der Pensionierung noch mal mit so was rumschlagen müsse, habe er nicht für möglich gehalten. Natürlich, sagt Schöck, "Exzellenzgebäude und Klinikneubauten, alles großartig". Aber den Renovierungsbedarf allein an den Altbauten der Philosophischen Fakultät schätzt er auf 40 Millionen Euro.

Das ist schwierig, stehen doch für den Unterhalt maroder Universitätsgebäude in Erlangen jährlich nur 4,1 Millionen Euro zur Verfügung. Dass dies "ein großes Problem ist", sei Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) "sehr bewusst", sagt eine Sprecherin. Würde es in der nächsten Legislatur zu Koalitionsverhandlungen kommen, wäre dies "ein zentrales Thema". Ein wenig müsse man den Ball aber auch zurückspielen. Beim Unterhalt der Substanz könnten Universitäten Schwerpunkte setzen, viele bayerische Unis machten das auch so. "In Erlangen, muss man sagen, wird das so gut wie gar nicht gemacht."

Wie dem auch sei, die archäologische Sammlung in Erlangen bleibt jetzt erst mal geschlossen: Gefahr für Leib und Leben. Und es ist kaum zu überhören, dass sich Martin Boss beherrschen muss, wenn er darüber nachdenkt. "Schon klar, wir liefern hier als Geisteswissenschaft keine Patente, und wir sind auch kein Start-up." Das aber müsse er sich wohl als den Grund für das unwürdig vergammelnde Gebäude vorstellen. Zwar ist die Philosophische Fakultät die größte der Erlanger Universität. Aber diese verstehe sich in der Außendarstellung vor allem als Klinikstandort und Spezialist für Technikstudiengänge. "Dorthin fließt das Geld", schimpft Boss. Und in der Archäologie herrscht nun Helmpflicht.