Gewalt gegen Rettungskräfte Sanitäter mit Stichschutzweste

70-mal sahen sich seither ihre Leute gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt, 70-mal in sieben Monaten wurde einer bespuckt, einer getreten, einer geboxt. Ein Angehöriger eines Verletzten, der in ein Krankenhaus gebracht werden sollte, hat kürzlich die Heckscheibe eines Einsatzfahrzeugs zertrümmert. Die Liste führt mögliche Gründe für die Übergriffe auf, sie versucht es jedenfalls.

Dienst nur noch mit Schutzweste: zwei Nürnberger Rettungskräfte.

(Foto: oh)

Natürlich steht dort oft "Alkohol" oder "Drogenmissbrauch", bisweilen aber auch einfach nichts: Weil sich niemand wirklich erklären kann, warum da jemand gegen einen Helfer gewalttätig geworden ist. Zum Spaß, erzählt Brigitte Lischka, "sagen wir uns manchmal: Mensch, wir sind doch die Guten". Der Spaß aber ist in letzter Zeit immer mehr gewichen, jetzt bleibe da oft nur noch Fassungslosigkeit.

45 Sanitäter des Bayerischen Roten Kreuzes in Nürnberg haben sich inzwischen eine Stichschutzweste zugelegt. Sie mussten diese selbst bezahlen, denn eine Schutzweste für Rettungskräfte - das zählt bislang nicht zu jener Schutzkleidung, die von Krankenkassen für notwendig erachtet wird. Man wolle das Geld - eine Weste kostet 100 Euro - demnächst aber den Mitarbeitern ersetzen, sagt Lischka. Schließlich legten sich die Retter ihre Weste nicht zum Spaß an.

Was ist los mit einer Gesellschaft, die auf ihre Helfer losgeht? Was passiert da in den Köpfen von Meschen? Oder ist das alles übertrieben, oder gar nur die subjektive Wahrnehmung von Betroffenen?

Stefan Plank, er ist Notarzt in Nürnberg, hält lange inne, ehe er antwortet. Dann beginnt er mit dem vermeintlich Einfachsten: Die rein subjektive Wahrnehmung derer im Einsatz "ist das sicher nicht", sagt der Notarzt. Er kenne praktisch keinen Helfer, der andere Erfahrungen mache. Und dann sagt er etwas, was die Denkpause erklärt: "Ehrlich gesagt: Ich glaube, es gibt keine wirkliche Erklärung für diese Zunahme von Gewalt."

Plank trägt selbst keine Stichschutzweste. Er ist der Meinung, dass nur eines wirklich helfe in bedrohlichen Situationen: "Weglaufen - und dann Hilfe rufen", sagt er, "etwas anderes bleibt uns nicht übrig." Andererseits kennt der Notarzt natürlich das Gegenargument: Es gibt Situationen, in denen Weglaufen nicht mehr möglich ist. So sagt ihm das auch ein Kollege, ein Notarzt, der inzwischen bei jedem Einsatz eine Schutzweste anlegt. Plank will das nicht. "Wo soll das alles enden?", frage er sich.

Am Ende versucht er doch noch eine Erklärung: "Der Respekt vor den Hierarchien ist weg." Früher habe sich automatisch eine Gasse gebildet, wenn er als Notarzt zum Unfallort kam. Heute müsse er dafür regelrecht um Erlaubnis bitten.