Untersuchung zu Industrialisierung Das Märchen vom Bauernstand

Rinder der Rasse Gelbvieh werden auch Frankenvieh genannt. Der Name kommt nicht von ungefähr: Besonders viel Gelbvieh gibt es in Franken.

(Foto: David Ebener/dpa)
  • Die Massentierhaltung nimmt auch in Bayern unvermindert zu.
  • Zwar sind andere Bundesländer vor allem bei der Geflügel- und Schweinemast weit vorn, doch auch im Freistaat gibt es immer mehr Großmäster.
  • Umweltschützer kritisieren die Entwicklung.
Von Christian Sebald

Wenn diesen Freitag in Berlin die Grüne Woche, die wichtigste internationale Messe für Landwirtschaft und Ernährung also, ihre Pforten öffnet, wird Agrarminister Helmut Brunner (CSU) gewiss das Loblied auf die bayerischen Bauern anstimmen. Er wird sagen, dass der Freistaat das Bauernland Nummer eins in Deutschland ist, dass jeder dritte Bauernhof Deutschlands in Bayern steht, dass ihre Vielfalt einzigartig ist - kurz: dass hierzulande die Welt der Landwirte in Ordnung ist. Zumindest im Vergleich zu anderen Regionen, wo das Agrarbusiness, wie es auf Neudeutsch heißt, industrielle Ausmaße erreicht hat.

Aber das ist höchstens die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass die Industrialisierung der Landwirtschaft längst auch in Bayern dramatisch voranschreitet. Wie dramatisch, das zeigt der neue Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung und des Umweltverbandes BUND. Ein Blick in die Karten und Analysen macht klar, dass die Region um Landshut in punkto Schweinemast inzwischen mit den Massenhaltungen in den bisherigen Zentren in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mithält, auch wenn die Dimensionen dort noch gigantischer sind.

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Immer mehr Tiere bei immer weniger Mästern

Es ist aber nicht nur die regionale Zusammenballung, die BUND-Chef Hubert Weiger scharf kritisiert. Sondern die Konzentration auf immer weniger Mäster. "Fünf Prozent der bayerischen Schweinemäster haben ungefähr 25 Prozent der Schweine", sagt Weiger, "das hat mit bäuerlicher Haltung nichts zu tun."

Beim Geflügel ist die Entwicklung nicht minder dramatisch. Hier sind längst riesenhafte Großstallungen für Zigtausende Tiere der Standard, wie das auch durch den Salmonellen-Skandal um die niederbayerische Firma Bayern-Ei deutlich wurde. Bei der Hühnermast hatten Weiger zufolge schon vor fünf Jahren "bayernweit nur 16 Mäster mit ihren Großställen die Hälfte aller Mastplätze unter ihrer Regie". Das waren damals ungefähr 2,5 Millionen Mastplätze, die Zahl dürfte inzwischen deutlich überholt sein.

Aktuellere Zahlen gibt es aber nicht. Denn die Staatsregierung hat sich geweigert, für den Fleischatlas Daten über den Zuwachs an Großstallungen seit 2012 herauszugeben. Und zwar obwohl der BUND als Umweltverband nach dem Umweltinformationsgesetz Anspruch auf diese Angaben hat. "Aber wie immer bei heiklen Themen haben die gesagt, dass sie die gewünschten Daten nicht haben", sagt Weiger. Die anderen Landesregierungen haben die angefragten Zahlen geliefert, die eine oder andere freilich etwas zögerlich.

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Bei den Rindern ist die Welt noch ziemlich in Ordnung

Besser als in der Geflügelhaltung sieht es bei den Rindern aus. Die bayerischen Milchbauern haben durchschnittlich 33 Kühe im Stall, das sind 13 weniger als im Bundesdurchschnitt. Doch Weiger befürchtet, dass das schon bald Vergangenheit sein könnte. "Bei den Rindern erleben wir gerade den Umbruch zu immer größeren Einheiten", sagt der BUND-Chef. "Schon jetzt leben neun Prozent oder ungefähr 110 000 Milchkühe in Ställen für mehr als 100 Tiere." In etlichen Regionen gibt es bereits Betriebe mit 300 und mehr Kühen.

Die Milchkrise dürfte den Umbruch beschleunigen, wie es auch beim Milchbauernverband BDM heißt. "Wenn zurzeit ein Milchbauer mit 50 Kühen aufgibt, übernimmt sofort ein anderer die Tiere", sagt BDM-Sprecher Hans Foldenauer. Anders gesagt: Zwar werden die Milchbauern immer weniger, aber es dürfte bei den 1,2 Millionen Milchkühen in Bayern bleiben, die Ställe werden halt immer größer.

Auf der Grünen Woche wird Agrarminister Brunner sich sicher auch wieder zur kleinteiligen, bäuerlichen Landwirtschaft bekennen. "In so einer Landwirtschaft haben aber Großstallungen für Tausende Tiere keinen Platz", sagt Weiger. Wenn Brunner es ernst meine mit seinem Bekenntnis, so sagt der BUND-Chef, müsse er Konsequenzen ziehen. "Der erste Schritt wären endlich klare Obergrenzen für Ställe."

Informationen zum Thema Massentierhaltung hier: www.fleischatlas.de