Süddeutsche Zeitung

Berliner Runde:Von schlechten Verlierern und Dauergästen am Buffet

Martin Schulz ist beleidigt, die AfD das beherrschende Thema - und Kanzlerin Merkel erlebt ein Déjà-vu: In der Elefantenrunde der Öffentlich-Rechtlichen werden Erinnerungen wach an einen legendären Abend vor zwölf Jahren.

Martin Schulz wirkt fast beleidigt, als er aggressiv ankündigt, die SPD werde in die Opposition gehen und als "starkes Bollwerk gegen die Feinde der Demokratie" agieren. Der gescheiterte Kanzlerkandidat ist sich sicher: Es wird eine Jamaika-Koalition geben, da Merkel auf jeden Fall Kanzlerin bleiben wolle. "Sie werden sich keine Sorgen machen müssen, sie kriegen alles durch", richtet er sich an die Grünen und die FDP. "Frau Merkel wird Ihnen sehr weit entgegen kommen."

Angela Merkel dürfte es wie ein Déjà-vu vorgekommen sein, als der unterlegene Herausforderer Martin Schulz in der "Elefantenrunde" von ARD und ZDF auf sie losgeht. Einen "skandalösen" Wahlkampf habe die Kanzlerin geführt, schimpft der SPD-Chef. Mit ihrer "systematischen Verweigerung von Politik" habe sie die AfD gestärkt. Merkel trage eine "große Verantwortung" für deren Erfolg, die Union habe eine "verdiente Niederlage" eingefahren.

Vor zwölf Jahren erlebte Merkel etwas Ähnliches - allerdings mit dem damaligen SPD-Kanzler Gerhard Schröder. Gegen den hatte sie gerade mit hauchdünner Mehrheit die Wahl gewonnen, trotzdem stellte er sie in einer legendären Elefantenrunde als Verliererin dar. Schröder wirkte wie berauscht von seiner Aufholjagd, die ihm in letzter Minute noch fast den Sieg gebracht hatte. Aber eben nur fast. Merkel wurde Kanzlerin und wird es auch bleiben - trotz minus acht Prozent für die Union.

"Schulz redet sich um Kopf und Kragen"

Die Berliner Runde von ARD und ZDF beginnt in den ersten zwei Minuten ganz zivil, bevor sie so aus dem Ruder läuft. Martin Schulz ist kein souveräner Verlierer - und Merkel kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sie sei "etwas traurig", dass Schulz die Errungenschaften der Großen Koalition so nieder machen würde.

Außerdem habe man ja den Regierungsauftrag als stärkste Partei. Zwar sei die Wahl nicht so ausgegangen, wie sie sich das gewünscht habe, aber es sei, sagt sie, "ein Ergebnis, auf das sich aufbauen lässt". Auch sei die große Koalition nicht abgewählt worden, lockt sie, rechnerisch würde es immer noch reichen.

Schulz nennt ihren Appell an die Verantwortung der SPD "ein starkes Stück": Die Sozialdemokraten hätten bis zum Wahltag ihr Wort gehalten. Damit sei jetzt Schluss, weil die Groko "politisch abgewählt" worden sei.

Erstmals kommt nun auch FDP-Chef Christian Lindner zu Wort: Schulz rede sich "um Kopf und Kragen", weil er eine "Koalition der Lähmung" prognostiziere und sie offenbar auch wolle. Hier treibt einer öffentlich schon der Preis des Eintritts der FDP in eine Koalition mit der CDU/CSU und den Grünen in die Höhe. Das wirkt allerdings auch so, als die Grünen-Spitzenkandidatin und mögliche künftige Koalitionärin Katrin Göring-Eckardt mahnt, dass Schulz nicht schon den Wahlkampf in vier Jahren führen solle.

"Es geht um Deutschland"

"Tatsächlich aber stehen die nächsten Wahlkämpfe bereits an: Am 15. Oktober in Niedersachsen und kommendes Jahr in Bayern. Und so macht auch CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann schon am Abend der Bundestagstagswahl Wahlkampf in seinem Heimatland, wenn er ankündigt, man müsse daraus lernen, was die AfD-Wähler wollten. In seinen Worten bahnt sich an, dass die Christsozialen noch weiter nach rechts rücken könnten, um wirklich keine Partei rechts neben sich zu tolerieren.

Alle Parteien und auch die Medien hätten sich in den vergangenen Wochen des Wahlkampfes fast nur mit der AfD beschäftigt, kritisiert Göring-Eckhardt. Die Grüne warnt die CSU, diese Partei nicht zu kopieren, "weil dann das Original gewählt wird". Lindner ergänzt, er kenne diese Leute ja aus dem Parlament in Nordrhein-Westfalen: "Die haben kein Interesse an Inhalten", sagt der FDP-Chef, die Abgeordneten dieser Partei seien bei wichtigen Abstimmungen und Debatten "immer am Buffet".

"Ein Parlament ohne Provokationen wird es nicht geben"

Trotz dieser Mahnung dreht sich dann die Diskussion um die Positionen und das Gebaren der AfD - bis Bayerns Innenminister Joachim Herrmann der Kragen platzt. Eigentlich ist der CSUler dafür bekannt, ein ruhiger, besonnener Mann zu sein, doch nun zeigt er verärgert die ganze Misere auf, die auch den Wahlkampf bestimmte: "Wir haben schon wieder mehr als die Hälfte der Zeit über die AfD geredet." Wohl wahr.

Ganz zum Schluss verwahrt sich dann noch die an diesem Wahlabend sehr ruhige Merkel gegen Personalschachereien, in die die Runde nach Herrmanns richtigen Worten ein paar Minuten abzugleiten scheint: "Es geht um Deutschland, um seine Zukunft in einer ziemlich turbulenten Welt", sagt die Kanzlerin. Und dann: "In der Ruhe liegt die Kraft."

Ob Ruhe angesichts von mehr als 90 Abgeordneten der AfD im Bundestag ausreichen wird, die die Kanzlerin jagen wollen, wie es AfD-Spitzenkandidat Gauland ankündigte, wird sich ab Montag in einer neuen Republik zeigen.

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