Mercedes-Benz CL 55 AMG Vielseitigkeitsprüfung bestanden

Auf einen Pedaldruck hin verwandelt sich die lammfromme Reiselimousine in einen hochkarätigen Sportwagen

(SZ vom 20.11.1999) Sie gehören zu den Ikonen des deutschen Automobilbauses: Die großen Coupés auf Basis der S-Klasse aus dem Hause Mercedes-Benz gelten als hochkarätige Luxus-Fahrzeuge, die auch verwöhnte Kundschaft zufriedenstellen. Nur mit dem sportlichen Anspruch haperte es bei der vergangenen Modellgeneration: Das alte S-Klasse-Coupé wirkte manchmal trotz seines potenten Motors wenig fahrdynamisch und benahm sich wie ein behäbiger Dampfer, dem man richtig einheizen musste, um flott in Fahrt zu kommen. Doch DaimlerChrysler hat aus dieser Kritik die richtigen Schlüsse gezogen. Der neuesten Auflage des Coupés, das auf den Namen CL getauft wurde und im Oktober auf den Markt kam, bescheinigte die Fachpresse eine wieder stärkere sportliche Ausrichtung, was bei der eleganten Optik beginnt und beim leichtfüßigeren Handling aufhört. Aber nichts ist so gut, dass man es nicht noch verbessern könnte.

Direkt unter die Fittiche genommen

Dieser Satz könnte die Leitlinie des Hauses AMG sein, das als Tuner anfing und inzwischen zu einer Art edlen Sportabteilung der Stuttgarter mutiert ist. Wie eng die Zusammenarbeit - die schon bei der Ausarbeitung von Lastenheften für neue Modelle beginnt - inzwischen ist, mag die Tatsache verdeutlichen, dass DaimlerChrysler Anfang des Jahres 51 Prozent des Hauses AMG übernommen hat und die restlichen 49 Prozent im Lauf der nächsten Jahre auch unter seine Fittiche nehmen wird. Jede Mercedes-Modellreihe soll künftig von einer AMG-Variante gekrönt werden.

Das letzte Geschöpf in dieser Reihe der Noblen war der S 55, von dem AMG inzwischen mehr als 600 Exemplare verkauft hat. In diesen Tagen wird nun die Coupé-Variante eingeführt, die folgerichtig CL 55 AMG heißt. Äußerlich präsentiert sich der Zweitürer im typischen Wolf-im-Schafspelz-Design, also zurückhaltend und gegenüber dem Mercedes-Modell nahezu unverändert. Wer es auffälliger liebt, kann auf das Styling-Paket mit geänderten Front- und Heckschürzen sowie Seitenschwellern zurückgreifen - doch ob dies einen ästhetischen Gewinn darstellt, ist fraglich. Mehr als die Hälfte aller AMG-Kunden gönnt sich allerdings das Räder-Paket, bei dem 18- und 19-Zoll-Räder gegenüber den serienmäßigen 17-Zoll-Rädern beim CL 500 montiert werden. Bei ersten Fahrten stellte sich heraus, dass diese Riesen-Räder zwar gut aussehen, aber einen gewissen Komfortverlust mit sich bringen.

Neben einer geänderten Auspuffanlage, der Bremsanlage aus dem CL 600 und einer sportlicheren Abstimmung des Automatikgetriebes bekommt der Kunde für einen Aufpreis von 37 120 Mark gegenüber dem serienmäßigen CL 500 natürlich vor allem einen leistungsgesteigerten Motor. Das Kraftpaket, das unter der Motorhaube lauert, leistet 265 kW (360 PS), das sind 40 kW (54 PS) mehr als beim zivilen Bruder. Das Mehr an Kraft resultiert vor allem aus der Hubraum-Erhöhung: Das AMG-V8-Triebwerk kann mit 5,5 Litern aufwarten. Dazu kommen schärfere Nockenwellen und Eingriffe in die Motor-Elektronik.

Dazu zählt auch das optionale Chip-Tuning: So wird die von Mercedes-Benz bei 250 km/h aufgebaute Höchstgeschwindigkeitsbarriere überwunden und der Fünfundfünziger rennt 285 km/h schnell. Diesen elektronischen Eingriff läßt sich AMG mit mehr als 2000 Mark honorieren. Doch wer nun glaubt, jeder der Leistungsfetischisten, die sich ein AMG-Auto kaufen, sei gleichzeitig Höchstgeschwindigkeitsfanatiker, sieht sich getäuscht: Nur rund die Hälfte der Klientel bevorzugt die offene Variante.

Bei den reinen Leistungsdaten unterscheiden sich der AMG und der gewöhnliche Benz nicht sehr: Der Eine braucht 6,5 Sekunden, bis das Tempolimit auf deutschen Landstraßen erreicht ist, der Andere eine halbe Sekunde weniger. Der CL 55 AMG liegt so mit den Werten des 270 kW (367 PS) starken Zwölf-Zylinder-Coupés CL 600 in etwa auf einem Niveau. Wer aus Statusgründen den Zwölfender braucht, muss aber mindestens 224 228 Mark beim Händler lassen.

Der Preis für ein Coupé mit Stern ist in jedem Fall stolz - wobei man allerdings sagen könnte, dass man mit dem AMG gleich zwei Autos erwirbt: Er kann sowohl eine lammfromme Reiselimousine sein, mit der es sich problemlos und komfortabel über die Autobahn cruisen lässt, bei einem Druck auf das Gaspedal mutiert er andererseits zu einem hochkarätigen Sportwagen, der selbst im Geschwindigkeitsbereich oberhalb von 200 km/h los legt wie ein junger Hupfer.

Noch ein Wort zum Kraftstoffverbrauch: Natürlich ist der CL 55 kein besonders sparsames Auto, aber gerade bei Sport-Coupés dieses Kalibers liegt das größte Sparpotenzial nicht im Auto, sondern im Kopf des Fahrers: 14 oder 24 Liter sind möglich. Und Fahrspaß hängt ja nicht von der Geschwindigkeit ab.

Von Otto Fritscher