Fahrbericht: Toyota Auris 1.6 Die Freuden der schlichten Vernunft

Unterwegs mit dem neuen Toyota Auris 1.6 - dem Golf aus Wolfsburg dicht auf den Fersen. Doch die Leichtigkeit, die für eine solch waghalsige Hatz von Nöten ist, fehlt dem Japaner.

Von Jörg Reichle

Reisen bildet. In Dubai machte ein Bekannter kürzlich eine nachhaltige Bekanntschaft. Das Toyota-Taxi, das ihn zum Flughafen brachte, hatte mehr als 600.000 Kilometer auf dem Buckel, und nie, verriet ihm der Chauffeur, habe er mehr ersetzt als Verschleißteile. Reifen drauf, Benzin rein, das wars. Auch innen sah alles noch frisch aus - keine durchgesessenen Polster, kein Quietschen, nichts. Ein Hoch auf den alten Wagen.

Fahrbericht: Toyota Auris 1.6

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Mehr sein als scheinen - für Toyota-Autos offenbar ein durchaus passendes Motto. Schließlich kauft sich kein Mensch diesen Japaner, um damit aufzufallen. Dafür können Toyota-Fahrer mühelos die Ergebnisse der letzten Pannen-Statistiken rezitieren und vermutlich Seminare in vernünftigem Haushalten veranstalten. Und seit eine grüne Ex-Ministerin die Marke in ihr CO2-bewusstes Herz geschlossen hat, geht so mancher Besitzer noch ein bisschen aufrechter durchs Leben, hat man den Eindruck.

Der neue Auris, der früher einmal Corolla hieß und als solcher weltweit zum automobilen Schwarzbrot zählte, tritt heute selbstbewusst gegen den Golf von Volkswagen an, und niemand ist wirklich verwundert, dass die Japaner aus Defiziten der Vergangenheit konsequent gelernt haben. Und mit Erfolg. In mehreren Vergleichstests der führenden deutschen Fachzeitschriften hat der Auris den Platzhirsch aus Wolfsburg bereits hinter sich gelassen.

An Hochwertigkeit hapert's

K.-o.-Kriterium in allen Fällen: der deutlich höhere Preis des Deutschen, der vor allem durch teure Extras entsteht, die der Auris teils serienmäßig hat. 18.450 Euro kostet der 1,6-Liter-Auris in der Basisversion, der entsprechende Golf mit 115 PS starkem 1,6-Liter-FSI liegt bei vergleichbaren 18.696 Euro, allerdings müssen für das zusätzliche Paar Türen nochmal 744 Euro gerechnet werden. Für den Deutschen spricht wiederum, dass ein Sechsgang-Getriebe serienmäßig ist, das dem Auris bitter fehlt.

Sitzt man zum ersten Mal im Japaner, erkennt man spontan, warum Toyota an jedem gebauten Auto gutes Geld verdient. Zwar ist alles tadellos verarbeitet, aber so wertig wie ein Golf wirkt der Auris beim besten Willen nicht. Der Armaturenträger mit der etwas krampfhaft vergagten Mittelkonsole, die weit in den Innenraum ragt, glänzt wie mit Cockpitspray behandelt und auch sonst dominiert der Charme des Abwaschbaren. Aber, wer weiß, vielleicht entspringt solche Kritik nur dem deutschen Premiumwahn und dem hiesigen Durchschnittskunden ist das herzlich egal.

Damit sind die wesentlichen Defizite des Auris aber sowieso schon benannt, wenn man einmal davon absieht, dass die Karosse mit den massigen, weit nach vorn ragenden A-Säulen wirklich schwer zu überblicken ist. Und nach Gehör einparken empfiehlt sich schon deshalb nicht, weil die elegant lackierten Stoßfänger nun mal nicht mit sich spaßen lassen. Aber das ist ja ein Leiden, das der Auris mit vielen modernen Karosserie-Kreationen teilt.

Sehr spezifisch ist dagegen das Maß an unaufgeregter Fahrfreude, das der Auris vermittelt. Weil man weit oben sitzt wie in einem Van, steigt man entsprechend mühelos aus und ein, man kommt hinten weder dem Dach noch seinem Sitznachbarn noch der Lehne des Vordermanns groß ins Gehege und bewegt sich auch mit den 354 bis 777 Liter Gepäckraum gelassen auf Golf-Niveau. "Der Auris rollt geschmeidig ab und federt wie ein Großer", urteilte unser Autor nach einem ersten kurzen Kennenlernen im Januar anerkennend. Dem ist auch nach fast 1000 Kilometer nichts hinzuzufügen.

Es knurrt der Motor sportlich - selten

Der Fahrer genießt auch die Arbeit am gut geführten Schaltknüppel und freut sich an passend übersetzten fünf Gängen, vermisst freilich den sechsten und tröstet sich dafür mit dem angenehmen Wesen des 1,6-Liter-Motors, der willig durchzieht und sich auf ausgedehnten Fahrten durch die oberbayerischen Berge nur bei höheren Drehzahlen dann und wann sportlich knurrend hören lässt.

7,1 Liter Super soll der Auris laut Toyota konsumieren, unser Testdurchschnitt lag mit 10,2 Liter aber doch deutlich höher. Ein milderer Gasfuß als der unsere mag da noch etwas zum Besseren wenden.

Trotzdem: Am Ende des Tages wartet die Erkenntnis, dass der Toyota Auris zwar nicht die Neuerfindung des Kompaktautos ist, dafür von einer soliden Ausgewogenheit und schlichten Vernunft, die nicht schlecht in die Zeit passt. Selbst wenn er keine 600.000 Kilometer schaffen sollte.

Toyota Auris 1.6 Dual VVT-i; 91 kW (124 PS); max. Drehmoment: 157 Nm bei 5200/min; 0-100 km/h: 10,4 s; Vmax: 190 km/h; Kofferraumvolumen: 354 bis 777 Liter; Euro 4; Co2: 166 g/km; Testverbrauch: 10,2 Liter Super; Grundpreis: 18.450 Euro.