Wie Kultusminister Ludwig Spaenle Grundschülern den Übertritt an höhere Schulen erleichtern will.
Eltern klagen über den Notendruck in der vierten Klasse. Das Kabinett beschließt deshalb am Dienstag ein neues Übertrittsverfahren von der Grundschule an Haupt-, Realschule und Gymnasium. Kultusminister Ludwig Spaenle will die Übertrittsentscheidung an das Ende der fünften Klasse verlegen. Eine längere Grundschulzeit, wie sie die Opposition fordert, lehnt er jedoch ab.
Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) (© Foto: dpa)
Anzeige
SZ: Sie wollen mehr Zeit für die Übertrittsentscheidung, gleichzeitig sollen Schüler weiterhin nach der vierten Klasse die Grundschule verlassen? Wie passt das zusammen?
Spaenle: Es geht nicht darum, das Verfahren um ein Jahr zu verzögern. Es geht um dreierlei: Zeitdruck herausnehmen, die Elternbeteiligung und -beratung stärken und eine Förderkultur schaffen.
SZ: Können Sie das konkretisieren?
Spaenle: Wir wollen schon in der dritten Klasse mögliche Bildungswege und Abschlüsse sowie Anschlussmöglichkeiten aufzeigen. Eltern sollen über die Entwicklung ihres Kindes laufend informiert werden. Für die Vierte gilt dann: Entzerren und Zeitdruck herausnehmen. Dazu gehört, dass in den drei entscheidenden Fächern Deutsch, Mathematik, Heimat- und Sachkunde eine Richtzahl an Proben nicht mehr überschritten werden darf. Und wir werden Lern- und Prüfungsphasen klarer trennen. Zum Beispiel kann es von September bis Oktober eine Lernphase geben; anschließend sind dann zwei Wochen für Proben vorgesehen.
SZ: Der Notendruck aber bleibt, wenn Schüler ein Übertrittszeugnis erhalten, das über den Schulbesuch entscheidet.
Spaenle: Bei der Wahl der weiterführenden Schule muss die Leistungsfähigkeit der Schüler eine Rolle spielen. Wenn aber fortan alle ein Übertrittszeugnis erhalten, wird es zu mehr Übertritten an Realschule und Gymnasium kommen.
SZ: Was bleibt, ist auch die Notengrenze: Für den Übertritt ans Gymnasium wird im Fächerdurchschnitt eine 2,33 verlangt, für die Realschule eine 2,66.
Spaenle: Wir brauchen weiterhin eine Leistungsorientierung, wenn wir das hohe Niveau bayerischer Schüler halten wollen. Gymnasium und Realschule sind anspruchsvolle Schulzweige. Jahresverlaufsnoten sind ein guter Prognosewert dafür, ob ein Kind mithalten kann.
SZ: Wie aber wollen Sie dann den Elternwillen stärken?
Spaenle: Alle bisherigen Studien haben gezeigt, dass eine völlige Freigabe des Elternwillens zu mehr Bildungsungerechtigkeit führt. Wir setzen lieber auf einen anderen Weg: Neben der Schullaufbahnempfehlung und der Durchschnittsnote eröffnen wir einen Korridor für den Probeunterricht. Wer künftig die Note Vier in Mathematik und Deutsch hat, kann auf Wunsch der Eltern die Realschule oder das Gymnasium besuchen. Auch dadurch kann es zu deutlich mehr Übertritten kommen als bisher. Die Eltern sollen hier ein wirksames Mitspracherecht haben. Sie entscheiden nach der Beratung und in eigener Verantwortung, wohin das Kind gehen soll. Bei schlechteren Noten ist der Übertritt aus pädagogischen Gründen und mit Blick auf das Kind nicht vertretbar.
SZ: Was geschieht am Ende der fünften Klasse? Wann darf ein Kind an der gewählten Schulart bleiben?
Spaenle: Wenn es das Klassenziel erreicht. Dass es das schafft, dafür werden wir an allen Schularten in der fünften Klasse Angebote zur individuellen Förderung einrichten. Kinder, die nicht versetzt werden, können zudem die Klasse wiederholen. Doch soll der Lehrer den Eltern nochmals eine klare Schullaufbahn-Empfehlung mit auf den Weg geben.
SZ: Warum lehnen Sie die sechsjährige Grundschule ab? Die Opposition fordert sie, und selbst die Union setzt sie in Stadtstaaten wie Hamburg um.
Spaenle: Untersuchungen belegen keine Verbesserung der begabungsgerechten Förderung, wenn Schüler später auf die Schularten verteilt werden.
(SZ vom 02.03.2009)
Die neueste Antwort
Wie wenig durchdacht diese Ideen zum Übertritt sind zeigt sich am Beispiele "Lern- und Prüfungsphasen". Wer glaubt allen Ernstes, dass bei einer Konzentration der Proben auf zwei Wochen der Druck weniger wird? Nur Ahnungslose oder Phantasten. Wenn nur noch wenige Proben geschrieben werden, kann bereits ein Fehltritt eine schlechte Jahresdurchschnittsnote bedeuten. Eine größere Zahl von Proben reduziert dieses Risiko. Gut verteilte Proben garantieren aber auch, dass die Schüler regelmäßig lernen und nicht nur auf die nächste Probe. Ich schlage vor, dass der Kultusminister nochmal mit sich in Klausur geht, bevor er weiteren Unsinn von sich gibt.
Die bisherige Übertrittsregelung ist hier doch sehr verkürzt dargestellt. Tatsache ist, dass für den Übertritt an die Realschule eine 2,66 meist nicht ausreicht. Mit der Einführung der 6-stufigen Realschule wurde die Übertrittsregelung so verschärft, daß der Unterschied zwischen der Gymnasialempfehlung und der Realsschulempfehlung minimal, und der Übertritt via Probeunterricht fast die Regel ist. Mit diesem zusätzlichen Stress für die betroffenen Kinder und dem nicht unerheblichen Aufwand für die Realschulen wurde das gute Erscheinungsbild der Realschulreform erkauft.
"Untersuchungen belegen keine Verbesserung der begabungsgerechten Förderung, wenn Schüler später auf die Schularten verteilt werden."
Gibt es also Untersuchungen, die Verbesserungen bei seiner Vorgehensweise belegen?
Oder wird hier nur wieder Unliebsames vom Tisch gewischt, frei nach dem Motto : "es liegen noch keine Berichte ueber erhoehte Gesundheitsgefaehrdung nach 10 Generationen in Asse vor, also kippen wir weiter rostige Faesser da ab (ist ja weit weg von Bayern)" ?
Endlich ein substanzieller Beitrag, der voller unumstößlicher Argumente ist. Weiter so!
...ein Lehrer mit seinem Rotstift drübergegangen.
Der sollte sich aber mal bei seinen Kollegen erkundigen.
Bei meinen Kindern ist das nämlich genauso und der Lehrer schiebt alles aufs KuMi.
Also Rotstift einpacken und richtig erkundigen...
Paging