Süddeutsche Zeitung

Iran:Atomanlage offenbar sabotiert

Ein Stromausfall trifft die wichtigste Nuklearanlage des Landes: die Urananreicherung in Natans. Israelische Medien spekulieren über eine Cyberattacke des Mossad. Es ist nicht der erste Angriff auf die Anlage.

Von Paul-Anton Krüger

Am Samstag erst hatte Irans Präsident Hassan Rohani per Videokonferenz von Teheran aus an einer Zeremonie zum Nationalen Tag der Nukleartechnik teilgenommen. Dabei ließ er in der Urananreicherungsanlage Natans die neuesten Errungenschaften der iranischen Atomindustrie zu Testzwecken in Betrieb nehmen: Zentrifugen der leistungsfähigeren Typen IR-5, IR-6 und IR-9.

Der Termin sollte auch demonstrieren, dass sich die Islamische Republik von Sabotage nicht aufhalten oder gar einschüchtern lässt. Im Sommer ereignete sich auf dem Gelände nahe der zentraliranischen Großstadt Isfahan eine Explosion, bei der eine Halle ausbrannte, in der genau diese empfindlichen Maschinen montiert und getestet wurden. Damals hatte Teheran Sabotage als Ursache genannt und Israel bezichtigt.

Nur wenige Stunden nach Rohanis Auftritt hat es nun erneut einen Zwischenfall in der wichtigsten Einrichtung des Atomprogramms gegeben. Und offenbar war es erneut Sabotage: Wie der Sprecher der Iranischen Atomenergie-Organisation, Behrouz Kamalvandi, am Sonntagmorgen mitteilte, hatte es in der Nacht zuvor einen "Unfall" im elektrischen Verteilnetz der Einrichtung gegeben. Radioaktivität soll dabei nicht freigesetzt worden sein, auch sei niemand verletzt worden.

Später am Tag sprachen dann mehrere Abgeordnete des iranischen Parlaments von einem "verdächtigen Vorfall" und "Sabotage". Schließlich verurteilte der Chef der Iranischen Atomenergie-Organisation, Ali Akbar Salehi, den Zwischenfall als "Akt des nuklearen Terrorismus". Iran behalte sich vor, gegen die Täter vorzugehen, sagte er im Staatsfernsehen. Er forderte die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) und die internationale Staatengemeinschaft auf, ebenfalls gegen die Verursacher vorzugehen.

Zugleich berichteten israelische Medien unter Berufung auf ausländische Geheimdienste, der Mossad habe eine Cyberattacke gegen die Anlage lanciert. Eine offizielle Stellungnahme der Regierung von Premier Benjamin Netanjahu lag am Sonntagabend nicht vor. In der Regel kommentiert sie solche Berichte nicht, zuletzt hatten Regierungsvertreter sich aber mehr oder weniger offen zu Attacken etwa gegen iranische Ziele in Syrien bekannt.

Unklar ist, ob und wie stark die Anlage beschädigt worden ist. Kamalvandi hatte zunächst von einer Werkstatt außerhalb der eigentlichen Anlage gesprochen, die betroffen gewesen sei. Ursache und Ausmaß müssten noch untersucht werden.

Allerdings nahmen die mutmaßlichen Angreifer offenkundig die Urananreicherung selbst zum Ziel: Die Gas-Ultrazentrifugen, die mit einer gasförmigen Uranverbindung gespeist werden, rotieren mit extrem hohen Geschwindigkeiten und sind empfindlich gegen Schwankungen in der Stromversorgung - deswegen ist diese in solchen Anlagen üblicherweise redundant ausgelegt.

Das war offenbar auch den Angreifern klar: Sie hatten, wenn man Kamalvandi beim Wort nimmt, nicht die Zuleitungen oder Notfallgeneratoren ins Visier genommen, sondern die nachgelagerte Verteilung des Stroms. Normalerweise laufen die Rotoren der Zentrifugen über Jahre hinweg mit konstanter Drehzahl. Die Stromversorgung wird dabei eigens stabilisiert, denn abrupte Geschwindigkeitsänderungen können die Maschinen beschädigen oder sogar zerstören.

Das hatten sich die Architekten des Stuxnet-Computervirus zunutze gemacht, der gemeinsam von den USA und Israel entwickelt worden war. Er war vor mehr als zehn Jahren in die Anlage eingeschleust worden und hatte Hunderte Zentrifugen zerstört. Dafür manipulierte das Schadprogramm die Regler, mit denen die Drehzahl der Zentrifugen gesteuert wird. Zugleich täuschte das Programm auf den Überwachungsmonitoren normale, unverdächtige Werte vor.

Der Vorfall fällt in eine politisch äußerst sensible Phase: Seit einer Woche verhandeln Iran und die USA in indirekten Gesprächen in Wien unter der Vermittlung Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands über eine Rückkehr zu dem 2015 geschlossenen Atomabkommen, aus dem US-Präsident Donald Trump im Mai 2018 ausgestiegen war. Salehi machte deutlich, dass die Attacke seiner Ansicht auch zum Ziel habe, die Verhandlungen zu torpedieren

Trumps Nachfolger Joe Biden hat angekündigt, die USA zum Abkommen zurückführen zu wollen. Teheran verlangt aber, dass dafür alle von Trump verhängten unilateralen Sanktionen aufgehoben werden müssen. Iran müsste im Gegenzug wieder alle Beschränkungen des Atomabkommens einhalten.

Die Inbetriebnahme neuer Zentrifugen-Typen am Samstag ist ein weiterer Verstoß gegen die Vereinbarung - ein besonders problematischer. Denn während Iran angereichertes Uran wieder verdünnen oder Vorräte außer Landes bringen kann, sind die einmal durch Tests gewonnenen technischen Erkenntnisse nicht wieder rückgängig zu machen. Das zeichnet sich als Streitpunkt bereits ab.

Zudem steht Mitte Juni in der Islamischen Republik die Präsidentenwahl an, bei der Amtsinhaber Hassan Rohani nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten darf. Europäische Diplomaten hoffen daher, bis Mitte Mai eine Einigung erzielen zu können. Direkte Gespräche mit den USA lehnt Irans Oberster Führer Ayatollah Ali Chamenei ab. Zwar wird der Vorfall vermutlich keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Gespräche haben, die am Mittwoch fortgesetzt werden sollen. Er dürfte aber in Teheran die Hardliner bestärken, die Verhandlungen ablehnen.

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