In Lateinamerika verschwindet die einst ruhmreiche Eisenbahn - warum die Argentinier die Züge mit Steinen bewerfen und die Nordamerikaner die Straße bevorzugen.
Der Zug zu den Wolken verlässt den Bahnhof von Salta dreimal in der Woche morgens um sieben. Aus den Lautsprechern tönt andine Flötenmusik, viele Fahrgäste haben Kühltaschen mit Brotzeit und Bier mitgebracht. Im Sanitätswagen macht die medizinische Crew die Sauerstoffflaschen klar. Es wird eine lange Fahrt. 16 Stunden benötigt die 40 Jahre alte General-Electric-Diesellok, um den Tren a las Nubes 230 Kilometer weit und mehr als 3000 Höhenmeter hoch hinauf in die nordargentinischen Anden zu ziehen. Auf den ersten Kilometern aber fühlt man sich wie im Panzerzug aus dem Film "Dr. Schiwago", denn: Während der Fahrt durch die Vororte müssen metallene Blenden vor die Fenster gezogen werden. Warum, das erklärt Schaffner Nelo Pañagua: "Die Leute hier verstehen den Zug nicht und werfen mit Steinen."
Der Prunk der zwanziger Jahre ist verschwunden - heute zieht eine 49 Jahre alte Diesellok den Touristenzug "Tren a las Nubes". (© Foto: istock)
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Meisterwerke der Ingenieure
Wie auch sollen unterernährte Kinder und arbeitslose Jugendliche in den Armenvierteln verstehen, warum in aller Frühe ein Zug mit schrillem Pfeifen vorbeirattert, den sie sowieso nie nehmen werden? 160 Dollar kostet die Fahrt für Ausländer, 100 Dollar für Argentinier - das leisten sich nur die Reichen aus Buenos Aires. Und obendrein fährt dieser Zug nirgendwo hin. Früher führte die Strecke mal ins chilenische Antofagasta am Pazifik, auf die andere Seite der Anden. Jetzt endet die Fahrt am Viadukt La Polvorilla in 4144 Metern Höhe - wer in der dünnen Luft noch gehen kann, steigt kurz aus und fotografiert die Brücke. Dann zuckelt der Zug durch Salzwüsten und staubige Einöden voller Kakteen zurück nach Salta.
Touristenzüge wie der argentinische Tren a las Nubes oder der nach dem Entdecker Machu Picchus benannte Hiram Bingham in Peru sind Überbleibsel des einst gewaltigen lateinamerikanischen Schienennetzes. Gleise durchquerten Urwälder, Andentäler und Wüsten. Sie transportierten Menschen, Bananen, Salpeter, Zuckerrohr, Erz. In Peru veränderte der Eisenbahnbau die Bevölkerungsstruktur, er brachte die Asiaten ins Land. Der Tren do Pantanal erschloss die Weite des Mato Grosso in Brasilien.
Ohne Zahnräder
Gewaltige Ingenieurleistungen waren das. Der Tren a las Nubes kommt ohne Zahnräder aus, die steilsten Stücke überwand Ingenieur Ricardo Maury in den zwanziger und dreißiger Jahren, indem er sich Ziegen und Vögel zum Vorbild nahm. Er baute einen Zickzackkurs wie bei Ziegenpfaden, der Zug stößt vor und zurück, um an Höhe zu gewinnen; Spiralkehren ahmen den Steigflug der Schwalben nach. Die Stahlteile für das Viadukt La Polvorilla, 220 Meter lang und so hoch wie ein 20-stöckiges Haus, wurden aus Italien über den Atlantik verschifft.
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Übrigens fährt der Tren a la nubes - glaube ich - zur Zeit gar nicht. Die hatten Probleme mit der Bremse. Völlig richtig, dass ein Zug nach nirgendwo keinen Sinn macht, sowenig wie ne Spazierfahrt im Auto. Es gab hier in Argentinien eine interessante Initiative gegen den geplanten Hochgeschwindigkeitszug. Vor ein paar Monaten wurden Unterschriften gesammelt (eine Million waren wohl notwendig) um die Regierung von einem teuren High-Tech-Projekt abzubringen und stattdessen für weniger Geld alle Gleise in Ordnung zu bringen und einen Großteil des Schienennetzes wieder zu reaktivieren. Jetzt ist wieder Ruhe, man hört nicht mehr davon.
Noch zu einigen Kommentaren: wer meint in Deutschland seien die Verhältnisse ¨ähnlich wie in den "Bananen-Republiken" ´Südamerikas, der kennt die Verhältnisse hier nicht ....Was nicht heißen soll, dass Korruption, Misswirtschaft und Bürgerferne nicht auch im Abendland immer mehr zunehmen.
wer Lust hat kann bei Bahn-TV ein Filmchen sehen über la Trochita, einen anderen Zug nach nirgendwo in Argentinien, ich habe den Film gemacht ohne den Aberwitz von Touri-Bähnchen zu problematisieren ...
war früher sehr wohl ein von der Bevölkerung genutztes Reise- und Transportmittel. Dass sich heute niemand, der bei Verstand ist, diese Preise leistet, dürfte jedem klar sein. Inzwischen werden Teile der Strecke mit Jeeps befahren, um die einzelnen Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Ich bin 1998 mit dem Zug die Strecke bis zur chilenischen Grenze nach Socompa gefahren. Insgesamt dauerte die Fahrt hin und zurück fast 4 Tage. Nach San Antonio de los cobres war die Umgebung so phantastisch, wir haben Salzseen betrachtet, die im Vollmondlicht blau leuchteten, haben Vicunas gesehen und die scheinbar endlose Umgebung genossen. Das alles mit einer tollen Truppe, zusammengewürfelt aus allen Teilen der Welt. Wir hatten uns damals schon alle bewusst gegen die mit 100 DM überteuterte Klima-Version des Zuges bis San Antonio entschieden und keiner von uns hat diesen Entschluss bereut. Die Fahrt mit dem Tren a las nubes gehört zu den unvergesslichsten Erlebnissen, die ich während meiner einjährigen Weltreise gemacht habe und ich bin froh und dankbar, wenn ich daran zurück denke.
Leider hat der Privatisierungswahn in Argentinien nicht nur die Eisenbahn in ein Desaster gestürzt. Viele andere Unternehmen hat der Staat aus der Hand gegeben, was meist nicht gerade zum Vorteil der Bevölkerung war. Das sollte Deutschland eigentlich zur Vorsicht mahnen, die Bahn gehört nicht privatisiert, man hat leider schon zu oft mitverfolgen müssen, was dann aus den "Profit-Centern Bahn" geworden ist.
könnte hier sehen was passiert wenn man sich in vorauseilendem Gehorsam unter die Konzerne der "Besatzungsmacht" beugt , die mit viel Spendengeld unsere Parteien "aufgekauft" haben. Machen wir uns nichts vor, die BRD hinkt nur noch ein kleines Stück hinter Bananrepubliken hinterher, in ihren politischne Entscheidungen oft kaum noch zu unterscheiden. Ich bin übrigens 1989 von Bs.As. nach San Carlos de Bariloche im Zug gefahren , eine großartige Fahrt die jetzt wohl für immer vorbei sein wird. Ein Jammer für Land und Menschen.
Ein grossartiger und informativer Bericht, der uns die ganze Tragödie nahe bringt, welche uns Amerika in den vergangenen fünfzig Jahren nicht nur in Lateinamerika, sondern weltweit eingebrockt hat.
Den Leuten in Argentinien ist durchaus bewusst, dass sie betrogen worden sind, was die Züge angeht. Jetzt wird man in Reisebussen durch das Land gekarrt. Teilweise gibt es da Fahrten von 24h. Einmal erzählte uns eine alte Frau im Zug, ihr Sohn wohne 18h Busfahrt entfernt. Früher sei sie nur knappe 9h mit dem Zug gefahren.
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