Mercedes-Benz E 290 Turbodiesel T-Modell und der SLK-Roadster Einmal vernünftig, einmal purer Spaß

Den völlig verschiedenen Autos merkt man es dennoch an, daß sie aus einem Haus stammen

(SZ vom 22.02.1997) Die Autos mit dem Stern auf der Haube verkaufen sich besser denn je - ein Glück für den Daimler-Konzern, daß er über eine so erfolgreiche Sparte verfügt. Die Basis für ein auch in Zukunft einträgliches Automobilgeschäft ist natürlich ein Modellprogramm, das einerseits dem hohen Ansehen der Marke als exklusiver Hersteller gerecht wird, das andererseits aber auch breit genug ist, um möglichst jedes Anforderungsprofil, das die potentiellen Käufer eines Automobils stellen, auch erfüllen zu können.

Der Mut zur Nische ist also gefragt, wenn Mercedes-Benz auch künftig auf dem Markt ganz oben bleiben will - und die Stuttgartert gehen diesen Weg, weg vom klassischen Limousinenhersteller konsequent weiter: Im Herbst soll mit der A-Klasse ein völlig neues Marktsegment angegangen werden, dann folgen der noch kleinere Smart, das Swatch-Auto, und Anfang nächsten Jahres rollt der neue, in den USA produzierte Geländewagen (M-Klasse) auf unsere Straßen.

Das ist also noch Zukunftsmusik - wir hatten aber in den vergangenen Monaten die Gelegenheit, uns ein bißchen ausführlich mit zwei völlig gegensätzlichen Automobilen aus dem Hause Mercedes-Benz zu beschäftigen: dem Kombi der E-Klasse mit einem Turbodieselmotor und dem Roadster SLK mit einem Kompressormotor. Gegensätzlichere Charaktere können Autos eigentlich gar nicht aufweisen als diese beiden: der Kombi als großes, ausgewachsenes Vielzweckauto, das vor allem aus Vernunftgründen gekauft wird, und der Roadster, dessen einzige Bestimmung darin liegt, seinem Fahrer oder seiner Fahrerin Vergnügen zu bereiten. Beiden Autos merkt man aber nach einigen hundert oder tausend Kilometern Fahrt an, daß sie aus einem Hause stammen: in der Bedienung, im Wohngefühl und vor allem in der soliden Verarbeitung.

Vielseitig verwendbar

Zunächst der Kombi der E-Klasse: Mit einer Länge von 4,82 Meter ist das T-Modell wirklich kein Kompaktauto - was angesichts seiner Aufgaben als Lastenträger und vielseitig verwendbares Allzweckauto auch gar nicht so sein kann. Dennoch überraschte uns der Kombi durch sein ausgezeichnetes Handling und die gute Übersichtlichkeit. Auch in den engen Gassen südländischer Innenstädte ließ er sich leicht dirigieren, wenn man sich einmal mit seinen Abmessungen vertraut gemacht. In seinem Elemenmt ist der E 290 Turbodiesel allerdings, wenn es um das mühlelose Zurücklegen langer Strecken geht. Das Fahrwerk ist sehr komfortabel abgestimmt, wobei klar ist, daß es bei einem Kombi eher straffer ausgelegt sein muß, um die maximale Zuladung von 650 Kilogramm zu verkraften.

Den Sitzen kann man Langstrecken-Komfort bescheinigen. Sie sind ausreichend dimensioniert und verfügen über enorme Verstellmöglichkeiten, daß sowohl große als auch kleine Menschen die ideale Sitzposition finden können.

Zu den Höhepunkten des Kombis zählt zweifelsohne aber auch der Turbodiesel-Motor, der mit der immer noch relativ seltenen Zahl von fünf Zylindern aufwarten kann. Aus einem Hubraum von 2,9 Litern werden hier 95 kW (129 PS) geschöpft - ein Wert, der ausreicht, um mit dem mehr als eineinhalb Tonnen schweren Gefährt immer ausreichend agil zu sein. Der Motor macht vor allem beim Beschleunigen subjektiv einen äußerst kräftigen Eindruck, der auf mehr PS schließen läßt als unter der Haube vorhanden sind. Hier für die Statistikfreunde die Werte für die Höchstgeschwindigkeit (193 km/h) und den Spurt von Null auf 100 km/h (12,1 Sekunden). Die Motorentechnik ist auf dem neuesten Stand: Mit Diesel-Direkteinspritzung und Turboaufladung kommen auch günstige Emissionswerte heraus.

Was aber an diesem Kombi noch mehr überzeugt, ist, daß er sehr unprätentiös mit dem Kraftstoff umgeht: Der Durchschnittsverbrauch nach dem neuen europäischen Fahrzyklus beträgt 6,8 Liter Diesel auf 100 Kilometer; in der Praxis konsumierte unser Testwagen zwischen acht und neun Liter - ein nicht nur akzeptabler, sondern sehr guter Wert für ein Automobil dieser Klasse.

Nicht von Pappe ist allerdings der Preis: 65 090 Mark müssen mindestens auf den Tisch des Händlers gelegt werden, um diesen für nahezu jeden Zweck einsetzbaren Kombi zu erstehen. Da sind die Einsatzmöglichkeiten des SLK schon weit begrenzter: Als reiner Zweisitzer mit einem kleinen Kofferraum ist er eigentlich ein Spaßmobil, das aber durch seine besondere Dachkonstruktion einen besonderen Anspruch auf Alltagstauglichkeit erhebt. Das Vario-Dach läßt sich automatisch in den Kofferraum hineinpacken - was nicht nur auf der Straße immer noch für Aufsehen sorgt, sondern auch das Ladevermögen nochmals drastisch schmälert. Damit das wertvolle Gepäck nicht zerstört werden kann, muß man eine Art Rollo aus der Tiefe des Kofferraums herausziehen und einhängen, sonst bleibt ein Druck auf die Taste, mit der sich das Dach mechanisch entriegeln und versenken läßt, wirkungslos.

Zu den Stärken des SLK gehört neben der Optik ganz sicher auch der Kompressormotor. Der Vierzylinder weist einen Hubraum von 2,3 Liter auf, aus dem die Ingenieure eine Leistung von 142 kW (193 PS) herausgeholt haben. Damit ist eine Höchstgeschwindigkeit von 231 km/h möglich, der übliche Spurt kann in 7,6 Sekunden vollzogen werden. Seine Faszination spielt der SLK aber weniger in einer Beschleunigungsorgie oder im Hochgeschwindigkeitsrausch aus - dafür ist er nicht gebaut. Auf Landstraßen ist er in seinem Element, mit dem wie ein Sechszylinder am Gas hängenden Motor, dem sonoren Auspuffgeräusch und - wenn es das Wetter erlaubt - dem direkten Kontakt zur Umgebung.

Mit 60 950 Mark steht der Kompressor-SLK in der Preisliste, das sind rund 4000 Mark weniger als der große E-Klasse-Kombi. Dafür gibt es einen völlig anderen Autotyp, der allerdings mindestens so solide gebaut ist wie der ungleiche, große Bruder. Das muß man den Mercedes-Ingenieuren lassen: Sie können verschiedene Autos bauen, denen man aber dennoch anmerkt, daß sie von den gleichen Eltern stammen.

Auch wenn sich die Verkaufszahlen weiter erhöhen und die Modelpalette mit den eingangs erwähnten Modellen wachsen wird, brauchen die Mercedes-Manager um das exklusive Image ihrer Firma keine Sorgen zu haben, solange sie weiter Autos auf die Räder stellen, die so verschieden und doch gleich sind wie das E-Klasse T-Modell und der SLK.

Von Otto Fritscher