Religion an Schulen Islamunterricht mit christlicher Leitkultur

"Der jetzige Zustand ist völlig unbefriedigend": Bayerns Kultusminister Spaenle richtet weitere Modellschulen für Islamunterricht ein.

Von K. Riedel

Am Ende fällt es dann doch noch, das Leitwort, das die CSU gewahrt sehen will: Der bayerische Islamunterricht, der ab dem kommenden Schuljahr an möglichst vielen Modellschulen des Freistaats erteilt werden soll, müsse "vor dem Hintergrund einer christlich verankerten Leitkultur verortet werden", sagt Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Spaenle muss das sagen. Denn das, was er jetzt plant, ist genau das Gegenteil von dem, was üblicherweise gemeint ist, wenn es um jene umstrittene "Leitkultur" geht: Abschottung.

Spaenle ist, anders als viele Politiker seiner Partei, davon überzeugt, dass sich die Gesellschaft öffnen muss - gegenüber denjenigen "Menschen aus islamischen Kulturkreisen, die Bayern dauerhaft als Heimat begreifen und nicht nur als Gastarbeiter auf Zeit". Der Schulerfolg von Kindern mit Migrationshintergrund sei ein "Gesamterfolg für die Gesellschaft", sagt Spaenle.

Bislang sei das Abschneiden dieser Schüler "kein positiver Leistungsausweis für das bayerische Bildungswesen", sagt der Minister und betont: "Ich halte den jetzigen Zustand für völlig unbefriedigend."

162.000 Schüler mit Migrationshintergrund in Bayern

Die Zahlen spiegeln dies wider: Nur zehn Prozent der Migrantenkinder erreichen mehr als den Hauptschulabschluss - für Spaenle verschenktes Potential. Die Bildungsstudie Pisa sei "ein Schatten für Bayern". Derzeit besuchen in Bayern 162.000 Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund allgemeinbildende Schulen.

Etwa 100.000 Kinder und Jugendliche sind muslimischen Glaubens. In der internationalen Pisa-Vergleichsstudie hatte sich herausgestellt, dass in keinem deutschen Bundesland der Schulerfolg so eng an die soziale Herkunft gekoppelt ist wie in Bayern.

Ein neuer Begriff von Integration soll jetzt dazu beitragen, dass Kinder ausländischer Eltern besser in der Schule abschneiden. Um Arbeitsgruppen zu bilden, hat Spaenle 24 Bildungsexperten und Interessenvertreter der größten Migrantengruppen Bayerns an einen Runden Tisch geladen. Mehmet Selim Kartal, Türkischer Generalkonsul aus Nürnberg, ist dabei genauso wie Remzi Güneysu von der Islamischen Religionsgemeinschaft Erlangen.

In Erlangen gibt es die erste Versuchsschule, an der islamische Schüler statt des eigentlich verpflichtenden Ethikunterrichts einen eigenen Islamunterricht wählen können - in deutscher Sprache. Das "Erlanger Modell" ist aus einer Kooperation zwischen Stadt, Schulen und der dortigen Universität entstanden. Und dieses Modell soll jetzt bayernweit Schule machen. Wie viele Schulen an dem Modellversuch teilnehmen werden, hängt letztendlich auch damit zusammen, wie viele Lehrer sich zu Islamlehrern aus- oder fortbilden lassen.

Lehrkräfte fehlen

Der Islamunterricht ist kein Konfessionsunterricht. Denn Religionsunterricht im engeren Sinne, das ist gesetzlich verankert, müsste eine islamische Religionsgemeinschaft geben - doch eine anerkannte islamische Gemeinde gibt es nicht in Deutschland, nur sehr viele unterschiedliche Gruppierungen, darunter auch radikale. Deswegen sucht Bayern einen Ausweg. Das Land will vor allem die Gemeinsamkeiten zwischen Christentum, Judentum und Islam betonen.

Erarbeitet haben den Lehrplan für den Islamunterricht Erlanger Professoren gemeinsam mit dem Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) und dem Kultusministerium. An Lehrern, die Islamunterricht erteilen können, herrscht aber Mangel: Gerade türkischstämmige Abiturienten studieren lieber Jura als Lehramt. Denn der Lehrerberuf habe vor allem in der Türkei ein schlechtes Image, sagt Spaenle.

Um das Potential der Migranten besser zu nutzen, will der Kultusminister jetzt die Kompetenzen fördern, die diese Kinder anderen voraus haben, die Muttersprache zum Beispiel. An einigen Münchner Schulen kann man Türkisch zwar als dritte Fremdsprache belegen - um das auszuweiten, fehlen allerdings die geeigneten Lehrkräfte. Der Islamunterricht soll also nur ein Schritt sein, Migrantenkinder und deren Eltern besser in die Gemeinschaft zu integrieren. Der Schwerpunkt müsse auch auf einer Verbesserung der Deutsch-Kenntnisse liegen - schon im Kindergarten.