Süddeutsche Zeitung

"Anne Will" zur Coronakrise:Altmaier und das Obst

Die CDU-Politiker Altmaier und Kretschmer preisen in der Talkshow "Anne Will" ihre Politik in der Corona-Krise, wehren andere Vorschläge als "kluge Reden" ab. Dabei stellen sich immer mehr Fragen, wie das Leben mit dem Virus aussehen soll.

Nachtkritik von Thomas Hummel

Der neue Alltag unter Corona-Bedingungen macht auch vor Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier nicht halt. Am Sonntag verspürte er den dringenden Wunsch, sich in Berlin etwas Süßes in einer von ihm geschätzten Konditorei zu besorgen, berichtet er in der ARD-Talkrunde von Anne Will. Doch hoppla, da dürfen nur noch zwei Menschen gleichzeitig in den Laden, die Abstandsregeln machen es nötig. Vor der Tür eine 30 Meter lange Schlange. "Ich habe dann darauf verzichtet und mich mit frischem Obst über den Tag gerettet", sagt Altmaier. Respekt.

Auch Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen, erlebt die Krise hautnah. Am Samstag sei eine junge Frau an seinen Gartenzaun gekommen und habe für seinen Sohn ein paar Aufgaben vorbeigebracht. "Das muss ab Montag gemacht werden. Hier sind die Texte, bitteschön." Der 44-jährige CDU-Politiker spricht von unglaublich engagierten Menschen, Lehrerinnen und Lehrer gehörten zu den Helden dieser Zeit.

An Kretschmers Gartenzaun ist die Lage offenbar entspannt. Doch viele Eltern zu Hause dürften sich bei dieser Aussage am inzwischen allabendlichen Beruhigungstee verschluckt haben. Eine Schnellumfrage im Bekanntenkreis ergibt, dass es tatsächlich eifrige Lehrerinnen und Lehrer gibt - es gibt aber auch die, von denen man kaum etwas hört. Wo die Technik hakt, Aufgaben kaum kontrolliert werden.

Dass die Schulen nun (inklusive Ferien) seit fünf Wochen geschlossen sind und für viele Klassen weit und breit kein Konzept in Sicht ist, wie zumindest teilweise wieder Unterricht gegeben werden kann, weckt Sorgen. Sorgen ums Kindeswohl, um Chancengerechtigkeit oder darum, wie Eltern den nächsten Tag im Home-Office plus Kinderbetreuung überstehen.

In der Talkshow von Anne Will dreht sich am Ende der Osterferien alles um die Frage: "Mit Vorsicht aus der Corona-Krise - wie hart trifft uns die 'neue Normalität'?" Der Begriff kommt von Finanzminister Olaf Scholz (SPD), auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) benutzte ihn. Er soll die Bevölkerung offenbar auf anhaltende Einschränkungen vorbereiten, ehe zu großer Widerspruch entsteht. Peter Altmaier erklärt in der Sendung allerdings, die Bundesregierung habe eine "neue Normalität" nicht beschlossen.

Es ist ein etwas kurioser Talkshow-Abend. Denn die einzigen zwei aktiven Politiker in der Runde kommen aus der gleichen Partei: Altmaier und Kretschmer. Die beiden CDUler nicken sich eifrig zu, wenn der andere spricht. Sie loben die Bundeskanzlerin und Markus Söder von der Schwesterpartei CSU. Zwar führt die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP, 68, einige juristische Überlegungen an. Doch im Grunde dürfen die beiden Herren recht ungestört ihr "kluges und überlegtes Vorgehen" preisen, wie es Kretschmer mehrmals tut. Er lobt auch die Deutschen für ihr typisches Vorgehen. "Es gibt ein Problem, dann machen die Deutschen einen Plan, dann machen sie eine Strategie, dann fangen sie an sie abzuarbeiten, zu optimieren, und am Ende läuft das wie am Schnürchen." Der sächsische Ministerpräsident strotzt seit seiner gewonnenen Landtagswahl in Sachsen im Herbst 2019 ohnehin vor Selbstbewusstsein. Wer anderer Meinung ist als er, der wird in Talkshows von ihm weggekretschmert.

Diesmal ist Michael Hüther dran, der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft. Er mahnt ausgefeilte Pläne an, wie man den sogenannten Lockdown für die Bevölkerung schneller lösen kann. Maskenpflicht, Abstand einhalten, et cetera. Für ihn sei die Pandemie inzwischen nur ein Risiko unter mehreren. So führe eine anhaltende wirtschaftliche Depression zu psychosozialen und mentalen Schäden, also auch zu Gesundheitsfolgen. Zudem setzt sich der Wirtschaftsvertreter überraschend für die Grundschüler ein, denn dort werde entscheidend für Bildungsgerechtigkeit und Lebenschancen gesorgt. Hüther verweist auf die Dänen, die am vergangenen Mittwoch bereits Grundschulen und Kindergärten geöffnet hätten. Wenn auch mit strengen Regeln. Auch Hüther plädiert für innovative Konzept, um die Kleinsten möglichst schnell wieder vor die Tafel zu bekommen.

Was sagt Kretschmer dazu? Zuerst liefert er sich mit Hüther ein Schrei-Duell, beide sprechen gleichzeitig, nichts ist zu verstehen. Dann spricht er abfällig von "klugen Reden". Er lacht Hüther fast aus. Und weist darauf hin, dass der Gesundheitsschutz das A und O, das Wichtigste für die Politik sei. Daran müsse sich alles ausrichten. Die Grundschulen bleiben zu.

Neue Normalität versus alte Normalität

Damit zum Experten in der Runde. Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum in Braunschweig, wirbt für einen Plan, der abschreckend und betörend zugleich ist. Der Lockdown solle um mindestens drei weitere Wochen strikt fortgesetzt werden, um das Virus auszutrocknen. Es sollten sich dann nur noch so wenige Menschen neu infizieren, dass man sie durch Tracking und Tests ausfindig machen kann. "So könnten wir in kurzer Zeit zu einer alten Normalität zurückkehren", verheißt Meyer-Hermann. Auch andere Wissenschaftler warben zuletzt für diesen Weg. Bei Anne Will aber gibt es Widerstand.

Leutheusser-Schnarrenberger verweist auf die Gerichte, die einen anhaltenden Stillstand und Entzug von Freiheitsrechten nicht dulden würden. Altmaier sagt, selbst jetzt erlebe Deutschland keinen totalen Lockdown, weil viele Menschen noch arbeiten. "Wir werden es nicht aushalten, das komplette Leben einzufrieren", glaubt er. Jemand hätte ihn an dieser Stelle daran erinnern können, dass in den vergangenen Wochen vieles geschehen ist, von dem angenommen werden musste, dass die Menschen es nicht aushalten würden.

Trotzdem sieht es derzeit danach aus, als gehe Deutschland den zweiten Weg, wie Meyer-Hermann erklärt: Die sogenannte Reproduktionszahl des Virus soll bei etwa 1,0 gehalten werden. Ein Infizierter steckt im Schnitt einen weiteren Menschen an. So lebt die Gesellschaft mit dem Virus, hält die Ausbreitung aber in Grenzen. Was das bedeutet? "Wir werden keine großen Lockerungen machen können, weil sich sonst das Virus explosionsartig vermehrt. Die Gratwanderung müssen wir permanent beibehalten. Wir müssen uns für einen sehr langen Zeitraum mit Beschränkungen befassen", prophezeit der Immunologe. Wie lange ungefähr? Darauf hat Michael Kretschmer eine Antwort: "Eine Normalisierung kann es nur geben, wenn ein Impfstoff da ist." Und wann ist ein Impfstoff da? Das weiß momentan niemand. Auch nicht bei Anne Will.

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