Neuvorstellung: Kawasaki ZX-6R Ninja Am Rande des Gesetzes

Die neue Kawa ist ein klarer Fall für die Rennstrecke. Trotzdem besitzt das wirklich bissfeste Bike eine Straßenzulassung. Gerade noch.

Von Ulf Böhringer

Kawasaki ist bei seinem 600er-Supersportmodell bislang zweigleisig gefahren: Für die Racing-Fraktion baute man die ZX-6 als RR-Version mit reglementkonformem 599-Kubikzentimeter-Vierzylindermotor.

Für alle anderen installierte man im weitgehend identischen Fahrwerk zugunsten eines fülligeren Drehmomentverlaufs ein auf 636 Kubikzentimeter Hubraum vergrößertes Aggregat und nannte sie ZX-6R.

Gebückt auf 16.000 Touren

So gut die Aktion auch gemeint war: Wirklich erfolgreich war sie nicht, die Verkäufe der ZX-6R blieben deutlich hinter denen der Konkurrenz von Honda, Suzuki und Yamaha zurück. Dieses Jahr beschert Kawasaki den Freunden der gebückten Fortbewegung eine neue Version; bei der jüngsten ZX-6R Ninja hat man sich wieder zur Eingleisigkeit entschlossen.

Sie gehört zweifellos zu den herausragenden Produkten dieses Modelljahrgangs. 92 kW (125 PS) bei beeindruckenden 14.000 Kurbelwellenumdrehungen kitzeln die Kawasaki-Ingenieure aus den nur 599 Kubikzentimeter Hubraum des Vierzylinder-Reihenmotors.

Erst in der Region von 16.000 Touren regelt der Drehzahlbegrenzer sanft ab. Besonders am Herzen lag den Technikern jedoch die Durchzugsstärke des Triebwerks. Das Drehmoment der letzten 636 mit den Genen der RR vereinbaren, war Entwicklungsziel der Ingenieure.

Dennoch sollte auf der Rennstrecke die rote Nadel des Drehzahlmessers, nach Möglichkeit immer zwischen 9000 und 12 000 gehalten werden. Dann zieht das Bike gewaltig aus den Ecken. Und die entsprechenden Bremsen kann die Ninja auch vorzeigen.

"Barely legal street bike"

Mächtig beißen radial montierte Vierkolbenzangen in 300 Millimeter große, halbschwimmend gelagerte Wave-Scheiben - das sind die mit dem wellenförmigen Design. Dosierbarkeit und Wirkung lassen keinerlei Wünsche offen. Nicht zuletzt die verbesserte Massenzentralisierung sei für die Bremseigenschaften ursächlich, sagen die Kawa-Ingenieure, weil damit die beim Verzögern eintretende dynamische Radlastveränderung reduziert worden sei.

Das Fahrwerk der ZX-6R gehört nach wie vor zu den stabilsten der Klasse. "Die Verbindung einer Hochleistungs-Sechshunderter mit einer kleinvolumigen GP-Maschine", bezeichnet Kawasaki als eine der Schlüssel-Eigenschaften der Ninja.

Generell ist das Fahrverhalten gutmütig, weil die 6R nicht auf ultimatives Handling ausgelegt ist, sondern ein gewisser Nachdruck erforderlich ist, um sie durch Kurven zu kriegen. In den Händen ambitionierter Fahrer ist sie eine echte Rennmaschine, sicher kein Spielzeug.

Weniger gelungen: Wer bei schneller Jagd die neue Ganganzeige zu entziffern versucht, wird zu lange vom Geschehen abgelenkt und kann doch kaum erkennen, was Sache ist.

Außerdem ist die 6R mit 167 Kilogramm die schwerste ihrer Klasse, hat gegenüber dem Vormodell drei Kilo zugelegt. Ansonsten muss man den Hut ziehen vor den Entwicklern eines 10.665 Euro teuren Supersportmotorrads, das serienmäßig mit einer Motor- und Fahrwerksperformance aufwartet, für die es noch vor sechs, acht Jahren eines hohen Tuningaufwands bedurfte.

Erstaunlicherweise taugen selbst die Rückspiegel - ein echter Vorteil, falls man auf eigener Achse zur Rennpiste fahren will. Ein "barely legal street bike" sei die ZX-6R, formuliert Kawasaki, ein gerade noch legales Straßenmotorrad. Es gibt Fälle, in denen Pressetexte nicht übertreiben.