Süddeutsche Zeitung

Angela Merkel und das DFB-Team:Gruß an die Schirmherrin der Nationalelf

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Sami Khedira, Jérôme Boateng und Bastian Schweinsteiger widmen Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Amtsende ein paar blumige Worte - und eine Einladung zum Ingwertee.

Von Philipp Selldorf

In Sopot am polnischen Ostseestrand hat es unentwegt geregnet, als dort während der Europameisterschaft 2012 die deutsche Nationalmannschaft wohnte. Umso willkommener war die "tolle Ausstrahlung", mit der Angela Merkel das Teamhotel namens Olivenhof mit ihrem Besuch erfüllte. Das galante Kompliment stammte vom Ersatztorwart und Gentleman Tim Wiese, dem bei den seinerzeit regelmäßigen Visiten der Regierungschefin eine tragende Rolle gehörte: Traditionell hielt er zum Abschied die Dankesrede für den Gast. Einmal begab es sich, dass Angela Merkel vergeblich nach ihm Ausschau hielt, als sie sich nach einem Länderspiel in der Kabine einfand, um ein paar Worte an die Mannschaft zu richten. "Ohne Wiese fange ich nicht an", sagte sie.

Angela Merkel fungierte in jenen Jahren als eine Art Schirmherrin der Nationalelf. Nähergekommen war man sich während der WM 2006, zum Ende des Turniers saßen Merkel und die Mannschaft auf dem Dach des Berliner Kanzleramts bei Hähnchen und Bier beisammen, und Oliver Bierhoff schwärmte von einem Fest, bei dem es "kein Protokoll" gegeben habe.

Tatsächlich ging es mit der Zeit immer ungezwungener zu bei den Begegnungen zwischen den Spitzen aus Politik und Fußball, anfangs banden sich die Spieler noch brav Krawatten um, später behielten sie einfach ihre Trainingsanzüge an, wie auf dem Foto vom Besuch im Olivenhof zu sehen ist: Merkel trägt Kostüm, die Tischherren Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose drei Streifen.

Das Merkel-Foto mit Özil wurde als Botschaft der Integration gefeiert

Das berühmt gewordene Bild eines anderen Gipfeltreffens erregte hingegen Anstoß: weniger deshalb, weil Mesut Özil lediglich halb bekleidet war, als er Merkel 2010 nach einem 3:0 gegen die Türkei die Hand schüttelte. Sondern weil der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger nichts von dem Fototermin wusste und nicht in die Kabine gelassen wurde, als er endlich herbeigeeilt war. Eine offizielle Protestnote folgte. Vielleicht wäre er ja auch gern im Bild zu sehen gewesen.

Das Foto mit Özil wurde als Botschaft der Integration gefeiert, das Foto, das acht Jahre später der türkische Präsident Erdoğan mit Özil machen ließ, als deren Gegenteil. Spätestens hier endete die Leichtigkeit, mit der die Liaison zwischen Merkel, Jogi Löw und dessen Team begonnen hatte. Es war eine Beziehung, die beiden Seiten gefallen und genutzt hatte, der Regierung und dem DFB. Hinter der Inszenierung zur Steigerung der Popularitätswerte entwickelten sich wahrhaftige Sympathien.

Daran haben nun aus Anlass des Abschieds von Angela Merkel aus dem Amt einige der alten Weggefährten erinnert. Sami Khedira und Jérôme Boateng verfassten feierliche Lobesworte, und Bastian Schweinsteiger äußerte die Vermutung, dass Deutschland Merkel "noch vermissen" werde. Vielleicht sehe man sich ja "nächstes Jahr auf einen Ingwertee" wieder, schrieb er. Dann wohl wieder ohne Theo Zwanziger.

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