Künstlerdorf in der Oberpfalz Kräftig ins Gesicht gemalt

Der 92-jährige Johann Baptist Lell erinnert sich noch gut an die Künstler, die es seit Anfang 1900 nach Kallmünz zog - vor allem an eine geschminkte Dame mit breitem Hut. Bis heute gibt es in dem Markt an der Naab mehr Galerien als Gaststätten.

Von Heiner Effern, Kallmünz

Ein feiner Herr mit Papierbögen und Staffelei, der sich einen Standplatz in einer engen Gasse, oder gar in der Nähe eines Misthaufens sucht. Das war Ende der 1920er Jahre in Kallmünz schon nichts mehr, was einen acht Jahre alten Buben wie Johann Baptist Lell aus der Fassung gebracht hätte. Doch die Dame mit den Malutensilien und dem obligatorischen breiten Hut, die ließ Baptist entsetzt zu seinem Vater laufen. Er müsse sofort von der Werkbank weg und diese Frau ansehen, drängte der Sohn. Diese Dame habe nicht nur auf Papier gezeichnet, sondern sich auch kräftig ins Gesicht gemalt. Mit roter Farbe, direkt auf den Mund. "Ich habe sie nur angegafft", sagt Lell. Die Künstlerin habe das aber nonchalant ertragen.

Bilder wie diese kann Baptist Lell auch mit 92 Jahren noch hervorzaubern. Auch wenn die Augen so nachlassen, dass er selbst nicht mehr zum Pinsel greifen kann, seine Erinnerungen kann er noch immer in bunten Farben schildern. Kallmünz und die Künstler, diese Verbindung erlebte er schon als Bub. Den Gegensatz zwischen Handwerkern, die zum Überleben nebenbei eine kleine Landwirtschaft betrieben, und den feinen Herrschaften, die zwar auch oft nicht wussten, was sie essen sollten, sich aber weltläufig gaben. Doch früh schon färbten die einen auf die anderen ab. Ein idealistischer Lehrer unterrichtete die Kinder im Malen von Aquarellen, bei einigen wie Johann Baptist Lell hat das lebenslang Spuren hinterlassen. Seine Frau erhielt zum 80. Geburtstag nicht die Standardvariante Blumenstrauß, sondern ein selbst gemaltes Bild. Eine blühende Mohnwiese.

Die Ruine der alten Burg thront über der Marktgemeinde Kallmünz, in der sich bekannte Maler niederließen.

(Foto: Effern)

Zwei Welten prallen aufeinander

Dass in Kallmünz zwei Welten aufeinanderprallten und manchmal auch verschmolzen, lag an den Malern, die zur Jahrhundertwende in der Natur Motive suchten. Der Münchner Professor Charles Johann Palmié entdeckte 1901 für seine Malschule das pittoreske Kallmünz und mietete sich den Sommer über ein. Die engen Gassen, die um den Schlossberg herumführen. Die alten, bunten Häuser, die vom längst vergangenen Reichtum zeugten, als der Markt noch ein Zentrum der längst eingeschlafenen Schifffahrt auf Naab und Vils war. Die Burgruine, hoch auf dem Jurafels thronend. Bis heute hat sich Kallmünz das Flair bewahrt, das Palmié faszinierte.

Doch der Professor war nur der Wegbereiter für Kallmünz, seinen Platz in der Kunstwelt verdankt der Ort einem Maler, der nur einen Sommer hier verbrachte. 1903 zog für einige Monate Wassily Kandinsky mit seiner Malschule Phalanx an die Naab. Unter seinen Eleven befand sich eine junge Dame namens Gabriele Münter. Sie malten, sie fotografierten und sie feierten - und was in keiner Geschichte über Kallmünz fehlt: Sie verlobten sich. Im Ort erzählt man sich, dass Fräulein Münter anfangs wenig begeistert davon gewesen sei, sie soll Kandinsky gar den Ring hingeschmissen haben. Es gab schließlich ein Problem: Der Mann war schon verheiratet.

Johann Baptist Lell hat viele Künstler in Kallmünz kommen und gehen sehen. Die Familie von Georgine Habla besitzt schon seit Jahrhunderten das Wirtshaus, in dem die Künstler dinierten.

(Foto: )

Gewohnt haben Kandinsky, Münter und viele andere im Künstlerheim "Zur Roten Amsel", einer damals jungen Gastwirtschaft. Wirtin Georgine Habla, 74, sperrt Gästen gerne den Saal auf, in dem die Künstler damals dinierten - und es sich gut gehen ließen. "Ein lustiges Volk" sei das gewesen, sagt die Wirtin, deren Familie seit 400 Jahren das Anwesen besitzt. Fotos hängen im Saal, und auch Drucke von Bildern, auf denen oftmals Kandinsky und Münter zu sehen sind. Den Namen "Zur Roten Amsel" habe die Wirtschaft vermutlich vom Künstler Palmié, sagt die Wirtin. "Der hat eine rothaarige Frau gemalt und das Bild 'Die rote Amsel' genannt." Bald hieß auch das Künstlerheim so.

Das "Gekritzel" wurde anderweitig verwertet

Mancher hatte jedoch weniger Verständnis für diese Hungerleider, die zwar das gute Bier genossen, sich aber zugleich über das verschlafene Nest mokierten. Eine alte Kallmünzerin soll auf ihrer Kommode jahrelang eine Zeichnung von diesem "dürren Russen" gehabt haben. Irgendwann hat sie, so erzählt es Ortsführerin Rosa Donauer, in schlechten Zeiten dieses "Gekritzel" in Streifen geschnitten und einer sinnvollen Verwendung zugeführt: dem sauberen Abschluss eines Toilettengangs.

Doch heute gibt es in Kallmünz mehr Galerien als Gastwirtschaften, im alten Rathaus stellt gerade die örtliche Malergruppe aus, und Menschen wie Johann Baptist Lell haben ihr Leben mit der Kunst und auch auswärtigen Künstlern verbracht. Auch wenn Lell eine Zeit lang lieber auf dem Hochsitz saß als vor der Staffelei stand: Die Faszination für die Kunst hat ihn sein Leben lang begleitet.

Für den Tipp bedanken wir uns bei Johanna Strelzik aus München.