Süddeutsche Zeitung

Tech-Unternehmen:Plötzlich sind die Giganten verwundbar

  • Die Tech-Giganten des 21. Jahrhunderts haben Schwachstellen. Fast zeitgleich sind Amazon, Facebook, Intel und Tesla in eine Krise geraten.
  • Die Gründe für die Turbulenzen sind verschieden, doch die Nervosität ist in den Konzernen gleichermaßen groß.
  • An den Börsen wurden bei den jüngsten Abstürzen Milliarden vernichtet. Und die Firmen-Chefs kritisieren sich auf einmal gegenseitig.

Von Claus Hulverscheidt, Jannis Brühl und Kathrin Werner, New York

Als der Online-Bestelldienst Amazon im vergangenen Jahr die US-Supermarktkette Whole Foods übernahm, da sah sich mancher Industriemanager alter Schule in seiner Sorge bestätigt, dass das Ende nah ist. Nicht nur, dass Tech-Firmen mit ihren Plattformen und Apps die Geschäftsmodelle traditioneller Branchen ins Wanken brachten. Nun also setzten sie sogar selbst einen Fuß in die alte Welt und griffen die Platzhirsche des analogen Zeitalters dort an, wo diese es am wenigsten vermutet hatten: auf den Geschäftsstraßen und in den Ladenzeilen der Innenstädte. Niemand, so schien es, konnte der Lawine aus dem Silicon Valley entkommen.

Heute, nur wenige Monate später, ist die Nachrichtenlage eine völlig andere. Nicht die Probleme ergrauter Riesen wie General Electric und Walmart beherrschen die Schlagzeilen, es sind vielmehr Facebook, Amazon, Tesla und Intel, die mit massiven Kursverlusten an den Börsen von sich reden machen. Das soziale Netzwerk Facebook soll Nutzerdaten veruntreut und Hasspredigern bei der Beeinflussung der US-Wahl von 2016 geholfen haben. Amazon steht unter Dauerbeschuss von Präsident Donald Trump, der dem Konzern vorwirft, die staatliche Post als "Botenjungen" zu missbrauchen und kaum Steuern zu zahlen. Der Elektroautobauer Tesla bekommt seine Produktionsprobleme nicht in den Griff, dem Chip-Riesen Intel droht der wichtigste Kunde abhanden zu kommen. Die Aktien aller vier Unternehmen brachen zuletzt so stark ein, dass binnen weniger Tage Börsenwerte von weit mehr als 100 Milliarden Dollar vernichtet wurden.

Streng genommen haben die Probleme der einzelnen Firmen nichts miteinander zu tun - und doch gibt es eine Gemeinsamkeit: Alle vier Fälle zeigen, dass die Tech-Giganten des 21. Jahrhunderts keineswegs unverwundbar sind, ja, dass sie im Gegenteil mit zunehmender Größe und Bedeutung in Schwierigkeiten geraten, wie man sie von den Industriekonzernen früherer Jahrzehnte nur zu gut kennt. So zeigt sich etwa bei Tesla, dass es zwar leicht ist, ein paar schnittige, hochpreisige Sportwagen zu verkaufen. Der Aufbau einer effizienten, kostengünstigen Massenproduktion hingegen ist ungleich schwieriger.

Bei Facebook und Amazon kommt hinzu, dass beide Firmen mittlerweile so groß sind, dass sich nicht nur vermeintlich technologieferne Analog-Politiker mit ihnen auseinandersetzen, sondern auch Kartell-, Steuer-, Arbeitsmarkt- und sogar Ethik-Experten. Die Zeiten, in denen die Konzerne steuerliche und regulatorische Schlupflöcher nutzen und sich damit herausreden konnten, dass sie für die Dinge, die auf ihren Plattformen passieren, nicht verantwortlich sind, gehen unabhängig von den konkreten aktuellen Problemen zu Ende.

Bislang hielt die Branche meist fest zusammen - auch das gilt nicht mehr

Wie groß die Nervosität in der Tech-Industrie ist, zeigt sich daran, dass die Top-Manager der Branche den Amazon-Kollegen Jeff Bezos bisher kaum gegen die wiederholten Attacken Trumps in Schutz genommen haben. Auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der wegen des Daten-Skandals vor Parlamentsausschüssen in aller Welt aussagen soll, wurde nicht etwa von einer Solidaritäts-, sondern im Gegenteil von einer Kritikwelle erfasst. So setzte sich etwa Apple-Boss Tim Cook öffentlich von ihm ab und verwies darauf, dass er das Geschäft mit Nutzerdaten, wie Facebook es betreibt, schon immer abgelehnt habe.

Dabei war die Branche in der Vergangenheit durchaus zusammengerückt, wenn Druck von außen aufkam: Als die US-Bundespolizei FBI etwa Apple zwingen wollte, die verschlüsselten Daten eines iPhones preiszugeben, sprangen Google, Facebook und Microsoft dem Konzern zur Seite. Solcherlei Corps-Geist aber kann oder will sich die Branche in Zeiten zunehmender Probleme offenkundig nicht mehr leisten. Diese Baustellen müssen die Konzerne im Einzelnen bewältigen:

Facebook: Der Fehler liegt im System

Nun sieht die Welt, dass Facebooks Geschäftsmodell des Sammelns und Vernetzens persönlicher Informationen grundsätzlich unvereinbar mit Datenschutz ist. Dass ein Wissenschaftler Zugang zu persönlichen Informationen von fast 50 Millionen Nutzern hatte, hat dem Unternehmen sein größtes PR-Desaster beschert. Auch, weil er die Daten an die zwielichtige Propaganda-Firma Cambridge Analytica verkaufte, die damit rechten Bewegungen zu politischen Siegen verhelfen wollte. Facebooks Aktienkurs hat gelitten, und Mark Zuckerbergs Credo, die Welt mit jedem Tag "offener und vernetzter" zu machen, endgültig eine hohlen Klang bekommen. Jahrelang konnten Entwickler externer Apps ahnungslose Facebook-Nutzer gegen ihren Willen als Datenquellen benutzten. Facebook hat ihnen diese Möglichkeit mittlerweile genommen. Zuckerberg hat öffentlich Demut gezeigt. Doch das ändert nichts an einer Tatsache: Bei Facebook liegt der Fehler im System.

Intel: Der Umstieg ist schwierig

Rein ökonomisch gesehen wäre der Verlust wohl verschmerzbar, der Imageschaden allerdings könnte größer kaum sein: Nach Medienberichten wird der Chip-Hersteller Intel ab 2020 ohne den Großkunden Apple auskommen müssen, da dieser seine Mac-Computer künftig mit eigenen Prozessoren bestücken will. Obwohl Verkäufe an Apple nur fünf Prozent des Konzernumsatzes ausmachen, würde der Verlust des Auftrags den Eindruck verstärken, dass Intel in zentralen Geschäftsbereichen den Anschluss verloren hat. Der einst unumstrittene Chip-Konzern leidet darunter, dass der PC-Markt als wichtigster Umsatzbringer rückläufig ist und er den Einstieg ins Smartphone- und Tablet-Geschäft verschlafen hat. Stattdessen baut Intel nun Prozessoren für Rechenzentren und fahrerlose Autos. Auch Apple hat der Konzern noch nicht gänzlich abgeschrieben: Der Umstieg auf eine völlig neue Chip-Architektur nämlich gilt unter Experten als sehr schwieriges Unterfangen.

Tesla: Börsianer haben keine Lust auf Scherze

Als nichts mehr half gegen die miese Stimmung, versuchte es Elon Musk mit einem Aprilscherz: Tesla sei pleite, schrieb der Firmenchef im Mitteilungsdienst Twitter, daran habe auch der rasch eingeleitete Verkauf von Ostereiern nichts ändern können. Doch den Börsianern war nicht zum Scherzen zumute, denn die Probleme bei dem Elektroauto-Pionier sind nur allzu real: Es gelingt Tesla einfach nicht, eine Massenfertigung für das als Umsatzbringer geplante Model 3 aufzubauen, zugleich machen das Flaggschiff Model S und der Bereich Autonomes Fahren durch Rückrufe und Unfälle von sich reden. Mancher Beobachter frage sich mittlerweile, ob Teslas Zukunft "überhaupt so berauschend ist, wie wir sie uns eine Zeit lang ausgemalt haben", sagt Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Auch wenn Rückschläge für Pioniere normal seien, stehe fest: "Tesla wird viel mehr darum zu kämpfen haben, seine Rolle zu behaupten, als das in den vergangenen zwei, drei Jahren der Fall war."

Amazon: Ärger mit dem mächtigsten Mann der Welt

Der mächtigste Mann der Welt liefert sich eine Fehde mit dem reichsten Mann der Welt. Donald Trump hasst Amazon und dessen Gründer Jeff Bezos. Der US-Präsident macht den Onlinehändler für die Milliardenverluste der Staatspost ebenso verantwortlich wie für den Niedergang von Einzelhändlern. An Bezos stört Trump zudem, dass er sich die Zeitung Washington Post gekauft hat, die etliche der Skandale um Trump aufdeckte. Er wolle Amazon "jagen", soll der Präsident laut Medienberichten gesagt haben. "Er ist besessen von Amazon", sagt ein Insider. Offenbar überlegt Trump nun, die Besteuerung des Onlinehändlers zu ändern. Zuerst allerdings will er sich die Sache mit der US-Post vornehmen, es könnten höhere Paketgebühren auf Amazon zukommen. "Nur Narren, oder noch Schlimmere, sagen, dass unsere verlustträchtige Post Geld mit Amazon verdient. Sie verliert ein Vermögen, und das wird sich ändern", schrieb Trump bei Twitter.

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SZ vom 04.04.2018/jab/kwe/benn
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