Citroën Xsara Picasso Zum Malen schön

Rationalismus scheint die Liebe zum Detail zu unterdrücken

(SZ vom 04.12.1999) Große Namen setzt man gerne mit großen Ereignissen gleich. Ist sogar von einer Persönlichkeit wie Pablo Picasso die Rede, sind die Erwartungen entsprechend hoch. Dass Citroën einen klugen Schachzug gemacht hat, als die Franzosen für ihren neuen Mini-Van auf der verlängerten Basis des Xsara den Beinamen Picasso ausgesucht haben, ist unbestritten. Dass Picasso ein Spanier war und kein Franzose, ist in der heutigen Zeit der Globalität auch kein Problem mehr. Dass der Xsara Picasso nicht nur ein gutes, sondern auch ein schönes Auto geworden ist, kann schon mal vorweggenommen werden. Aber dass Citroën die Chance hat verstreichen lassen, sich der Originalität und Kreativität des großen Meisters zu bedienen, hinterlässt nur ein Kopfschütteln - aber davon später mehr.

Zunächst sollten die guten Seiten beleuchtet werden, die der Xsara Picasso unbestritten hat. Die Karosserie des Mini-Vans ist buchstäblich zum Malen schön. Eine gelungene und harmonisch verlaufende Kurve kennzeichnet das Blechkleid. Vom hoch nach oben gestreckten Scheinwerfer über die A-Säule bis hin zum sanft abfallenden Heck reicht eine Linie, die in den aufrechten Schlussleuchten endet. Das kurz überhängende Heck lässt den 4,28 Meter langen Wagen sehr kompakt erscheinen.

Die breite Heckklappe schwingt in zwei Stufen in die Höhe. Eine sehr praktische Idee, an der auch der körperlich kleine Pablo Picasso seine Freunde gehabt hätte, denn es gleicht immer einer Dehnübung, wenn kurze Menschen versuchen, sich zum Klappengriff nach oben zu strecken. Andererseits erlaubt die Zweistufigkeit Großgewachsenen den Tritt unter die Klappe, ohne um ihr Haupt fürchten zu müssen. Ob Groß oder Klein, auf jeden Fall findet man einen variablen Kofferraum, der mit komplettem Gestühl unterhalb der Abdeckung 550 Liter Volumen bereithält. Wenn alle Varianten durchgespielt sind - ohne Klappe, Fondsitze umgeklappt oder ausgebaut - können maximal 2128 Liter Gepäck transportiert werden: ein sehr guter Wert.

Die Variabilität des Gepäckabteils beschränkt sich allerdings auch auf die genannten Möglichkeiten. Die Sitze, die nur leichte 13 Kilogramm wiegen, werden das gleiche Schicksal haben, wie viele ihrer Artgenossen: umklappen ja, ausbauen selten. Denn bei weitem haben nicht alle künftigen Xsara-Picasso-Besitzer eine Garage, wo sie das Gestühl einfach und bequem verstauen können. Wer schleppt schon gerne Autositze in den Keller oder auf den Speicher. Hier zeigt sich, dass auch diese Chance verpasst worden ist, ein so flexibles und einfach zu handhabendes Konzept à la Opel Zafira für den Kofferraum zu entwickeln.

Verpasste Chancen

In diesem Kofferraum befindet sich aber auch eine recht pfiffig erscheinende Idee: ein serienmäßiger Einkaufstrolley, die so genannte Modubox. An der rechten Kofferraumwand mit einem Klettverschluss befestigt, lässt sich der kleine Wagen gut erreichen. Mit ein paar einfachen Handgriffen verwandelt er sich in eine rollende Einkaufshilfe, die bis zu 18 Kilogramm fassen kann. Unbestritten eine gute Idee - darüber zu philosophieren, ob er von den Kunden genutzt wird, ist müßig. Einschlägige Untersuchungen von Citroën werden nach dem Verkaufsstart in Deutschland - im Februar 2000 - Ergebnisse bringen. Aber nun stellt sich hier die Frage, warum man sich nicht etwa bei diesem Detail den Spaß gegönnt hat, an den Namenspatron des Autos zu erinnern. Dabei sind mehrere Möglichkeiten denkbar: Farbe und Form oder man hätte doch einfach statt des großen Citroën-Schriftzuges die Front der Modubox mit einem Picasso-Bild verzieren können.

Dieser Eindruck der etwas einfallslosen Tristesse setzt sich im restlichen Innenraum weiter fort. Geschmack hin oder her: Plastik mit Pressnähten sind eigentlich nicht mehr Stand der Zeit - zumindest nicht bei deutschen und europäischen Autos und Sitzbezüge mit Mustern, die keines Design-Lehrlings würdig wären, stellen verpasste Chancen auf ein originelles und ausgefallenes Auto dar. Innovativer waren da die Gestalter des Armaturenbretts. Alle digitalen Instrumente sind in der Mitte angeordnet, was kein Hindernis für die Übersichtlichkeit ist. Nur bei schräg von hinten einfallender Sonne, sind die Anzeigen - das Dilemma vieler digitaler Instrumente - schwer abzulesen. Der Schaltknüppel ist auch oben angeordnet, was einen leichten Durchgang nach hinten ermöglicht.

Hinten angelangt, stößt man auf drei vollwertige Sitze, auf denen durchaus drei Erwachsenen Platz nehmen können. Durch das flach abfallende Heck ist die Kopffreiheit für ganz lange Menschen nicht optimal, aber die sollten dann halt vorne sitzen. Dort ist alles zum Feinsten eingerichtet. Besonders praktisch ist der Xsara Picasso für Passagiere, die viel Kleinkram mit sich führen, oder wenn man Kinder bei sich hat. Denn der Mini-Van ist ein Wunder der Ablagen. Ob in den Türen, den Rückenlehnen der Vordersitze, dem Boden im Fond, eine Schublade unter dem Beifahrerseitz - überall erleichtern Staufächer die Suche nach dem Mitgeführten. Die kleinen Tabletts an den Rückenlehnen der vorderen Sitze wirken zwar nicht extrem belastbar, Spielsachen und Getränke können sie aber jederzeit verkraften.

Die Ausstattung des Xsara Picasso teilt sich in zwei Stufen. Als SX bezeichnet Citroën die Basis-Version, die alle notwendigen Komfort- und Sicherheitsdetails wie ABS und vier Airbags umfasst. Die höherwertige Exclusive-Ausstattung hat zudem noch eine Klimaanlage, Radio-Kassetten-Anlage mit Lenkradfernbedienung, Armlehnen an den Vordersitzen und Nebelscheinwerfer.

Wenn im kommenden Februar der Xsara Picasso bei uns auf die Straßen rollt, wird er zunächst nur von einem 1,8-Liter-Aggregat befeuert, das 85 kW (116 PS) leistet. Der Vierzylinder hinterlässt einen gutmütigen, aber auch etwas müden Eindruck. Der knapp 1300 Kilogramm schwere Wagen will eben angetrieben sein. Die Fahrleistungen lauten: Null auf 100 km/h in 12,2 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 190 km/h.

Flotter und auch harmonischer zeigt sich da schon der 2. 0 HDi. Der Vierzylinder-Turbomotor mit Common-Rail-Direkteinspritzung leistet zwar nur 66 kW (90 PS), ist aber der bessere Antrieb für den Mini-Van. Seine Kraft stellt er schon bei niedrigen Drehzahlen zur Verfügung, schaltfaules Fahren ist praktikabel und macht den HDi trotz geringerer Leistung zur richtigen Wahl (Null auf 100 km/h in 14,5 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 175 km/h). Preislich wird der Diesel zwar teurer als der Benziner sein, doch ist eine Summe von weniger als 38 000 Mark geplant. Für den 1. 8i 16V stehen die Preise jetzt schon fest: 32 700 Mark für den SX und 35 300 Mark für den Exclusive. Im Juni des kommenden Jahres wird noch eine schwächere 1,6-Liter-Version folgen. Dieser Motor soll von der in Frankreich schon erhältlichen Variante weiterentwickelt werden und soll steuerbegünstigt sein.

Gegen eine starke Konkurrenz

Citroën erwartet im kommenden Jahr einen Absatz von mehr als 10 000 Stück, obwohl alle drei Motorisierungen erst zur Mitte des Jahres zur Verfügung stehen werden. Da der Mini-Van-Markt in Deutschland eine große Käuferschicht anzieht, könnten diese Vorstellungen trotz der starken Konkurrenz wie Opel Zafira oder Renault Scénic durchaus in Erfüllung gehen. Denn der Xsara Picasso ist trotz eines mangelnden Einfallsreichtums der Designer ein gutes und solides Auto geworden.

Man hätte dem neuen Franzosen eben das gewünscht, was früher Citroën ausgemacht hat: Originalität und ein besonders feines Händchen dafür, dem Zeitgeschmack immer den entscheidenden Schritt voraus zu sein. Um den Xsara Picasso als solchen zu erkennen, wird man sich schon zu den vorderen Kotflügeln hinunter bücken müssen, um dort den Schriftzug Picasso zu entdecken. Dabei hätte der Mini-Van mehr Liebe zum Detail verdient.

Von Marion Zellner