BMW R 1100 RS Der Tradition treugeblieben

Für 19 250 Mark gibt es eine ausgewogene Tourenmaschine

(SZ vom 03.03.1993) BMW präsentierte zuletzt 1983 eine neue Motorradbaureihe: Seither haben sich die K-Modelle mit den liegend eingebauten, wassergekühlten Drei- und Vierzylindermotoren gegen die anfänglich vorherrschende Skepsis durchgesetzt. 1993, im 70. Jahr seit Beginn der Motorradproduktion, präsentieren die Bayern den ersten Vertreter einer Modellreihe, bei der weit weniger Anlaß zur Skepsis besteht als zehn Jahre zuvor: Denn man hat sich aufs Ur-Prinzip der weißblauen Marke besonnen und einen Boxermotor entwickelt. In Gestalt der sportlichen Tourenmaschine R 1100 RS kommt die erste Version der neuen Baureihe im April auf den Markt. Der erste Fahreindruck: BMW hat seine Hausaufgaben wirklich gut gemacht.

Knapp fünf Jahre benötigten Konstrukteure und Entwickler der BMW Motorrad GmbH, um den Entschluß, eine neue Zweirad-Generation auf die Räder zu stellen, in die Tat umzusetzen. Dabei ließen es die Münchner nicht mit dem neuen Motor alleine bewenden: Die R 1100 RS weist eine vollkommen neue Art der Vorderradführung auf, zudem verhindert in diesem Modell die zweite Generation des Antiblockiersystems das Blockieren der Räder.

Herzstück des neuen Zweirads ist aber zweifelsohne der Zweizylinder-Boxermotor. Das 1100 Kubikzentimeter große Vierventiltriebwerk wurde ganz auf hohes Drehmoment ausgelegt, die Höchstleistung ist mit 66 kW (90 PS) allemal ausreichend. Beeindruckend ist die Art der Leistungsentfaltung: Das Triebwerk läßt sowohl drehzahlarmes Bummeln zu, nimmt aber in jedem Drehzahlbereich spontan Gas an und dreht ohne spürbare Krafteinbuße bis zur Maximaldrehzahl von 7250/min. Die Motronic sorgt dafür, daß auch der neue Motor mit geregeltem Katalysator ausgerüstet werden kann (Aufpreis 876 Mark) und der Verbrauch auf zeitgemäße Werte sinkt.

Bei der Telelever genannten Vorderachskonstruktion setzt BMW als erster Hersteller der Welt die herkömmlichen Gabelrohre nur noch für die Radführung ein; Federung und Dämpfung werden einem aus Japan importierten Federbein übertragen, das oben am Rahmen, auf der Unterseite an einem Längslenker befestigt ist. Damit ist die Vorderradaufhängung für das ABS weit besser geeignet als herkömmliche Konstruktionen, weil auch bei extremen Bremsungen ein stets ausreichender Restfederweg verfügbar ist. Bei ersten Fahrten konnte das neue System voll überzeugen. Die Hinterradführung besteht aus dem bewährten Paralever, das Federbein wanderte jedoch zentral unter den Sitz; auch dieses Bauteil stammt vom zu Honda gehörenden Hersteller Showa. Daß eine Kardanwelle für den Hinterradantrieb zuständig ist, versteht sich bei BMW von selbst.

Wie das Fahrwerk, ist auch die Bremsanlage über jegliche Kritik erhaben: Die vordere Doppelscheibenbremse mit Vierkolbensätteln sowie die hintere Einscheibenbremse sind sowohl standfest als auch gut dosierbar. Daß erstmals bei BMW ein verstellbarer Handbremshebel geliefert wird, erhöht den Bedienungskomfort. Das weiterentwickelte ABS zeichnet sich durch weit mehr Komfort (geringe Pulsationen), bessere Wirkung im Langsamfahrbereich und deutlich verringertes Gewicht aus: Es konnte von 11,1 auf 5,9 Kilogramm abgespeckt werden und soll kommendes Jahr auch in die K-Modelle eingebaut werden.

Fahr- und Sitzkomfort der neuen RS entsprechen dem gewohnt hohen BMW- Niveau; dazu gehört auch die im Windkanal geformte Verkleidung sowie die gute Soziustauglichkeit. Die Reiseeignung wird auch durch die hohe Zuladung von 211 Kilogramm unterstrichen. Das Leergewicht liegt mit 237 Kilogramm an der unteren Grenze vergleichbarer Zweiräder.

Praktisches 'Ergonomie-Paket'

Auf spontane Sympathie dürfte bei Klein- und Großgewachsenen Interessenten das 'Ergonomie-Paket' stoßen: Erstmals liefert hier ein Motorradhersteller eine innerhalb von Sekunden in drei Stufen verstellbare Sitzbank, einen in Höhe und Spreizung verstellbaren Lenker und ein in der Neigung regulierbares Windschild. Mit 371 Mark Aufpreis ist das System für BMW-Verhältnisse sparsam kalkuliert. Im Grundpreis der R 1100 RS von 19 250 Mark sind ABS (plus 1995 Mark) und Kat nicht enthalten; daß eine Zeituhr nur gegen Aufpreis lieferbar ist (zusammen mit diversen anderen Anzeigen in einem LCD-Instrument), ist bedauerlich. Schade auch, daß in den 150 Millionen Mark Entwicklungskosten nicht der Ersatz der unseligen Lenkerarmaturen (Blinker, Hupe) drin war: Die Japaner zeigen seit Jahren, wie perfekte Bedienungselemente aussehen.

Daß das neue Modell mit zahlreichen Sonderausstattungsmöglichkeiten (Gepäckträgersystem, heizbare Griffe, Warnblinkanlage) aufwartet, entspricht BMW- Gepflogenheiten. Ebenfalls lieferbar ist ein Verkleidungsunterteil, das aus der Halbschale eine Vollverkleidung macht. Die charakteristischen Zylinderköpfe sind in jedem Falle sichtbar.

Die RS ist nur die erste Version der neuen Boxer-Baureihe: Kommendes Jahr wird die Enduro-Version - mit leicht verringerter Spitzenleistung und noch höherem Drehmoment - kommen. Außerdem sind eine besonders komfortable Touren- wie auch eine unverkleidete Basisversion in Arbeit. Nachgeschoben wird auch ein auf etwa 800 Kubikzentimeter Hubraum verringertes und voraussichtlich 37 kW (50 PS) starkes Triebwerk.

Von Ulf Böhringer