Süddeutsche Zeitung

Bundesliga:Letzter Ausweg Klage

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Die Erstligisten Dortmund, Köln und Bielefeld ziehen vor Gericht, um sich gegen die Corona-Verordnung der Landesregierung zu wehren. In der Zuschauer-Frage ist ein Punkt erreicht, der elementare Interessen der Vereine verletzt.

Kommentar von Philipp Selldorf

Werder Bremen darf am Samstag nicht nur den Karlsruher SC zum Punktspiel in der zweiten Bundesliga willkommen heißen, sondern auch eine vergleichsweise stattliche Zahl von Zuschauern. Beim jüngsten Auftritt im Weserstadion vor zwei Wochen hatten die Akteure samt einer Handvoll von Medienvertretern noch unter sich bleiben müssen, nun dürfen wieder 10 000 Menschen kommen. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte findet, "ein gewisses Ausmaß" von Besuchern sollte nun wieder zugelassen werden, man dürfe nur "nicht überziehen".

Im gelobten deutschen Fußball-Westen würde man sich sehr freuen über einen Ministerpräsidenten, der vergleichbar sokratisch argumentiert. Doch Hendrik Wüst und die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen haben sich trotz beharrlichen Zuredens seitens der Betroffenen nicht öffnen wollen für eine neue Betrachtung der Lage.

Weiterhin dürfen lediglich 750 Zuschauer die Fußballstadien in NRW betreten, unabhängig davon, ob es sich um den Tempel von Borussia Dortmund handelt, in den 80 000 passen, oder um das 4000 Gäste fassende Stadion am Bruchbaum, wo der Regionalligist SV Lippstadt 08 zu Hause ist. Dass dieselbe Kapazitätsgrenze auch für Veranstaltungen gilt, die nicht unter freiem Himmel stattfinden - Zirkus-Vorstellungen, Musicals, Konzerte und dergleichen -, hört sich gemäß dem Grundsatz "gleiche Zahlen für alle" beinahe gerecht an, hat in Wahrheit aber nichts mit der Pandemie-Wirklichkeit, mit logischem Handeln oder verhältnisgemäßer Politik zu tun.

Auch Gleichbehandlung muss ein Thema sein - andere Bundesländer lassen wieder mehr Fans zu

Deshalb sind nun die Bundesligaklubs 1. FC Köln, Arminia Bielefeld und Borussia Dortmund vor das Oberverwaltungsgericht Münster gezogen, um sich gegen die ihrer Ansicht nach unangemessene und ineffektive Corona-Schutzverordnung der Landesregierung zur Wehr zu setzen. BVB-Chef Hans-Joachim Watzke bezeichnete diesen Schritt als "Ultima Ratio", Kölns Geschäftsführer Alexander Wehrle äußerte sich ähnlich.

Sie sagten damit keine Floskeln auf: Selbstredend wollen die Klubs keinen Ärger mit ihrer Landesregierung, mit der sie auch in Zukunft gut auskommen müssen. Und es gefällt ihnen auch nicht, dass sie sich nun genötigt sehen, mit juristischen Mitteln gegen Corona-Gebote vorzugehen. Auf eine weitere stereotype Imagedebatte um den angeblich so eigensüchtigen Profifußball können die Klubs gut verzichten.

In der Frage der Zuschauerzulassung ist jedoch ein Punkt erreicht, der legitime und elementare Interessen verletzt. Die Klubs haben - auch im Namen des Publikums - das Recht, eine vernünftige Lösung zu verlangen und einzuklagen. Auch die Gleichbehandlung muss ein Thema sein. Außer Bremen, lassen auch Sachsen (wo RB Leipzig bereits eine Klage einreichte), Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz am Wochenende wieder mehr Stadionauslastung zu. Für die Kölner, Bielefelder und Dortmunder sowie die anderen Vereine in NRW kommt der Entscheid aus Münster wahrscheinlich zu spät, um noch die Stadiontüren zu öffnen. Ironischerweise deshalb, weil sie zu lang auf Dialog und Argumente gesetzt haben.

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