Süddeutsche Zeitung

Coronavirus in Deutschland:Mehrheit der Deutschen für Lockerung des Lockdowns

  • Laut einer Umfrage sind zum ersten Mal seit Beginn des Lockdowns Mitte Dezember eine Mehrheit der Befragten für Lockerungen.
  • 4732 Corona-Neuinfektionen und 60 neue Todesfälle registriert
  • Die Bundesregierung erschwert wegen gefährlicher Corona-Mutationen die Einreise aus der französischen Region Moselle.
  • Die Ministerpräsidenten Söder und Kretschmann haben sich dafür ausgesprochen, die Impfreihenfolge zu lockern, wenn Impfstoff wie im Fall von Astrazeneca teilweise ungenutzt bleibt.
  • Der Deutsche Lehrerverband regt an, dass Schülern und Schülerinnen ein zusätzliches Schuljahr auf freiwilliger Basis angeboten wird.
  • Die aktuellen Meldungen zum Coronavirus weltweit.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sind 43 Prozent der Befragten für eine Lockerung des Lockdowns, 17 Prozent sprachen sich sogar für eine komplette Rückkehr zur Normalität aus. Dem gegenüber stehen 26 Prozent der Befragten, die für die Beibehaltung der geltenden Einschränkungen sind. Neun Prozent sind gar für eine Verschärfung. Damit spricht sich zum ersten Mal seit Beginn des Lockdowns Mitte Dezember eine Mehrheit für Lockerungen aus. Die YouGov-Umfrage wird alle zwei bis vier Wochen durchgeführt.

Fast drei Viertel der Umfrage-Teilnehmer (73 Prozent) stehen hinter den Maßnahmen von Bund und Ländern, zu denen die Schließung von Geschäften, Schulen, Restaurants und Hotels sowie das Verbot von Kultur- und Sportveranstaltungen mit Zuschauern gehören. Anfang Januar waren noch fast zwei Drittel (65 Prozent) für die Beibehaltung oder Verschärfung der Maßnahmen. Vor der letzten Bund-Länder-Konferenz am 10. Februar war es dann nur noch die Hälfte der Befragten, inzwischen liegt der Anteil bei 35 Prozent.

An dringendsten ist der Wunsch uneingeschränkt einkaufen gehen zu können. Dafür sprachen sich 49 Prozent der Befragten aus. Danach folgte der Wunsch nach Lockerungen der Vorschriften, mit wie vielen Menschen man sich treffen darf (43 Prozent), der Öffnung von Restaurants (42 Prozent) und der Öffnung von Schulen (32 Prozent). 18 Prozent der Befragten wünschen sich, dass Dienstleistungsbetriebe wie Kosmetik- und Massagestudios wieder öffnen dürfen, 16 Prozent die Möglichkeit, zum Beispiel in Fitnessstudios Sport zu treiben. Den Besuch von Kulturveranstaltungen zu ermöglichen wünschten sich 12 Prozent, uneingeschränkt reisen zu können 11 Prozent der Befragten. 9 Prozent wünschen sich eine Öffnung von Hotels, 5 Prozent den Besuch von Sportveranstaltungen. Die Befragten konnten jeweils drei Bereiche nennen.

Die Skepsis gegenüber den Einschränkungen überwiegt inzwischen bei den Anhängern aller im Bundestag vertretenen Partei. Am größten ist der Wunsch nach Lockerung bei den Wählern der AfD (72 Prozent) und FDP (67 Prozent). Dahinter folgen die Anhänger der Linken (58 Prozent), der CDU/CSU (57 Prozent), der SPD (54 Prozent) und der Grünen (49 Prozent).

Die Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung in der Corona-Pandemie nimmt unterdessen weiter zu. Nur noch 48 Prozent der Befragten bewerten das Regierungshandeln sehr positiv (7 Prozent) oder eher positiv (41 Prozent). Anfang Februar waren noch 50 Prozent eher zufrieden, im Oktober waren es sogar noch 57 Prozent und während der ersten Corona-Welle im April 67 Prozent. Heute zeigen sich 22 Prozent sehr unzufrieden mit dem Krisenmanagement der Regierung und weitere 25 Prozent eher unzufrieden. 5 Prozent machen keine Angaben.

4732 Corona-Neuinfektionen und 60 neue Todesfälle registriert

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 4732 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Zudem wurden innerhalb von 24 Stunden 60 weitere Todesfälle verzeichnet. Das geht aus Zahlen des RKI vom Montag hervor. Vor genau einer Woche hatte das RKI binnen eines Tages 4369 Neuinfektionen und 62 neue Todesfälle verzeichnet. Am Montag sind die vom RKI gemeldeten Fallzahlen meist niedriger, unter anderem weil am Wochenende weniger getestet wird. Die Daten geben den Stand des RKI-Dashboards von 05.30 Uhr wieder, nachträgliche Änderungen oder Ergänzungen sind möglich.

Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner (Sieben-Tage-Inzidenz) lag laut RKI am Montagmorgen bundesweit bei 65,8 - und damit höher als am Vortag (63,8). Vor vier Wochen, am 1. Februar, hatte die Inzidenz noch bei 91 gelegen. Ihr bisheriger Höchststand war am 22. Dezember mit 197,6 erreicht worden. Der Höchststand von 1244 neu gemeldeten Todesfällen war am 14. Januar erreicht worden. Bei den binnen 24 Stunden registrierten Neuinfektionen war mit 33 777 am 18. Dezember der höchste Wert erreicht worden - er enthielt jedoch 3500 Nachmeldungen.

Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 2 447 068 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2 in Deutschland (Stand: 01.03., 05.30 Uhr). Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit etwa 2 255 500 an. Die Gesamtzahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 70 105.

Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag laut RKI-Lagebericht vom Sonntag bei 1,08 (Vortag 1,11). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 108 weitere Menschen anstecken. Der Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab.

Bundesregierung verschärft Einreiseregeln für französische Grenzregion Moselle

Im Kampf gegen die Ausbreitung gefährlicher Mutationen des Coronavirus wird die Einreise aus der französischen Grenzregion Moselle nach Deutschland erschwert. Mit Wirkung ab Dienstag stufte die Bundesregierung die an das Saarland und Rheinland-Pfalz grenzende Region am Sonntag als sogenanntes Virusvariantengebiet ein, wie das Robert Koch-Institut im Internet bekannt gab.

Einreisende aus dem Départment mit seinen etwa eine Million Einwohnern müssen künftig bei Einreise nach Deutschland einen negativen Corona-Test vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden ist. Ein Schnelltest ist dabei ausreichend.

Fluggesellschaften sowie Bus und Bahnunternehmen dürfen keine Passagiere mehr aus Moselle nach Deutschland befördern. Ausgenommen davon sind aber unter anderem deutsche Staatsbürger und in Deutschland lebende Ausländer.

Auch der Warenverkehr soll nicht beeinträchtigt werden. Stationäre Grenzkontrollen wie an den Grenzen zu Tschechien und zum österreichischen Bundesland Tirol soll es an der Grenze zu Frankreich nach dpa-Informationen nicht geben. "In diesen ganzen Überlegungen stehen bis zur Stunde Grenzkontrollen nicht zur Diskussion", hatte auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) schon am Freitag versichert. Ähnlich hatte sich zuvor Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geäußert. Beide hatten darauf hingewiesen, dass die Bundesländer Bayern und Sachsen ausdrücklich um stationäre Kontrollen an den Grenzen zu Tschechien und Tirol gebeten hätten.

Frankreichs Europa-Staatssekretär Clément Beaune sagte, er bedauere die Entscheidung. Man habe in Moselle die Maßnahmen im Kampf gegen das Virus verschärft. Der Präsident der an Deutschland grenzenden Region Grand Est, Jean Rottner, nannte diese "brutal" und "einseitig". Man habe in den vergangenen Tagen eher den Eindruck einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden gehabt, sagte er dem Sender Franceinfo.

Im Département Moselle war es in den vergangenen Wochen zum verstärkten Auftreten der Coronavirus-Varianten gekommen. Nach Angaben von Premierminister Jean Castex handelt es sich bei 60 Prozent der positiven Fälle in Moselle um die südafrikanische Variante. Das Département Moselle ist eines von rund 100 Départements in Frankreich und gehört zur Region Grand Est.

Frankreich hatte in Absprache mit der deutschen Seite in der vergangenen Woche bereits seine Einreiseregeln in die Region Moselle verschärft. Nur Grenzpendler, die aus beruflichen Gründen einreisen, sind von einem Test befreit. Generell braucht jeder, der nach Frankreich einreist, einen negativen Corona-Test, der nicht älter als 72 Stunden ist. Für Grenzpendler etwa hatte es aber Ausnahmen gegeben. Mit Moselle gelten ab Dienstag 14 Länder und zwei Regionen in Ausland als Virusvariantengebiete, darunter neben Tschechien und Tirol auch die Slowakei, Portugal und Irland.

Söder und Kretschmann wollen Impfreihenfolge lockern

Angesichts ungenutzer Impfstoffdosen von Hersteller Astrazeneca plädieren deutsche Spitzenpolitiker dafür, die Impfreihenfolge, wenn nötig, zu lockern. "Bevor er liegen bleibt, impfen, wer will", sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder der Bild am Sonntag. "Es kann nicht sein, dass einerseits zu wenig Impfstoff vorhanden ist, andererseits Astrazeneca in hohen Zahlen nicht verimpft wird." Nach Ansicht Söders soll der Impfstoff bundesweit für alle Menschen, die eine Impfung wünschen, freigegeben werden, unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Alters- oder Risikogruppe. Bayern plane laut dem CSU-Politiker jedoch keinen Alleingang, sondern strebe eine bundeseinheitliche Lösung an.

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) plädierte dafür, die Priorisierungen beim Impfen zu lockern, sollte Impfstoff wegen der Zurückhaltung von Menschen nicht genutzt werden. Die Priorisierung sei wichtig, zumindest solange der Impfstoff Mangelware sei. "Zugleich können wir es uns nicht leisten, dass Impfstoff herumsteht und nicht verimpft wird, weil Teile der Berechtigten ihn ablehnen. Dann müssen wir dieses strenge Regiment auflockern und Menschen impfen, die nach der Priorisierung noch nicht an der Reihe wären", sagte Kretschmann in der Welt am Sonntag.

"Die Priorisierung ist ein Mittel der Mangelverwaltung" und solle für AstraZeneca "zügig aufgehoben werden", sagte auch der sächsische Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Damit ließen sich rasch Fortschritte erzielen. "Es wird sich aber schnell herumsprechen, dass der Impfstoff von AstraZeneca eine große Wirkung hat, dass er genauso gut schützt wie der von BioNTech."

Die Impfungen mit dem Präparat von Astrazeneca laufen bundesweit nur schleppend. Eine Auswertung der SZ zeigte vergangene Woche, dass 1,4 Millionen Dosen ausgeliefert, aber nur 211 886 verimpft worden waren, also fünfzehn Prozent. Ein Hindernis ist womöglich, dass es in der ersten Priorisierungsgruppe kaum noch Menschen unter 65 Jahren, die noch nicht geimpft sind (Astrazeneca wird nur an Menschen unter 65 verabreicht).

Gewerkschaft für Beteiligung der Unternehmen beim Impfen

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) fordert eine breite Beteiligung der heimischen Industrie an der deutschen Impfoffensive gegen das Coronavirus. "Alle Betriebe mit Werksärzten sollten ihren Beschäftigten entsprechend der vorgegebenen Priorisierungsgruppen in den kommenden Monaten ein Impfangebot machen können", sagte Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis bei einer virtuellen Delegiertenkonferenz des IG-BCE-Bezirks München. Noch gebe es zwar zu wenig Impfstoff, das dürfte sich jedoch innerhalb der kommenden Wochen ändern.

"Dann müssen die Unternehmen ihren Teil dazu beitragen, dass ihre Mannschaft geschützt und die Pandemie schnell zurückgedrängt werden kann", forderte Vassiliadis. Der IG-BCE-Vorsitzende sieht dabei nicht nur große Konzerne in der Pflicht, sondern auch mittelständische Unternehmen. "Die Wirtschaft muss der öffentlichen Hand unter die Arme greifen, damit wir keinen Impfstau erleben. Im Kampf gegen die Pandemie ist Schnelligkeit gefragt." Schon heute gebe es Verwerfungen im System. Während unzählige Menschen auf ihre Impfung warteten, stünden Impfdosen ungenutzt in den Kühlschränken.

Die IG BCE mit Sitz in Hannover ist eigenen Angaben zufolge mit mehr als 630.000 Mitgliedern nach den Metallern die zweitgrößte Industriegewerkschaft in Deutschland.

Lehrerverband für freiwilliges Schul-Zusatzjahr

Der Deutsche Lehrerverband regt an, dass Schülern und Schülerinnen ein zusätzliches Schuljahr auf freiwilliger Basis angeboten wird. Verbandspräsident Hans-Peter Meidinger sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zwar seien im vergangenen Jahr in fast allen Bundesländern sämtliche Schüler versetzt worden.

Viele von ihnen würden aber den Anschluss nicht mehr schaffen. Deshalb sollten sie ein freiwilliges Zusatzjahr absolvieren und Unterrichtsstoff wiederholen, sagte Meidinger. Allerdings solle dies nicht in allen Fächern geschehen, sondern nur dort, wo Defizite bestünden. In den kommenden Tagen will der Lehrerverband ein genaueres Konzept vorstellen. Für den zusätzlichen Unterricht könnten laut Meidinger pensionierte Lehrkräfte und ehrenamtliche Mentoren gewonnen werden.

Feiern im NRW-Innenministerium trotz Pandemie

Trotz Corona-Pandemie hat es im NRW-Innenministerium noch im November und Dezember Beförderungsfeiern als Präsenzveranstaltungen gegeben - darunter zwei größere. Am 23. November seien zunächst 26 Personen befördert worden, nach einstündiger Pause und "gründlicher Lüftung" dann weitere 18 Personen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur am Samstag. Zuvor hatte der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet.

Neben den Beförderten seien am 23. November auch Innenminister Herbert Reul (CDU) und Staatssekretär Jürgen Mathies sowie einige wenige weitere Personen anwesend gewesen. Aus Gründen des Infektionsschutzes habe man die Beförderung auf zwei separate Feiern aufgeteilt. Die Veranstaltungen hätten "unter besonders strikten Coronaschutzvorkehrungen" im größten Saal des Ministeriums unter Abstandswahrung stattgefunden. Die Teilnehmer seien mit Mundschutz einzeln zu ihrem Sitzplatz begleitet worden. Es habe nach diesen Beförderungsfeiern "gesichert keine positiven Fälle, keinerlei Infektionsgeschehen" gegeben, betonte der Ministeriumssprecher.

Insgesamt waren im November dem Ministeriumssprecher zufolge 106 Teilnehmer zu Beförderungsterminen gekommen, verteilt auf sieben Veranstaltungen. Im Dezember seien 96 Teilnehmer bei Beförderungsfeiern im Ministerium anwesend gewesen, verteilt auf 13 Termine. Dem Kölner Stadtanzeiger zufolge gab es sogar Feiern bis in den Januar 2021 hinein. "In der Regel" hätten Reul und Mathies an diesen Veranstaltungen teilgenommen, sagte der Sprecher.

Reul war Mitte Februar positiv auf das Coronavirus getestet worden - er hatte sich mit der besonders ansteckenden Variante B.1.1.7 infiziert. Auch Mathies war Mitte Februar in Quarantäne gegangen. In einer E-Mail an seine Mitarbeiter hatte Reul zudem vor einigen Tagen von zehn weiteren Kollegen und Personenschützern berichtet, die noch akut infiziert seien.

Wegen der anhaltenden pandemischen Situation seien die Regeln im Innenministerium Ende Januar verschärft worden, hieß es aus dem Ministerium. Nach dem am 29. Januar 2021 fortgeschriebenen Hygienekonzept sind seitdem alle Personenkontakte im Bürogebäude "auf das betriebsnotwendige Minimum zu reduzieren". Im Februar habe es keine Beförderungsfeiern gegeben, für März seien keine terminiert.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Stefan Kämmerling kritisierte die Ministeriumsspitze der Landesregierung von Ministerpräsident und CDU-Chef Armin Laschet. "Während die Landesregierung per Corona-Schutzverordnung Menschenansammlungen verbietet, macht das Innenministerium weiterhin Beförderungstermine in Präsenzveranstaltung", zitierte der Kölner Stadt-Anzeiger Kämmerling. "Da sind die Anforderungen, die von der Regierung an die Bevölkerung gestellt werden, wenig vertrauenswürdig", sagte der SPD-Politiker der Zeitung.

Scholz und SPD-Länderchefs für Öffnungen mit verstärktem Testen

Vor der Bund-Länder-Runde am Mittwoch haben Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und mehrere Ministerpräsidenten aus der SPD eine schrittweise Öffnung nach dem Corona-Lockdown in Aussicht gestellt. Scholz sprach sich im Deutschlandfunk für vorsichtige Öffnungsstrategien aus, die an Tests und Impfungen gekoppelt sein sollten. Es sei eine "Lösung aus einem Guss" notwendig, sagte er. Vor allem in Firmen sowie in Arztpraxen und Apotheken müssten mehr Möglichkeiten für Tests geschaffen werden.

Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer rechnet mit einem "Perspektivplan" für Öffnungen. "Wir arbeiten zwischen den Ländern und dem Bund im Hintergrund sehr hart daran, die unterschiedlichen Vorstellungen, die es dazu gibt, zusammenzuführen", sagte Dreyer der Saarbrücker Zeitung. Nach den Schulen und Kitas sowie den Friseuren gehe es nun zuerst um Perspektiven für den Einzelhandel und die Kultur. Ebenso werde man über Gastronomie im Außenbereich und die Öffnung von Hotels und Ferienwohnungen sprechen.

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller setzt sich für Lockerungen ein. Dem Tagesspiegel sagte der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz: "Wir können nicht dauerhaft im Lockdown leben". Eine "No Covid"-Strategie, wie von manchen Wissenschaftlern vorgeschlagen, sei aus Gesundheitsperspektive zwar das richtige Ziel. "Das kann für uns aber nicht der einzige Maßstab sein, weil es nur langfristig und sehr schwer zu erreichen ist." Laut Müller drohten in diesem Fall "fatale Folgen" in den Bereichen Soziales, Bildung und Wirtschaft. Nach der schrittweisen Öffnung der Schulen und der Öffnung der Friseurläden sehe er als drittes nun "Einzelhandel und Kultur dran", verbunden mit der 35er-Inzidenz und sinkenden Werten oder verstärktem Testeinsatz.

Sieben-Tage-Inzidenz steigt auf 63,8

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 9762 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Zudem wurden innerhalb von 24 Stunden 369 neue Todesfälle verzeichnet. Das geht aus Zahlen des RKI vom Samstag hervor. Vor genau einer Woche hatte das RKI binnen eines Tages 9164 Neuinfektionen und 490 neue Todesfälle verzeichnet. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag demnach bundesweit bei 63,8 - und damit etwas höher als am Vortag (62,6).

Ziel von Bund und Ländern ist ein Wert von 50, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Ab einem dauerhaften Wert von unter 35 haben sie weitere Lockdown-Öffnungen in Aussicht gestellt.

Den neuen Angaben zufolge starben 369 weitere Menschen. Damit erhöht sich die Zahl der gemeldeten Todesfälle binnen 24 Stunden auf 69.888. Insgesamt wurden bislang in mehr als 2,43 Millionen Fällen Menschen positiv auf das Coronavirus getestet.

Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag laut RKI-Lagebericht vom Freitagabend bei 1,08 (Vortag 1,05). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 108 weitere Menschen anstecken. Der Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab.

Modellrechnung: Millionen Bürger könnten schneller geimpft werden

Noch immer werden in Deutschland weniger Menschen geimpft als in manch anderen Ländern. Das Ziel der Bundesregierung, dass bis zum 21. September alle Impfwilligen ihre erste Spritze bekommen, ist deshalb noch in weiter Ferne. Modellrechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, die am Freitag veröffentlicht wurden, zeigen nun: Millionen Bürger könnten deutlich schneller gegen das Coronavirus geimpft werden, wenn die zulässigen Intervalle zwischen Erst- und Zweitimpfung voll ausgeschöpft und keine Impfdosen mehr für Zweitimpfungen zurückgelegt werden. Würde so verfahren, könnten bis Ostern mehr als zwei Millionen zusätzliche Erstimpfungen gespritzt werden - bei gleichbleibenden Liefermengen.

Bis zum Beginn der Sommerferien in den ersten Ländern am 21. Juni könnten sogar mehr als 7,5 Millionen zusätzliche Erstimpfungen stattfinden. Laut dem Modell könnten dann 58 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfung erhalten. Im Unterschied dazu würden beim aktuellen Impfregime nur etwa 47 Prozent diesen Schutz bis zum Sommer bekommen, hieß es.

Mit dem Ansatz, die Intervalle zwischen den Impfungen auszureizen, könnten theoretisch vor allem in der aktuellen Anfangsphase mehr Menschen immunisiert werden, während nur wenige Impfdosen verfügbar sind. Der Zeitpunkt, zu dem der impfwillige Teil der Bevölkerung mit Vakzinen versorgt ist, würde sich damit allerdings kaum nach vorne verschieben, weil die zweiten Impfungen trotzdem verabreicht werden müssen.

In beiden Szenarien wurden nur die derzeit zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna sowie Astra Zeneca berücksichtigt - und zwar nach den bislang avisierten Liefermengen. Die Impfintervalle voll auszuschöpfen, wäre mit einem großen logistischen Unterfangen verbunden, weil sehr schnell deutlich höhere Kapazitäten in Impfzentren und Arztpraxen aufgebaut werden müssten.

Dringend nötig sei eine weitere Aufstockung der Impfkapazitäten, sagte der Vorstandsvorsitzende des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, Dominik von Stillfried. Dies werde noch dringender, wenn weitere Impfstoffe zugelassen werden - insbesondere der Hersteller Johnson & Johnson sowie Curevac.

Am Mittwoch hatte das Zentralinstitut vorgerechnet, dass 50 000 der bundesweit rund 75 000 Arztpraxen täglich jeweils 20 Impfstoffdosen verabreichen könnten - und dadurch mit bis zu fünf Millionen Impfungen in der Woche zügig zur Immunisierung der Bevölkerung beitragen. Noch ist in Deutschland allerdings nicht genügend Impfstoff vorrätig, um die Arztpraxen flächendeckend zu versorgen.

Impfkommission plant aktualisierte Empfehlung zu Astra-Zeneca-Vakzin

Die Ständige Impfkommission in Deutschland (Stiko) will ihre Empfehlung zum Impfstoff des Herstellers Astra Zeneca überdenken. Es werde "sehr bald zu einer neuen, aktualisierten Empfehlung kommen", sagte der Chef der Kommission, Thomas Mertens, am Freitagabend im ZDF-"heute journal".

Die Stiko hatte - anders als die EU-Arzneimittelbehörde EMA - den Impfstoff vorerst nur für Menschen zwischen 18 und 64 Jahren empfohlen, weil Daten zur Wirkung bei Älteren fehlen. Das Vakzin trifft bei vielen Menschen auf Vorbehalte. "Das Ganze ist irgendwie schlecht gelaufen", räumte Mertens ein.

Er rechtfertigte aber die Stiko-Entscheidung mit einer dünnen Datenlage. "Wir hatten die Daten, die wir hatten und haben auf der Basis dieser Daten die Empfehlung gegeben. Aber wir haben nie den Impfstoff kritisiert. Wir haben nur kritisiert, dass die Datenlage für die Altersgruppe über 65 nicht gut oder nicht ausreichend war." Ansonsten sei der Impfstoff "sehr gut" und er werde "jetzt durch hinzukommende neue Daten noch besser in der Einschätzung", betonte Mertens.

Spahn und Wieler: Schnelltests können bestehende Maßnahmen nicht ersetzen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler haben am Freitag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz über die aktuelle Corona-Lage in Deutschland informiert.

Spahn sagte, man könne erste Erfolge verzeichnen. Den Bewohnerinnen und Bewohner von Pflege- und Altenheimen seien mehrheitlich ein Impfangebot gemacht worden, die meisten Senioren hätten dieses Angebot angenommen. Die Mehrheit der über 80-Jährigen sei nun geimpft mit der Folge, dass sich das überproportionale Infektionsgeschehen in dieser Altersgruppe dem Durchschnitt annähere. Er gehe davon aus, dass es weiter sinken werde, sagte der Gesundheitsminister weiter. Die Strategie, besonders vulnerable Gruppen zuerst zu impfen, gehe auf. "Es ist aufwändiger, es dauert länger, aber es rettet Leben", sagte Spahn.

Die Impfkampagne nehme weiter an Fahrt auf. In den letzten beiden Tagen sei mit 160.000 Impfungen am Tag ein neuer Höchstwert erreicht worden. "Noch liegt aber zu viel Impfstoff im Kühlschrank", stellte der CDU-Politiker fest. Der nächste Schritt sei es nun, die Konzepte so zu gestalten, dass auch flächendeckend in Arztpraxen geimpft werden könne. Das sei eine komplexe Aufgabe, sagte Spahn, da eine entsprechende Logistik erst aufgebaut beziehungsweise angepasst werden müsse. "Impfen ebnet den Weg aus der Pandemie, es wird gleichwohl kein Spaziergang", mahnte Spahn.

Auch das verstärkte Testen könne helfen, mit dem Virus zu leben. Es seien deutlich mehr Tests verfügbar als zuvor, sagte Spahn. Diese Schnelltests könnten Sicherheit geben für bestimmte Situationen, wie Familientreffen oder auch Konzert- und Restaurantbesuche. "Selbsttests müssten ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags werden", so der Bundesgesundheitsminister. Selbsttests gäben eine zusätzliche, aber keine 100-prozentige Sicherheit. Deshalb blieben PCR-Tests aber weiterhin der Goldstandard. Das Zusammenspiel aus Vorsicht, Impfen und Testen sei der Weg aus der Pandemie.

RKI-Chef Wieler bestätigte die grundsätzlich positive Einschätzung. "Die Maßnahmen wirken. Wir können gemeinsam viel erreichen." Impfungen seien das "mächtigste Werkzeug" im Kampf gegen die Pandemie. Er warnte aber auch vor überzogenem Optimismus. Im Moment stagnieren die Fallzahlen Wieler zufolge, gehen aber nicht weiter zurück. Auch gebe es regionale Unterschiede in der Entwicklung der Infektionen. Besorgniserregend sei, dass sich die Virus-Mutante B.1.1.7 rasch ausbreite, in allen Altersgruppen. Er sehe "deutliche Signale einer Trendumkehr". Umso wichtiger sei es, die Maßnahmen weiter konsequent umzusetzen. "Ansonsten steuern wir in eine dritte Welle hinein."

Auch breit verfügbare Schnelltests können Wieler zufolge nur eine Ergänzung der bisherigen Maßnahmen sein, kein Ersatz. Selbsttests könnten dabei helfen, Infektionen öfter und schneller als bisher zu entdecken. Aber, so Wieler, ein negatives Testergebnis sei nicht zu 100 Prozent sicher. Darum sei Vorsicht weiterhin geboten. "Das letzte Frühjahr dieser Pandemie - lassen Sie es uns klug nutzen."

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