Süddeutsche Zeitung

Dachauer Preis für Zivilcourage:"Die Schüler haben ungewöhnlichen Mut gezeigt"

Eva Gruberová erhält den Dachauer Preis für Zivilcourage für ihr Einschreiten gegen eine Aktion des rechtsextremen Videobloggers Nikolai Nerling an der KZ-Gedenkstätte. Mit ihr wird eine Besuchergruppe des Gymnasiums Kirchseeon ausgezeichnet, die vor Gericht gegen ihn ausgesagt hat.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Die Dachauerin Eva Gruberová und Schüler des Gymnasiums Kirchseeon im Landkreis Ebersberg erhalten den Dachau-Preis für Zivilcourage 2021. Gruberová, die als Referentin an der KZ-Gedenkstätte arbeitet, leitete im Februar 2019 einen Rundgang mit den Gymnasiasten über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Sie und die Schüler schritten ein, als der rechtsradikale Videoblogger Nikolai Nerling in der Gedenkstätte einen Propagandafilm gegen einen vermeintlichen "Schuldkult" drehen wollte. Später sagten Gruberová und die Schüler in zwei schwierigen Gerichtsprozessen gegen Nerling aus, der sich selbst der "Volkslehrer" nennt. Mit ihren Aussagen trugen sie maßgeblich dazu bei, dass Nerling in beiden Verhandlungen schuldig gesprochen wurde, an der KZ-Gedenkstätte Dachau den Holocaust geleugnet zu haben. Nerling ging gegen das Urteil vor, aktuell läuft das Revisionsverfahren am Bayerischen Oberlandesgericht. Mit einer Entscheidung darf laut einem Gerichtssprecher in sechs bis acht Wochen gerechnet werden.

Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) sagt, Eva Gruberová und die Jugendlichen hätten sich diesen "persönlich und psychisch stark belastenden Prozessen, konfrontiert mit einem der bekanntesten deutschen Rechtsextremen und seinem Anwaltsteam" gestellt. Sie hätten den Mut gezeigt, in einer öffentlichen Verhandlung gegen Nikolai Nerling auszusagen. "Mit der Verleihung des Dachau-Preises für Zivilcourage 2021 möchten die Stadt Dachau und die Jury die couragierte Haltung der Preisträger*innen würdigen und gleichzeitig ein Zeichen der Solidarität mit ihnen setzen." Die Dachauer Stadträte bestätigten in der Sitzung am Dienstagabend den Vorschlag der Jury.

"Die Jugendlichen waren fantastisch"

Eva Gruberová führte im Februar 2019 im Rahmen eines mehrtägigen Workshops am Max-Mannheimer-Studienzentrum Neuntklässler des Kirchseeoner Gymnasiums über das Gelände, als sie Nerling erkannte. Sie stellte ihn zur Rede und alarmierte Verwaltungspersonal an der Gedenkstätte, um Nerling und dessen Kameramann des ehemaligen Konzentrationslagers zu verweisen, wo zwischen 1933 und 1945 mehr als 41 500 Häftlinge ermordet wurden. Währenddessen ging Nerling auf die Schüler zu und sagte, sie sollten nicht alles glauben, was ihnen in der Gedenkstätte erzählt werde - das gaben die Schüler später in den Prozessen übereinstimmend an; die Gerichte werteten Nerlings Aussagen als Holocaustleugnung.

Noch am selben Tag im Februar 2019 zeigte Nerling Gruberová wegen Beleidigung an, die Referentin wurde sogar von der Dachauer Polizei verhört. In der Folge wurde sie immer wieder Ziel persönlicher Attacken auf dem Youtube-Kanal des "Volkslehrers". Jetzt sagt Gruberová, sie freue sich sehr über die Auszeichnung der Stadt Dachau, wenngleich ihr Einschreiten "eine Selbstverständlichkeit war und sein sollte". Noch mehr freue sie sich aber, dass der Preis auch an die Schüler gehe. "Die Jugendlichen, die zum ersten Mal die Gedenkstätte besuchten, waren fantastisch, und ihre Rolle in der Auseinandersetzung mit Nerling auf dem Gelände und später dann in zwei Gerichtsverhandlungen verdient besondere Anerkennung und Aufmerksamkeit." Die Schüler hätten unter einer großen psychischen Belastung Nerlings Äußerungen widersprochen. Auch in den Gerichtsverhandlungen hätten die Schüler "ungewöhnlichen Mut und besonderes Engagement gezeigt, Zivilcourage eben", sagt Gruberová. Sie finde es sehr wichtig, dass die Mädchen und Jungen in ihrer Haltung durch diesen Preis anerkannt werden. Die Jugendlichen seien "für uns alle ein Ansporn, dass es nötig aber eben doch auch möglich ist, nein zu sagen zu Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus".

Dachau-Preis für Zivilcourage

Im zweijährigen Turnus lobt die Stadt Dachau den Dachau-Preis für Zivilcourage aus. Mit dem Preis soll das Vermächtnis der Opfer der Konzentrationslager und des vielfältigen Widerstandes gegen das NS-Regime lebendig gehalten werden. Er orientiert sich an der Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen und an den Grundsätzen von Amnesty International. Mit diesem Preis werden einzelne Personen oder Gruppen ausgezeichnet, die sich mit Mut, Fantasie und Engagement für die Rechte von Verfolgten und von diskriminierten Minderheiten einsetzen. Der Dachau-Preis soll Zivilcourage und Mitmenschlichkeit im Alltag auszeichnen. Die Träger des Dachau-Preis für Zivilcourage sollen durch ihr Handeln Aufforderung und Ansporn sein, couragiert gegen Ausgrenzung und Unterdrückung einzugreifen. Im Wissen um die Schreckensgeschichte, die mit dem Namen der Stadt Dachau verbunden wird, soll dieser Preis ein Zeichen setzen gegen das Wegsehen, das Schweigen, die Gleichgültigkeit. Die bisherigen Preisträger waren: Maria Seidenberger (2005), Lina Haag (2007), Mirjam Ohringer (2009), Stanislav Zámecník (2011), Jörg Wanke stellvertretend für die Initiative "Zossen zeigt Gesicht" (2013), Gülsen Celebi (2015), Jan-Robert von Renesse (2017) und Seda Basay-Yildiz (2019). SZ

Das Gymnasium Kirchseeon trägt den Titel "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Direktorin Simone Voit sagt, sie sei sehr stolz auf die Schüler. "Sie haben die Werte der Demokratie verteidigt. Das ist gelebte Courage." Thomas Laufer unterrichtet an der Schule in den Fächern Wirtschaft, Recht und Sport. Er betreute die Jugendlichen im Anschluss an den Vorfall in der Gedenkstätte und auch bei den beiden Gerichtsverhandlungen, in denen die Anwälte der Angeklagten die Schüler immer wieder mit harten Fragen unter Druck setzten. "Wir sind wirklich beeindruckt von den Schülern", sagt Laufer. Die Prozesse seien alles andere als einfach gewesen. Doch die Jugendlichen hätten sich nicht einschüchtern lassen und Courage bewiesen. Für Laufer zeigt der Fall den großen Stellenwert historisch-politischer Bildung sowie der Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Geschichte der Konzentrationslager. Er sagt, es sei nach wie vor wichtig, dass Schülern vermittelt werde, "was damals passiert ist und warum es passiert ist". Und dass sich daraus ein Auftrag für die gegenwärtige Gesellschaft ergebe. Dass es "nie wieder" passieren dürfe.

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Quelle:
SZ vom 17.06.2021
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