Bürgermeister von Bodenmais Der Sanierer im rosa Rathaus

Michael Adam hat in Bodenmais eine Herkulesaufgabe zu stemmen. Dass er erst 23Jahre alt und schwul ist, stört niemanden.

Von Manfred Hummel

"Die ersten Wochen waren wirklich hart", sagt Michael Adam, "es war die Katastrophe." Der junge Mann mit Bürstenfrisur, dunkler Hose und dunkel gestreiftem Sommerhemd, erzählt nicht etwa von seinem neuen Job in einer Bank, er beschreibt seinen Start als Bürgermeister der Gemeinde Bodenmais im Bayerischen Wald.

Der 23-jährige Michael Adam hat als Bürgermeister von Bodenmais viele Probleme zu lösen.

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23 Jahre alt, Sozi, Politikstudent, evangelisch und auch noch schwul, diese Attribute machten bundesweit Schlagzeilen, als es Adam in der Stichwahl im Frühjahr gelungen war, den 18 Jahre lang regierenden Amtsinhaber Fritz Wühr von der CSU aus dem Rathaus zu katapultieren. Mit 56 zu 44 Prozent wurde er gewählt und ist seitdem einer der jüngsten Bürgermeister der Republik. Einen älteren hätten die Startprobleme womöglich auch in die Verzweiflung gestürzt.

Von der Niederlage tief getroffen, verweigerte der Amtsvorgänger eine ordentliche Übergabe. Im Büro fand Adam keine Akten vor, das Gemeindekonto war bis zum Limit überzogen, es fehlte ein Haushaltsplan und vor allem fehlten Mitarbeiter: Zwei in Altersteilzeit, einer abgewählt, der Geschäftsleiter krank.

Adam musste sich in die Details hineinknien und könnte jetzt selbst den Bedarf für einen Kindergarten ermitteln. 18 Stunden dauerte oft so ein Arbeitstag. Im Landratsamt Regen waren sie verwundert, dass der Bürgermeister alles selber macht. Dann hatten sie ein Einsehen und halfen ihm. Adam macht auch nicht den Eindruck, als dass er sich unterkriegen lassen würde. Bis in die Spitzen der gegelten blonden Haare brennt er darauf, seine Gemeinde umzukrempeln.

Adam wohnt noch bei den Eltern

Wir treffen ihn für eine Hundert-Tage-Bilanz zunächst im propperen, rosa getünchten Rathaus. Hat es deshalb blöde Anspielungen gegeben? "Nein", sagt er und lacht, "das hat noch mein Vorgänger anstreichen lassen, da konnte er noch nichts ahnen." Adam greift sich schnell sein Smartphone und sagt seiner Sekretärin Bescheid. Sie könnte seine Mutter sein. Tatsächlich ging Martina Mansouri zusammen mit Adams Mutter in die Volksschule. "Ich komme sehr gut mit ihm zurecht", sagt sie.

Solche lobenden Worte sind an diesem Bilderbuchsommertag im Bayerwald öfter zu hören. Der Bürgermeister wohnt noch daheim bei seinen Eltern, hat eine ganze Etage für sich, seit die Zwillingsschwester ausgezogen ist. "Warum soll ich eine Wohnung zweihundert Meter daneben mieten. Das wäre rausgeschmissenes Geld."

Geld, Geld und noch einmal Geld, darum drehte sich alles seit dem Amtsantritt. Mit knapp 17 Millionen Euro ist Bodenmais eine der höchst verschuldeten Gemeinden Bayerns, noch immer droht die Zwangsverwaltung. Der Kommunale Prüfungsverband filzte die Gemeindeakten und bescheinigte dem Ex-Bürgermeister eine "ungewöhnliche Amtsführung".

Er habe jedoch nicht böswillig gehandelt, sondern aus Unvermögen. Etliche Millionen Steuern seien über die Jahre buchstäblich in den Sand gesetzt worden, klagen die Kritiker.

Immer weniger Gäste

Was noch viel schlimmer ist: Bodenmais am Großen Arber lebt vom Tourismus, und der ist seit Jahren rückläufig, nicht nur wegen der hohen Spritpreise. Es gibt hier 7000 Gästebetten in 20 großen Hotels bei nur 3400 Einwohner. Dazu gibt es fast 60 Pizzerien und Lokale. Vor deren Türen locken großformatige Schilder wie "Schweinshaxe mit Kraut, Knödel und einer halben Bier zu 8.50 Euro". Doch viele Plätze bleiben leer. Die klassische Klientel stirbt langsam weg.

"Wenn wir die Ossis nicht gehabt hätten", erzählt Busfahrer Franz Weinberger, "wäre der Einbruch noch viel früher gekommen." Hatte Bodenmais 1996 noch eine Million Übernachtungen, schrumpfte die Zahl 2007 auf 650.000. Die Hoteliers und Gastwirte wurden unruhig.

Es musste etwas passieren. Nur was? Am Komfort der Häuser lag es nicht. Über die Jahre wurde investiert. Mehr verraten Auszeichnungen wie der geschnitzte Holzkopf "Wanderkönig" oder die "Langlaufnadel in Gold". Sie haben ihre Anziehungskraft verloren.

Junge Familien mit Kindern springen auf andere Angebote an, weiß Adam. Eine Woche Pauschalurlaub inklusive Besuch des gerade modernisierten Hallenbades etwa, Rafting und Radeln oder im Winter Langlauf auf einer der schneesichersten Loipen weit und breit. Doch diese Attraktionen sind offenbar noch zu wenig bekannt. "Wir müssen mehr werben, damit die Fremden überhaupt wissen, wo Bodenmais liegt", sagt Gabriele Meier, Wirtin vom Gasthof Franzl. Mit dem Neuen im Rathaus ist sie zufrieden. "Jetzt passiert wieder was. Da war alles eingeschlafen."

Auch der letzte Versuch der alten Mannschaft, wieder mehr Touristen in den Ort zu bringen, hatte in einem Desaster geendet. Sie hatten eine Tourismus-Gesellschaft gegründet, die sich ums Marketing und den Vertrieb kümmern sollte. Zu unprofessionell, wie sich heraus stellte.

Aufbruchstimmung im Ort

Weil deren Konstruktion sowohl gegen EU-Recht als auch gegen die Gemeindeordnung verstieß, geriet sie in Schieflage. Es drohte sogar die Insolvenz. Da reichte es den Bodenmaisern endgültig. Sie waren bereit, über ihren Schatten zu springen und einem unkonventionellen Kandidaten zu vertrauen.

Adam wiederum hätte nie geglaubt, das Rennen zu machen. Die Bayerwaldler schämten sich nicht für einen schwulen Bürgermeister, ganz im Gegenteil. Sie sind angetan von der bundesweiten Medienpräsenz. "Er hat sich nicht schlecht verkauft", heißt es stolz, Bodenmais sei in aller Munde.

Adam arbeitet derweil hart an der Sanierung der Gemeindefinanzen. Nahezu alle Gemeindesteuern hat er empfindlich erhöht, doch der Sturm des Protests blieb aus. Der Haushalt wurde einstimmig verabschiedet, auch die CSU zog mit. Im Ort sei Aufbruchstimmung zu spüren, schrieb die Lokalzeitung. Das liegt sicher auch am jugendlichen Elan des Bürgermeisters.

Die Zeit wird knapp. Adam wird bei einer Goldenen Hochzeit erwartet. "Solche Termine sind mir wichtig", sagt er und flitzt in einem Kleinwagen davon.