Süddeutsche Zeitung

Late-Night-Shows:Deutschlands einsame Nächte

In den USA längst TV-Kultur, hierzulande eine unerfüllte Sehnsucht: Warum hat Deutschland keine Late-Night-Show? Eine Recherche bei Unterhaltern und Senderverantwortlichen.

Von Hans Hoff

So eine richtig tolle Spätabendshow wie damals bei Harald Schmidt, so etwas müsste mal wieder jemand machen. So wie die das in den USA hinkriegen. Wie früher der Letterman oder heute der Kimmel. Ein souveräner Gastgeber müsste her, der an jedem Werktag in einem tollen Eingangsmonolog das aktuelle Geschehen satirisch zerlegt. Dazu käme eine Band, die auf jede Bewegung des Chefs spontan reagiert. Und tolle Gäste, die mit dem Gastgeber über präzise produzierte Einspieler lachen. Davon träumen viele, von so einer richtig tollen Late-Night-Show.

Träumt weiter. Bei keinem anderen Fernsehformat klaffen Anspruch und Wirklichkeit derart auseinander wie bei der Late-Night-Show. Wer auch immer gerade ein paar Tage in den USA verbracht hat, erzählt nachher, wie dringend wir auch so was brauchen. Danach passiert, was oft passiert im deutschen Fernsehen: nichts.

Und trotzdem ist in Deutschland die Sehnsucht nach keinem anderen Fernsehformat so groß. Fast jeden Monat fordert ein anderer Programmmacher oder TV-Unterhalter eine neue Late-Night-Show - fürs deutsche Fernsehen und im Zweifel gleich für sich selbst, so vermessen das auch klingen mag, wenn man (das waren die letzten öffentlichen Bewerber) Ingmar Stadelmann, Frank Buschmann oder Steffen Henssler heißt. Zuletzt hat Oliver Welke in einem Interview gesagt, dass Deutschland dringend eine Late-Night-Show brauche. Da haben wieder viele genickt und die Kunde im Land verbreitet. Da könnte man doch mal nachfragen, welche Chancen auf Verwirklichung so eine Late-Night-Show tatsächlich hat.

Für das ZDF ist eine tägliche Late-Night-Show "kein Thema". Das Erste äußert sich gar nicht

Die erste SMS geht an Jan Böhmermann, der im Dezember erst verkündet hat, er wolle mit seinem Neo Magazin Royale, das viele der klassischen Late-Night-Elemente enthält, gern öfter ran. Die Antwort kommt binnen Minuten. Er sei im Urlaub und rede doch sowieso nur Quatsch, schreibt er.

"Eine tägliche Late-Night-Show ist für uns zurzeit kein Thema", heißt es auf eine ausführliche Anfrage lapidar beim ZDF. Dort hat man halt Markus Lanz, der allerdings nur das mehrmalige Auftauchen pro Woche und den Plauderteil am späten Abend erledigt und höchstens mal unfreiwillig komisch ist. Das Erste will sich zu dem Thema gleich gar nicht äußern.

Der Erste, der Gesprächsbereitschaft signalisiert, ist Jörg Grabosch. Der Chef der Produktionsfirma Brainpool hat 1995 mit Harald Schmidt bei Sat 1 die bislang beste Late-Night-Show im deutschen Fernsehen an den Start gebracht und damals all die Erfahrungen verarbeitet, die noch von Schmidteinander (WDR), von Gottschalk Late Night (RTL) und der RTL Nachtshow mit Thomas Koschwitz herumlagen.

Grabosch ist ein großer Fan von Late-Night-Shows. Er weiß aber auch, dass es zwischen Ruf und Realität eine große Lücke gibt. "Die Klientel der interessierten Zuschauer ist auf jeden Fall kleiner, als es die mediale Darstellung vermuten lässt", sagt er. Der Bedarf sei schlichtweg nicht vorhanden. "Die Sender wollen sie nicht, sonst gäbe es ja eine", sagt er und skizziert klar den Marktanteil, ab dem die Anstalten verhandlungsbereit wären. "Mit 15 Prozent würde sich sicher eine Lücke finden."

Ambitionen fehlen

Gegen eine neue Show sprechen die Erfahrungen, die besagen, dass diese Sendungen oft gut für den Ruf waren, selten aber für die Kasse der Sender. "Bisher hat noch keine Late-Night-Show die zehn Prozent Marktanteil signifikant geknackt", sagt Grabosch und schätzt auch den finanziellen Aufwand, der für eine Show mit einer Nettolänge von 48 Minuten fällig würde, klar ein. "Um die 100 000 Euro muss man pro Folge schon investieren."

Natürlich sei es billiger, zum 17. Mal eine Serie zu wiederholen, als eine tagesaktuelle Show auf die Beine zu stellen, sagt er dann noch und zielt damit offensichtlich in Richtung Pro Sieben, wo man nach dem Abschied von Stefan Raab die Ambitionen auf eine tägliche Show auf Eis gelegt hat.

Am Personal liegt es laut Grabosch nicht. "Wenn man Luke Mockridge, Klaas Heufer-Umlauf, Carolin Kebekus oder Enissa Amani ernsthaft fragen würde, würden die wahrscheinlich nicht Nein sagen", schätzt er die Lage ein und hat sogar einen parat, dem er einen Instant-Erfolg zutrauen würde. "Übernähme Oliver Welke jetzt eine Late Night, würde das sicher funktionieren. Der würde aus dem Stand eine Million Zuschauer holen."

Eine gute Late-Night-Show lebt vom Ritual

Das fordert natürlich eine Anfrage beim derart Hochgelobten heraus. Schon nach einer halben Stunde ruft Oliver Welke zurück und wundert sich nachhaltig über die mediale Welle, die seine Interviewäußerungen ausgelöst haben. Das sei doch lediglich eine winzige Passage gewesen. Und von der täglichen Show will er gleich gar nichts wissen. "Ich habe einen langfristigen Vertrag mit dem ZDF und bin dort sehr glücklich. Ich habe nicht die Ambition zu einer Late Night", sagt er. "Ich bin mir auch nicht sicher, ob das eine gute Lösung wäre, denn ich bin kein besonders guter Mann für den Stand-up-Teil", fügt er hinzu.

Grabosch erklärt dann auch, was zeitlich nötig wäre. Ein gutes halbes Jahr bräuchte eine solche Show mindestens, damit sich die Zuschauer an das Angebot gewöhnen könnten. Fernsehen will schließlich auch gelernt sein. Eine gute Late-Night-Show lebt vom Ritual, von der Tatsache, dass sie immer da ist, jeden Abend, bevor man zu Bett geht. Das schließt den Vorteil ein, dass eine maue Vorstellung am nächsten Tag schon überdeckt wird von einem Glanzstück. In Erinnerung bleiben vor allem die großartigen Momente.

So gut wie Harald Schmidts Wirken im Nachhinein eingeschätzt wird, war er wahrscheinlich nie. "Der war auch schon mal besser", lautete ein Standardecho, das den Satiriker fast von Anfang an begleitete.

Auch das gehört zum Genre. Dass Menschen sich abarbeiten möchten an einem Künstler, dass sie ihn demonstrativ für sein Tun verachten möchten. Sie möchten das Angebot haben, aber sie möchten es nicht nutzen müssen. Sie möchten es sogar ganz explizit und ostentativ nicht nutzen.

"Viele schalten das Fernsehen nur ein, um mal wieder richtig zu hassen", hat Harald Schmidt selbst mal gesagt.

Krachender Flop

Tatsächlich ist das Verhältnis des deutschen Fernsehpublikums zum Late-Night-Format, das in den USA eine so große, debattenprägende Bedeutung hat, immer ein kompliziertes gewesen. Den Feuilletonisten sind die Sendungen zu flach und dem breiten Publikum zu verstiegen. Die ernsthaften Versuche, ein solches Format bei uns zu etablieren, sind überschaubar.

Den spektakulärsten Flop landete 2004 Anke Engelke, die bei Sat 1 den desertierten Harald Schmidt ersetzen sollte und noch im selben Jahr krachend scheiterte. Zwischendrin versuchte sich mal Niels Ruf am Format, und auch der Komödiant Philip Simon startete mit seiner Nate Light kurz durch. Joko & Klaas liefern mit Circus Halligalli eine eher halbgare Late-Night-Version. Aber wirklich im Bewusstsein geblieben sind als Late-Night-Künstler nur Schmidt und Raab, die beide dem Format um die 16 Jahre die Treue hielten, wenn auch in unterschiedlichen Niveau-Ausprägungen. Aber wirklich recht machen kann man es ohnehin nie allen. Der Platz zwischen allen Stühlen ist quasi reserviert.

Manche schreckt selbst das nicht ab. "Ich würde sofort auf täglich gehen", sagt Pierre M. Krause, der schon eine Late-Night-Show betreibt. Mehr als 500 Ausgaben hat Krause, auch schon 40 und immer noch öffentlich-rechtliches Nachwuchstalent, über die Jahre abgeliefert. Allerdings nur einmal in der Woche und ganz versteckt im Dritten des SWR. Quasi in der Nische des Nischensenders.

Fragt man Krause, warum er nur einmal pro Woche ran darf, hat er eine klare Analyse parat. "Die Vorsicht und der Glaube an die Marktforschung überwiegen leider in den Sendern", sagt er und stuft den Wunsch nach einer Late-Night-Show vor allem auch als einen Wunsch von Menschen in den Medien ein. "Sie wollen es alle, sie gucken es alle, aber sie trauen sich nicht." Und er sagt: "Wenn wir den Dschungel brauchen, dann brauchen wir auch eine Late Night", und er verweist darauf, dass das Fernsehen Rituale brauche, dass es Rituale besser hervorbringen könne als andere Medien. "Dieser Stärke muss sich das Fernsehen bewusst werden, das markiert seine Existenzberechtigung."

Der Kabarettist Sebastian Pufpaff, der auch einen guten Late-Night-Gastgeber abgeben würde, authentisch und empathisch, warnt vor einer traurigen Alternative: "Dann wandern wir alle in Richtung Youtube ab", prophezeit Pufpaff. "Sollten wir einfach so weitermachen wie bisher, tragen wir das deutsche Fernsehen still und konsequent zu Grabe."

Kompliziertes Format

Ein bisschen was haben sie beim herkömmlichen Fernsehen schon kapiert, scheuen aber vor allem die Kosten. Aus der Not hat man beim ARD-Digitalableger One eine Tugend gemacht und überträgt jeden Abend die amerikanische Tonight Show mit Jimmy Fallon im Original mit deutschen Untertiteln. "Wir bekommen viel positive Rückmeldung, besonders auch von jungen Zuschauern", sagt die Programmchefin Karin Egle. Gerade hat der Sender den Vertrag bis Ende des Jahres verlängert. "Es ist relativ günstig, sonst könnten wir uns das nicht erlauben", sagt Egle. One sei ein kleiner Sender, der sich im Schnitt bei einem halben Prozent Marktanteil einpendelt.

Man muss dort nicht jedem gefallen. Das sei auch ein Vorteil. Einer, der schon eine Late-Night-Show hat, ist sich seiner Rolle als Spätabendunterhalter nicht ganz so sicher: Hannes Ringlstetter ist seit Dezember donnerstags mit seinem von den Machern der ORF-Late-Night Willkommen Österreich produzierten Format im Bayerischen Fernsehen zu sehen und spürt schon erste Erschöpfungserscheinungen. "Es ist das schwierigste Format, das man sich antun kann. Es gibt kaum Sachen, die anstrengender sind im Medienbetrieb", sagt er. "Wir fragen uns immer, was noch relevant ist, wenn wir am Donnerstag auf Sendung gehen", klagt er. Wenn Trump früh in der Woche was sage, dann greife das Jimmy Fallon auf und das Internet sowieso: "Soll ich dann am Donnerstag kommen und das auch noch machen?" Da habe eine tägliche Sendung Vorteile. "Die einzige Möglichkeit, auf Dauer zu bestehen, ist, wenn man einfach immer da ist." Die Chancen einer echten, also täglichen Late Night sieht er dennoch als eher gering an: "Ich glaube", sagt er, "dass wir keine Kultur haben, den Feierabend mit Late Night ausklingen zu lassen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3352820
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 28.01.2017/alpi
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.