Sicherlich war eine solche Bevormundung des Publikums nicht im Sinne der Gründerväter des Bayerischen Rundfunks. Als der Direktor der US-Militärregierung in Bayern, Murray van Wagoner, vor genau 60 Jahren, am 25.Januar 1949, die Lizenzurkunde an den BR-Intendanten überreichte, stand darüber als ungeschriebenes Gesetz: "Der Rundfunk gehört niemandem." Das war die Formel, nach der anno 1945 der Wiederaufbau des Radios in Bayern begonnen hatte. Es sollte nie mehr wieder zum Sprachrohr des Staates werden.

Logo des Bayerischen Rundfunks (© Foto: dpa)

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Nun war aus dem seit 1945 von den Amerikanern kontrollierten Radio Munich der Bayerische Rundfunk geworden. In den Staatsvertrag wurde dick hineingeschrieben: Sein Programm hat der Information, der Bildung, der Beratung und der Unterhaltung zu dienen. Am 22. September 1964 startete dann der eigene TV-Kanal.

In jenen Jahren hat der BR die Vorgabe des Staatsvertrags bisweilen übererfüllt, manchmal aber auch sträflich vernachlässigt. Bedenklich wurde die Lage vor allem dann, wenn die Politik den Rundfunkrat, die Intendanz und sogar die Redaktionen kontaminierte. Es war oft zum Herzerbarmen, mitansehen zu müssen, wie sich BR-Reporter vor laufenden Kameras im Gespräch mit den Großkopferten der Staatsregierung als unterwürfige Kasperlköpfe selbst karikierten.

Und doch haben es die Parteihengste nicht geschafft, den guten Journalismus im Bayerischen Rundfunk abzuwürgen. Man könnte eine ganze Litanei von Sendungen aufzählen, die für Furore gesorgt haben, etwa die Formate des Jugendfunks, wo die großen Showmeister der Republik aus den Windeln schlüpften, etwa Thomas Gottschalk und Günther Jauch.

Identitätsstiftung in Zeiten der Globalisierung

Auch Fernsehserien wie etwa die Grandauers werden in ihrer Fülle die Zeiten noch lange überdauern. Den vielkritisierten Trash-Formaten des Privatfernsehens setzte der BR das Bildungsfernsehen BR-Alpha entgegen, den einzigen Sender der Republik, der es wagt, am Samstagabend stundenlange Universitäts-Vorlesungen, und sei es über die Rechtfertigungslehre bei Paulus und Augustinus, zu übertragen.

Unstrittig ist auch, dass der BR in den Zeiten der Globalisierung mehr Identität stiftet denn je. Er prägt das gängige Bayernbild nachhaltig mit, und wenn er das Seppl-Klischee mit so manchem Bauerntheater nach Kräften genährt hat, so stehen daneben halt auch die Klassiker: Formate wie Unter unserem Himmel, Spessart und Karwendel, Schwaben und Altbayern, die zwar wie ein Tranquilizer wirken, wie es Moderator Fritz Egner ausgedrückt hat, aber selbst er macht mittlerweile die Erfahrung: "Wenn ich die Zither von Unter unserem Himmel höre, dann löst dies Heimatgefühle aus."

Der Bayerische Rundfunk, das sind auch unvergessene Reporter, die zum Alltag gehören wie das tägliche Brot. Was wäre ein Samstag ohne die Radiosendung "Heute im Stadion", die rasende Reporter wie Oskar Klose hervorbrachte ("Die Bayern spielen völlig kopflos, sie wollen mit dem Kopf durch die Wand.") und Günther Koch, der den Ball durchs Hosentürl ins Kisterl rollen ließ.

Doch selbst in den besten Sendungen schimmert im BR immer wieder jener Dualismus durch, der die Bayern so unberechenbar macht. Beim BR schaut das so aus, dass es bei den Comedyabenden am Freitag nicht krachert und derb genug hergehen kann, während in den Nachrichten- und Magazinsendungen das Hannoveranische Idiom zum Maß aller sprachlichen Dinge wurde, damit nur ja kein bayerischer Wohlklang zu hören sei. Was wiederum dazu führt, dass Radiomoderatoren des BR ihren Hörern weismachen wollen, das urbayerische Volkssprüchlein "Momadu, nana Badda, Baddamadu" sei ein Stammesgesang aus Afrika.

In den "Münchner Geschichten" hätte die große Schauspielerin Therese Giehse, sie spielte die Oma des Tscharlie, für solche Ausrutscher vermutlich sogar Verständnis gezeigt. Ihre Gelassenheit und ihr Leitspruch böten dem BR für die Zukunft eine weise Orientierung: "Wer morgens dreimal schmunzelt, mittags nicht die Stirne runzelt, abends singt, so dass es schallt, der wird hundert Jahre alt."

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(SZ vom 24.01.2009)