Süddeutsche Zeitung

Nordkorea:Heimlich aufgerüstet

Ein UN-Bericht stellt fest, dass Kim das Arsenal an Atomwaffen und Raketen ausgebaut hat. Damit ist praktisch auch Trumps Nordkorea-Politik gescheitert.

Von Paul-Anton Krüger, München

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un hat im vergangenen Jahr das Atomwaffen- und Raketenarsenal seines Landes weiter ausgebaut. Das geht aus dem jährlichen Bericht eines vom UN-Sicherheitsrat eingesetzten Expertengremiums hervor, das die Einhaltung der Sanktionen gegen das kommunistische Land überwacht. Indirekt bescheinigten die Fachleute damit das Scheitern der Gipfeldiplomatie des früheren US-Präsidenten Donald Trump. Dieser hatte bei mehreren Treffen versucht, Kim dazu zu bewegen, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben.

Noch Anfang Januar hatte Trumps damaliger Außenminister Mike Pompeo auf Twitter verkündet, dass der Gewinn dieser Treffen "unbestreitbar" sei. Er verwies darauf, dass Nordkorea seit Beginn der Gespräche weder Atomwaffen noch ballistische Raketen von interkontinentaler Reichweite getestet habe. Das bescheinigten auch die UN-Experten. Allerdings habe Pjöngjang im selben Zeitraum Tests neuer Raketenmodelle und deren Produktion angekündigt, ebenso wie die Entwicklung taktischer Atomwaffen.

Die neue US-Regierung von Präsident Joe Biden strebt laut dem Außenministerium einen neuen Ansatz in der Nordkorea-Politik an und überprüft in Konsultationen mit Verbündeten in der Region sowohl das Potenzial für neue diplomatische Initiativen als auch stärkeren Druck auf Pjöngjang.

In dem Bericht, der sich in Teilen auf Geheimdiensterkenntnisse von nicht näher genannten UN-Mitgliedstaaten stützt, heißt es allerdings, Kim Jong-un habe weiter spaltbares Material für Atomwaffen produzieren lassen, die Nuklearanlagen des Landes unterhalten und die Infrastruktur für sein Raketenprogramm ausgebaut. Auch habe Nordkorea weiter versucht, Material und Technologie für Massenvernichtungswaffen im Ausland zu beschaffen.

Nordkorea und Iran arbeiten enger zusammen

Die Experten halten zudem fest, was auf Militärparaden ohnehin sichtbar war: Nordkorea habe neue Raketensysteme mit kurzen, mittleren und interkontinentalen Reichweiten vorgestellt, ebenso eine U-Boot-gestützte Rakete. Zwar sind die auf Paraden gezeigten Flugkörper meist Attrappen, von denen nicht klar ist, ob sie tatsächlich fliegen. Allerdings weisen eine Vielzahl von Tests etwa von Triebwerken und Raketen kürzerer Reichweiten auf umfassendes und aktives Entwicklungsprogramm hin.

Der Bericht zitiert zudem die Einschätzung eines Mitgliedstaates, wonach Nordkorea vermutlich in der Lage ist, Raketen verschiedener Reichweiten mit einem Atomsprengkopf zu bestücken. Unklar sei allerdings, ob das Land die technisch komplizierte Herausforderung gelöst habe, den Gefechtskopf vor der enormen Hitze zu schützen, die bei Wiedereintritt in die Erdatmosphäre entsteht.

Besondere Aufmerksamkeit dürfte in Washington künftig auf der Zusammenarbeit zwischen Nordkorea und Iran liegen. Wie es in dem Bericht unter Berufung auf einen Mitgliedstaat heißt, haben die beiden Länder ihre Zusammenarbeit bei Langstreckenraketen ausgeweitet. So habe Nordkorea "kritische Komponenten" geliefert und nordkoreanische Techniker Unterstützung beim Bau einer Trägerrakete geleistet.

Der Westen hält Iran Täuschung vor

Iran hatte am 1. Februar eine dreistufige Rakete vom Typ Zoljanah ins All geschossen. Nach iranischen Angaben kombinierte der bisher leistungsstärkste in Iran hergestellte Flugkörper Flüssig- und Feststofftriebwerke, was eine Nutzlast von 220 Kilogramm ermögliche. Trägerraketen sind Interkontinentalraketen technisch ähnlich, weshalb westliche Staaten Raumfahrtprogramme wie in Iran als zivilen Deckmantel für die Entwicklung militärischer Raketen ansehen.

Irans Raketenprogramm muss nach Ansicht der USA und der Europäer ebenso in mögliche künftige Verhandlungen mit dem Regime in Teheran einbezogen werden wie das Atomprogramm. Iran lehnt das ab und weist auch die Erkenntnisse der UN zur Zusammenarbeit mit Nordkorea zurück. Diese beruhten auf "falschen Informationen und gefälschten Daten".

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