Süddeutsche Zeitung

Corona-Folgen:Wenn Ärzte Kurzarbeit anmelden

Wegen der Pandemie blieben die Wartezimmer vieler Arztpraxen wochenlang leer. Vor allem Zahnärzte spüren die Folgen bis heute. Viele fürchten um ihre Existenz.

Von Christina Hertel, Garching/Oberhaching

Angst? "Hab' ich nicht", sagt Gudrun Weyer. "Ich bin viele Jahre Fallschirm gesprungen." Die Zahnärztin klingt am Telefon entspannt, dabei wird sie in der nächsten Stunde über eine Geldsumme sprechen, die über dem Jahresverdienst der meisten Menschen liegt und die sie nun während ein paar Wochen Corona-Krise verloren hat. Weyer ist 60 Jahre alt und führt eine Praxis in Taufkirchen. "Ich gehöre aber nicht zu den Zahnärzten, die schon mit einem goldenen Löffel im Popo geboren wurden", sagt Weyer. Sie besitze keinen Porsche und kein Eigentum. Mit 16 begann sie eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin, holte später das Abitur nach, studierte und machte sich Ende der Neunzigerjahre mit einer eigenen Praxis selbständig. Vor fünf Jahren, mit Mitte 50, investierte sie noch einmal groß: Für viele Hunderttausende Euro vergrößerte sie ihre Praxis, nahm einen Kredit auf, stellte zwei Ärzte an. Doch dann kam die Corona-Pandemie und fünf Wochen lang saß fast kein Patient auf ihren Behandlungsstühlen.

Weyer schickte ihre Mitarbeiter zeitweise in Kurzarbeit und öffnete ihre Praxis bloß noch für den Notdienst. Stattdessen arbeitete sie in Taufkirchen in der Corona-Teststation mit. "Es gab ja eh nichts zu tun", sagt sie. Denn die Menschen taten, was ihnen die Regierung sagte, und blieben zu Hause. Doch ein großer Teil von Weyers Kosten lief weiter - unter anderem der Kredit für den Umbau. Um den zu bedienen, um ihre Rechnungen und ihre Mitarbeiter zu bezahlen, habe sie nun noch einen neuen Kredit beantragt - mehr als 200 000 Euro.

Dass es für Zahnärzte als Hilfe vom Staat nur ein zinsloses Darlehen gibt, das sie zurückzahlen müssen, kritisieren Zahnarztverbände. Ein echter Rettungsschirm sei das nicht; die Karikatur des "porschefahrenden Zahnarztes" scheine in Politikerköpfen unausrottbar, sagte etwa der Bundesvorsitzende des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ), Harald Schrader. Und auch die Taufkirchner Zahnärztin Gudrun Weyer sagt, dass sie mehr Respekt für ihren Berufsstand erwartet hätte. Die Ausfälle könne sie nicht mehr ausgleichen. Denn noch immer komme ein Viertel Patienten weniger als sonst. "Das Jahr wird gruselig." Doch noch gruseliger verlaufe es für all jene jungen Kollegen, die ihre Praxis erst vor Kurzem eröffnet haben.

Einer, von denen Zahnärztin Weyer spricht, heißt Marco Krengel. Gemeinsam mit seiner Frau eröffnete er im Januar eine neue Praxis für Oralchirurgie in Oberhaching. Dafür zogen die beiden mit ihren drei Kindern von Köln nach Bayern. Zwei Jahre lang hatte das Ehepaar zuvor nach geeigneten Praxisräumen gesucht, Standortanalysen erstellt und sich schließlich auf das Risiko eingelassen: Für etwa eine Million Euro baute er Büroräume in Oberhaching zu einer Praxis um. Alleine ein neues Röntgengerät koste 100 000 Euro, sagt Krengel. Das alles müsse er jetzt abbezahlen.

Er hat vier Mitarbeiter angestellt, muss jeden Monat 8000 Euro Miete bezahlen. Doch Einnahmen hat er gerade kaum welche. Als neuen Arzt, der noch keinen festen Patientenstamm hat, treffe ihn das besonders hart. "Anfang des Jahres sah es richtig gut aus", sagt Krengel. "Und dann kam die Katastrophe." In seiner Praxis habe wochenlang totaler Stillstand geherrscht. Jetzt laufe der Betrieb langsam wieder an. "Doch zum Leben reicht es so auf Dauer nicht." Seinen Umzug nach Bayern bereue er nicht - weil er ein optimistischer Mensch sei und weil er sich hier wohlfühle. Dass der Traum von der eigenen Praxis bald zerplatzen könnte, daran wolle er nicht denken. "Aber glauben Sie mir, ich habe zurzeit Herzrasen und viele schlaflose Nächte."

Sogar Hausärzte hatten Einbußen

Bis zu 75 Prozent seien die Umsätze bei Zahnärzten im März und April zurückgegangen, schreibt Leo Hofmeier, Pressesprecher der Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns (KVB). Wie viele Praxen die Krise nicht überleben werden - dazu liegen ihm noch keine Erkenntnisse vor. Fest steht allerdings, dass die meisten Ärzte - nicht nur Zahnmediziner - wirtschaftlich unter Corona leiden. Bei den Augenärzten gingen die abgerechneten Grundleistungen laut KVB Mitte März um zwei Drittel gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Bei Frauenärzten sei ein Rückgang um 50 Prozent zu festzustellen gewesen. Sogar Hausärzte hatten Einbußen.

Der Oberhachinger Oliver Abbushi, der als Versorgungsarzt während der Pandemie seine Hausarztkollegen im Landkreis koordiniert, musste in seiner eigenen Praxis zwei seiner angestellten Ärzte zeitweise in Kurzarbeit schicken. Im April sei sein Wartezimmer fast leer gewesen, Patienten kamen nur noch in Notfällen in seine Praxis, erzählt er. Gleichzeitig habe er manchmal bis halb zehn Uhr nachts am Telefon Fragen zu Testergebnissen, Quarantäne und Abstandsregeln beantwortet. "Wir Hausärzte haben den Krankenhäusern den Rücken frei gehalten und den Großteil der medizinischen Versorgung in Sachen Corona-Pandemie getragen", sagt Abbushi. "Leider fehlte für diese Tätigkeit die Honorierung." Abbushi geht nicht davon aus, dass der Schutzschirm reichen wird, den die Regierung gespannt hat und der eigentlich den Verlust in den Praxen ausgleichen soll. Denn zum Beispiel deckt der die Einnahmen durch Privatpatienten nicht ab. Und für die Beratung am Telefon erhalte er kaum Geld. Abbushi sagt trotzdem: "Unsere Praxis wird voraussichtlich mit einem blauen Auge davonkommen. Und in diesen Zeiten kann man darüber glücklich sein."

Patienten kommen erst bei extremen Schmerzen

Bei Zahnarzt Peter Traser aus Garching ist allerdings schon jetzt klar, dass die Krise längerfristige Folgen haben wird. Er hat inzwischen alle drei Arzthelferinnen entlassen und sein Auto abgemeldet. Seine Praxis öffne er nur noch an zwei Tagen die Woche, sagt er: "Nase bohren kann ich auch zu Hause." Wenn es um den Biergartenbesuch gehe, seien die Menschen schon wieder "furchterregend" entspannt. Vor einem Zahnarztbesuch hätten viele allerdings immer noch so große Angst, dass sie dafür sogar Schmerzen in Kauf nehmen: "Erst gestern hatte ich eine Patientin, deren Kopf auf die Größe eines Heißluftballons angeschwollen war. Die hatte Herzrasen und Fieber - so entzündet war ihr Zahn", sagt der 52-Jährige.

Auch Mario di Micoli, der eine Unfallchirurgie in Unterhaching leitet, erzählt von Patienten, die schwere Prellungen hatten und an Schmerzen litten, die aber erst nach Wochen zu ihm in die Praxis kamen. Auch er hat Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und rechnet damit, dass durch Corona-Krise ein wirtschaftlicher Schaden von um die 100 000 Euro entstanden ist.

Selbst Martin Kriegmair, der die urologische Klinik in Planegg leitet, berichtet, wie nervös sein Team zeitweise gewesen sei - weil keine Patienten kamen, weil verschiebbare Operationen abgesagt werden sollten, weil kein Geld in die Kassen kam. Noch immer muss die Klinik ein Viertel ihrer Betten für Corona-Patienten freihalten. Doch behandelt hätten sie keinen einzigen Covid-19-Erkrankten. Dass Bilder wie in Italien ausblieben, sei für ihn kein Zeichen, dass Deutschland falsch auf die Pandemie reagiert habe - im Gegenteil: Das Vorgehen sei klug gewesen.

Doch er sagt auch: "Nun müssen wir in den Kliniken langsam zur Normalität zurückkehren." Er hat deshalb beantragt, dass die Klinik nur noch 15 statt 25 Prozent ihrer Betten freihalten muss. Denn während seine Ärzte zeitweise kaum beschäftigt gewesen seien, fallen nun viele Überstunden an. Operationen, die verschoben wurden, müssen nun nachgeholt werden. Die Klinik ist auf geschlechtsangleichende Operationen spezialisiert. Die Wartezeit dafür verlängerte sich nun um Monate. Wer sich jetzt dafür anmelde, bekomme frühestens in zweieinhalb Jahren einen OP-Termin.

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SZ vom 03.06.2020/aner
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