Süddeutsche Zeitung

Kino:Was es beim Fünf-Seen-Filmfestival zu sehen gibt

Lesezeit: 3 min

Das Festival lockt mit 130 Werken und prominenten Gästen nach Starnberg und Umgebung. Viele Filme verhandeln aktuelle Themen. Ein Überblick.

Von Josef Grübl

Beim Blick auf das Weltgeschehen der vergangenen Monate kann einem angst und bange werden: Der Krieg in der Ukraine, die Sorge um Taiwan, der Klimawandel sowie die nicht enden wollende Pandemie werden uns wohl noch länger beschäftigen. Beim Blick auf das Programm des diesjährigen Fünf-Seen-Filmfestivals begegnen einem dieselben Themen: Auch hier geht es um Ukraine, Taiwan, Klima und Pandemie.

Sollte man deswegen Angst haben? Nein, nicht wirklich: Die künstlerische Beschäftigung mit den Problemen unserer Zeit ermöglicht Sichtweisen jenseits der Schlagzeilen. Man ist im Kino in Gesellschaft und trotzdem für sich allein, kann sich über das Gesehene Gedanken machen und im Anschluss darüber diskutieren. Und zwar von Angesicht zu Angesicht, was in Zeiten von Hasskommentaren und ausufernder Rechthaberei für einige eine interessante Erfahrung sein dürfte. Oder wie Festivalleiter Matthias Helwig sagt: "Die Menschen kommen zusammen, sehen intensive Bilder und reden miteinander."

Das Festival als Raum für den gesellschaftlichen Diskurs also: Darum geht es bei der 16. Ausgabe des Fünf-Seen-Filmfestivals, das ab Mittwoch, 24. August, an zwölf Tagen 130 Filme präsentiert, in den Kinos und Open-Air-Spielstätten in Starnberg, Gauting, Seefeld und Weßling. Eröffnet wird es im Strandbad Starnberg mit dem deutschen Spielfilm "Alle wollen geliebt werden", der erst kürzlich beim Filmfest München zu sehen war. Regisseurin Katharina Woll und Hauptdarstellerin Anne Ratte-Polle wollen die Tragikomödie um eine gestresste Psychotherapeutin persönlich vorstellen.

Der Festivalfokus liegt auf mitteleuropäischen Filmen, dazu gehört neben dem deutschen, italienischen oder französischen auch das ukrainische Kino. Vor zwei Jahren war die Ukraine Gastland des Festivals, in diesem Jahr wird die aus Kiew stammende Regisseurin Maryna Er Gorbach als Gast erwartet: Sie soll am 3. September ihren Film "Klondike" vorstellen, darin geht es um eine Familie, in deren ostukrainischem Dorf 2014 der Krieg einzieht.

Sandra Hüller bekommt den Hannelore-Elsner-Preis verliehen

Ebenfalls schon seit mehreren Jahren widmet sich das Festival der Inselrepublik Taiwan: Am 30. August werden in Gauting zwei taiwanesische Kurzfilme sowie der Spielfilm "American Girl" (als Deutschland-Premiere) aufgeführt. Auch wenn der Titel es vielleicht nahelegt, geht es darin nicht um Nancy Pelosi: Der weltweit beachtete Besuch der Präsidentin des US-Repräsentantenhauses Anfang August in Taipeh dürfte aber die Aufmerksamkeit für diesen Programmpunkt erhöhen. Auch die Filme der Reihe "Odeon" (über Musik, Tanz, Literatur oder Kunst) oder der Reihe "Klima & Kino" verdienen Beachtung: In letzterer werden Dokumentarfilme über einen Klimaforscher in Grönland ("Into the Ice"), die Fridays-for-Future-Bewegung ("Tout Commence") oder Bergbauern in Österreich ("Alpenland") gezeigt. Bei der nach zweijähriger Pause wieder stattfindenden Dampferfahrt über den Starnberger See wird unter anderem der "Kino & Klima Award" verliehen.

Die für den 29. August angesetzte Dampferfahrt hat viele Fans, sie ist auch eine Art Alleinstellungsmerkmal: Bei welchem Festival kann man schon auf einem Schiff in die Abendsonne gleiten und dabei Filme schauen? Auf der "MS Starnberg" werden an diesem Abend zwei Leinwände aufgespannt, darauf zu sehen sind Kurzfilme und ein hundert Jahre alter Stummfilm ("Grandma's Boy" mit Harold Lloyd) mit Live-Musikbegleitung. Außergewöhnlich ist auch das Cinemamobile im Pfarrstadel Weßling: Der Open-Air-Kino-Lkw brannte vor einem Jahr aus, wurde aber inzwischen wieder hergestellt. Auf dem Programm stehen hier der österreichische Dokumentarfilm "Der Bauer und der Bobo" oder der deutsche Kinderfilm "Ente gut! Mädchen allein zu Haus". Letzterer läuft zu Ehren von Norbert Lechner: Der bayerische Regisseur war schon mehrmals zu Gast beim Fünf-Seen-Filmfestival, dieses Jahr wird ihm die Werkschau gewidmet, auf dem Programm stehen sechs seiner Filme.

Gäste aus der Filmbranche haben sich viele angesagt, unter anderem Saralisa Volm mit ihrem Regiedebüt "Schweigend steht der Wald", Uli Decker mit ihrem sehr persönlichen Familiendokumentarfilm "Anima - Die Kleider meines Vaters", Cem Kaya ("Liebe, D-Mark und der Tod"), Carolin Schmitz ("Mutter") oder Hanna Doose ("Wann kommst du meine Wunden küssen"). Am meisten Aufmerksamkeit wird wohl Iris Berben bekommen; sie ist Ehrengast des Festivals und stellt am 27. und 28. August drei ihrer Filme vor. Auch die Preisträgerin des Hannelore-Elsner-Preises ist eine bekannte und gefeierte Schauspielerin: Sandra Hüller kommt am letzten Tag des Festivals nach Starnberg; gezeigt werden drei Filme mit ihr, unter anderem der internationale Festival- und Kinohit "Toni Erdmann".

Um den Hauptpreis des Festivals, den "Fünf Seen Filmpreis", konkurrieren unter anderem die neuen Filme des Österreichers Ulrich Seidl ("Rimini") oder des Schweizers Michael Koch ("Drii Winter") sowie Produktionen aus Rumänien, Polen oder Belgien. Die Preisverleihung findet am 3. September im Kino Breitwand Gauting statt. Dort sprechen auch jeden Abend um 19 Uhr Filmemacher über ihre Arbeit - und das bei freiem Eintritt. Ebenfalls diskutiert wird am 4. September beim Filmgespräch am See: Die Regisseure Marcus H. Rosenmüller, Annika Pinske und Pepe Danquart kommen in die Akademie für Politische Bildung in Tutzing; der Titel der Gesprächsrunde lautet "Tragikomödie Kino". Genauer gesagt geht es um den Kurs, den das Kino nach der Pandemie einschlagen soll. Auch wenn diese selbst nach wie vor nicht enden will, lohnt ein Blick in die Zukunft, in hoffentlich bessere Kinozeiten.

16. Fünf-Seen-Filmfestival, Mi., 24. Aug., bis So., 4. Sep., diverse Orte, www.fsff.de

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