Künstler Timo Kahlen Tanz ohne Insekten

Tote Insekten auf einem Lautsprecher: Im Amberger Luftmuseum ist das Kunst. Leider wusste das die Putzfrau nicht. Die hat die toten Hornissen weggesaugt. Ein Gespräch mit dem Künstler.

Interview: Max Hägler

Maria Wisgickl ist eine zuverlässige Putzfrau. Als die 72-Jährige im Luftmuseum Amberg tote Hornissen fand, hat sie diese sorgfältig weggeputzt. Was sie nicht wusste: Die Insekten waren Teil einer Installation des Berliner Künstlers Timo Kahlen.

Tote Hornissen sollen auf den Lautsprecherboxen tanzen - durch Vibration.

(Foto: Johannes Simon)

SZ: Herr Kahlen, Gratulation, Ihre Ausstellung wird gerade richtig bekannt. Sind Sie zufrieden?

Timo Kahlen: Nun ja, es geht derzeit ja gar nicht mehr um meine Kunst.

SZ: Jeder Text in der Lokalpresse über die Ausstellung nimmt Bezug auf die von Joseph Beuys gestaltete Kunst-Badewanne, die ehedem aus Versehen gereinigt wurde. Das ist doch gutes Marketing.

Kahlen: Es ist eine kleine nette Geschichte, die zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf Kunst zugehen und das ist ja auch interessant für mich als Künstler. Aber als Marketing brauche ich das in der Form nicht, weil es ja nicht um meine Arbeit geht.

SZ: Die Sache Beuys landete damals vor Gericht. Sie wirken nachsichtiger.

Kahlen: Für mich ist das Geschehen in Amberg wie Komik, wie ein kleines Theaterstück, was aber nicht so sehr an der Putzfrau liegt. Ich schaue mir das von außen an und denke mir: Aus einer Mücke einen Elefanten machen, funktioniert offensichtlich auch mit Hornissen. Die Prioritäten der Zuschauer, der Medien verwundern mich. Wahrscheinlich liegt es an der Fallhöhe: Jemand macht Kunst und dann passiert etwas ganz Menschliches.

SZ: Wofür brauchen Sie die Hornissen eigentlich?

Kahlen: Ich arbeite seit 25 Jahren mit Dampf, Wind und Strahlung, mit nicht greifbaren Medien. Die Arbeit, um die es geht, heißt "Tanz für Insekten". Die Hornissen liegen auf Lautsprecher-Membranen und wenn die angeschaltet werden, bewegen sich die Insekten, ganz so, als würden sie tanzen. Es entsteht mit ganz minimalistischen Mitteln ein Zwischenwesen, das die Grenzlinie zwischen Leben und Tod zu überschreiten scheint.

SZ: Haben Sie Ersatz für Ihre Hornissen, die so schnöde aus Ihrem Zwischenleben gerissen wurden?

Kahlen: Das hat mich am meisten beschäftigt: Wie bitte finde ich Ersatz dafür? Ich hatte nur zwei Hornissen und töte ganz sicher keine für die Kunst. So dachte ich, das war's dann, und die Arbeit wird weiter existieren mit toten Stubenfliegen, als Ersatz.

SZ: Stubenfliegen sind doch auch schön.

Kahlen: Aber sie sind nicht so skulptural. Und der Chitin-Panzer von Hornissen macht seinen eigenen Klang auf dem Lautsprecher. Inzwischen hat Wilhelm Koch vom Luftmuseum in Amberg herumgefragt - und tatsächlich andere tote Hornissen aufgetrieben. Und Frau Wisgickl weiß jetzt Bescheid.