Süddeutsche Zeitung

Berichte von Holocaust-Überlebenden:" Ich erinnere mich, wie Blut den Schnee rot färbte"

Das furchtbare Leid der Häftlinge und die Mordlust der deutschen Bewacher, das Entstehen von Schindlers Liste und die Befreiung durch die Rote Armee und die Alliierten: Was zehn Zeitzeugen in den vergangenen Jahren der SZ über Auschwitz und andere Konzentrationslager berichtet haben.

Lisa Miková aus Prag wurde mit ihrer Familie an ihrem 20. Geburtstag ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, dann nach Auschwitz in einem Viehwaggon. Miková schildert, wie an der Rampe des Vernichtungslagers der berüchtigte SS-Doktor Josef Mengele die Selektion vornahm. Ältere Menschen, Kinder, Frauen mit Brille - sie wurden zur Gaskammer geschickt. Lisa Miková wurde von der SS als arbeitsfähig eingestuft. "­­­­Die Haare wurden uns geschoren, wir mussten unsere Kleidung abgeben, bekamen stattdessen diesen gestreiften Kittel und Holzschuhe, keine Unterwäsche", erzählte sie 2010. "Wir hatten kein Handtuch, keine Seife, kein Toilettenpapier - nichts!" Zehn gefangene Frauen mussten sich einen Teller Suppe teilen, Löffel gab es keine. "'Ihr habt doch Finger, sagten die SS-Aufseherinnen, weil wir anfangs zögerten." Die Pragerin besuchte bis vor wenigen Jahren auch deutsche Schulen und schilderte die Zustände in Auschwitz: "In der Luft lag immer der Geruch von verbranntem Menschenfleisch." Zu Lisa Mikovás Bericht

Hugo Höllenreiner aus München-Giesing wurde im Alter von neun Jahren zusammen mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert, weil sie Sinti waren, und im sogenannten "Zigeunerlager" festgehalten. Mehr als 30 Angehörige Höllenreiners wurden von den Deutschen ermordet. Lagerarzt Mengele führte Menschenversuche an dem Jungen und seinem Bruder durch: "Ich dachte, der tut mir nichts", erinnerte sich Höllenreiner an Mengele, "der lächelt ja." Höllenreiner kämpfte lange vergeblich um Entschädigung, das Engagement als Zeitzeuge wurde in den Jahren vor seinem Tod 2015 gewürdigt. Zum Video von Hugo Höllenreiner

Weil sie jüdisch waren, wurden der Franzose Maurice Cling und seine Familie nach Auschwitz deportiert, in "die Hölle auf Erden", wie der Zeitzeuge sagte. Eltern und Bruder wurden vergast. Der Teenager Maurice musste im Stammlager die Latrinen säubern und infizierte sich mit verschiedenen Seuchen. 1945 wurde der Schwerkranke nach Dachau geschafft. Seine Ankunft schilderte er bei einem Ortstermin in der Gedenkstätte so: "Hier auf dem Platz lag ein Haufen mit Leibern. Ob es nur Tote waren oder auch Sterbende? Ich kann es nicht sagen, ich war doch selbst so erschöpft. Ich habe mich auf die Körper gelegt. Ein Mann mit roter Armbinde hat mich hochgezogen und in Richtung Baracken geschubst. Ich erinnere mich, wie Blut den Schnee rot färbte." Cling wurde später auf einen Todesmarsch getrieben, doch er überlebte. Nach dem Krieg empfand er Hass auf alles, was deutsch ist. Doch in den vergangenen Jahren änderte sich seine Sicht: "Was können die Jungen für die Verbrechen der Alten? Nichts. Es gibt wunderbare Deutsche, die gegen Faschismus kämpfen." Interview mit Maurice Cling

Dagmar Lieblová aus dem heute tschechischen Kutná Hora war 15, als sie im Güterwaggon gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester in Auschwitz ankam. Als dem jüdischen Mädchen mit einem spitzen Bleistift eine fünfstellige Nummer in den Arm tätowiert wurde, passiert ein Fehler, der ihr das Leben rettete: Eine polnische Häftlingsfrau notierte als Alter 19 statt 15. So wurde sie später als arbeitsfähig eingestuft. Ihre Eltern und ihre Schwester wurden vergast, Dagmar hingegen wurde nach Hamburg gebracht, wo sie mit anderen KZ-Häftlingen Trümmer der Bombenangriffe wegräumen musste. In dieser Zeit freundete sie sich mit einem Hamburger Jungen an, Wolfgang, der sie sogar einmal mit zu seiner Mutter nahm zum Kaffeetrinken. Vor Weihnachten tauchte Wolfgang mit einer Papiertüte mit Kohlrüben und Kartoffeln auf: "Das ist vom Weihnachtsmann", sagte­­ er. Nach dem Krieg versuchte Dagmar, Wolfgang und seine Mutter zu finden - ohne Erfolg. Sie starb 2018, kurz nachdem sie der SZ ihre Erinnerungen geschildert hatte. Porträt von Dagmar Lieblová

Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde Mieczysław "Mietek" Pemper zunächst in ein jüdisches Ghetto gesperrt, 1939 kam er ins Konzentrationslager Plaszow. Dort musste er dem sadistischen Lagerkommandanten Amon Göth als Schreiber dienen. Pemper half dem Fabrikanten Oskar Schindler dabei, jüdische Häftlinge vor der Deportation in Vernichtungslager zu bewahren: Er gehörte zu den Autoren der Namenslisten, die die Grundlage von Steven Spielbergs Kinofilm "Schindlers Liste" wurden. Über Oskar Schindler sagte Pemper, dass es bei dem Unternehmer einen moralischen Wandel gegeben habe. "Er war anfangs ein überzeugter Nationalsozialist (...) Im Laufe der Zeit, als er sah, wie die Juden behandelt wurden, haben ihm die Leute leidgetan", so Pemper. "Er hatte ein weiches Herz. Eine Rolle hat auch die Tatsache gespielt, dass er im Sudetenland jüdische Klassenkameraden hatte." Pemper zog nach dem Zweiten Weltkrieg nach Augsburg, wo er 2011 starb. Interview mit Mietek Pemper

Yehuda Bacon, geboren in der Tschechoslowakei, kam als 14-Jähriger nach Auschwitz-Birkenau. Über seine Situation machte er sich keine Illusionen. "Wir Kinder im Lager hatten einerseits eine sehr realistische Sichtweise. Wir wussten, dass niemand hier herauskommt," erzählte er. "Andererseits haben wir Humor behalten. Wenn wir frech sein wollten zu jemandem, der älter war als 40, in unseren Augen also uralt, haben wir gesagt: 'Du Alter, was regst du dich auf, du bist doch mit einem Fuß schon im Krematorium.'" Bacon überlebte und migrierte später nach Israel. Dort stießen die Shoa-Überlebenden Bacon zufolge mitunter auf Desinteresse. "Sie galten als Schwächlinge, die sich nicht zu verteidigen wussten." Das änderte sich mit dem Prozess gegen den Holocaust-Planer Adolf Eichmann 1961. Bacon sagte als Zeuge zwei Tage lang aus. Ab dieser Zeit begannen die Israelis verstärkt, "denen zuzuhören, die in den Lagern gewesen waren". Protokoll von Yehuda Bacon

Der Grieche Heinz Kounio und seine Familie gehören zu den wenigen Juden aus Thessaloniki, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. Die deutschen Besatzer deportierten 1943 fast 50 000 Juden aus der seit der Antike jüdisch geprägten Hafenstadt nach Osteuropa - in Vernichtungslager. Kounio gehörte zum ersten Transport, der in Auschwitz eintraf. Dort stellten die SS-Leute fest, dass die Familie Kounio die einzigen Griechen waren, die Deutsch sprachen. Fortan mussten sie die Befehle der Mörder übersetzen: "Mein invalider Vater, meine Schwester und ich wären sofort ins Gas gekommen, wir waren ja noch halbe Kinder und konnten nicht schwer arbeiten", erzählte Kounio, "Deutsch hat uns das Leben gerettet." Bei Kriegsende befand sich der Grieche in einem österreichischen Konzentrationslager - schwer krank und abgemagert auf 35 Kilogramm. Zum Interview mit Heinz Kounio

Magda Hollander-Lafon wurde 1944 nach Auschwitz deportiert, weil sie jüdisch war. Schwester und Mutter der Ungarin wurden vergast, ihr Vater war bereits zuvor von ungarischen Nazis ermordet worden. Magda musste in Auschwitz-Birkenau bleiben und arbeiten. "Manchmal befahlen die Nazis, dass wir Steine von einer Seite auf die andere räumen sollten - total sinnlos. Leichen mussten wir einsammeln und deren Asche umherkarren und in einem Teich versenken", erzählte Hollander-Lafon. "Die Nazis haben mit uns gemacht, was ihnen in den Sinn kam. Ziel war, dass wir schnellstmöglich draufgingen. Das übersteigt jegliche Vorstellungskraft." Magda wurde später als Zwangsarbeiterin in Außenlagern eingesetzt. Im April 1945 flüchtete sie von einem Todesmarsch und versteckte sich im Wald, bis die US-Truppen kamen. Protokoll von Magda Hollander-Lafon

Felix Kolmer aus Prag wurde von den deutschen Besatzern zunächst ins KZ Theresienstadt, dann nach Auschwitz deportiert. Bei der Selektion wurde der junge Mann als arbeitsfähig eingestuft. "Wir kamen in das sogenannte Zigeunerlager B II", sagte Kolmer. Kurz bevor wir gekommen sind, sind alle Sinti und Roma ins Gas gegangen, so war Platz für uns." Begrüßt wurden die Neuankömmlinge durch einen Kapo, der einsaß, weil er Verbrecher war. "Dann brachte er seinen Schreiber, einen älteren Mann, zu uns. Vor unseren Augen hat der Kapo ihn mit einem Stock totgeschlagen", erinnerte sich Kolmer. "So zeigte er uns, was mit uns passiert, wenn wir nicht parieren." Kolmer kam später in ein Arbeitslager und überlebte die Shoa. Nach dem Krieg wurde Kolmer Professor für Physik, er ist Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Interview mit Felix Kolmer

Esther Bejarano kam im Saargebiet zur Welt. Der Rassenwahn der Nazis raubte ihr viele Verwandte. Ihr Vater, ein Weltkriegsveteran, und ihre Mutter wurden in Kaunas ermordet. Ihre Schwester und deren Mann wurden erschossen, als sie in die Schweiz fliehen wollten. Esther Bejarano wurde im April 1943 ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort spielte sie Akkordeon und Blockflöte in einem Mädchenorchester, das die SS aufstellte. So sollten die Gefangenen beruhigt werden, bevor sie in der Gaskammer ermordet wurden - für die Musikerinnen eine zusätzliche "furchtbare Belastung", sagte Bejarano. Später wurde sie als Arbeitssklavin ins KZ Ravensbrück verlegt. Im April 1945 wurden sie und die anderen Häftlinge aus dem Konzentrationslager getrieben, weil sich alliierte Truppen näherten. Tagelang dauerte der Todesmarsch, wer nicht mehr konnte, wurde von der SS erschossen. Esther flüchtete mit anderen Mädchen aus der Kolonne und versteckte sich. Befreit hätten sie US-Truppen und Rotarmisten fast gleichzeitig, erzählte Bejarano. Gemeinsam mit den Soldaten beider Staaten feierten Bejarano und andere Überlebende im mecklenburgischen Städtchen Lübz die Freiheit und das Kriegsende: "Ein Russe stellte ein großes Hitler-Bild auf den Marktplatz. Gemeinsam mit einem Amerikaner zündete er es an", erzählte die Zeitzeugin. "Rotarmisten, US-Soldaten und befreite KZ-Häftlinge tanzten um das brennende Bild." Dann habe man nach Musik gerufen. "Da habe ich das Akkordeon, das mir zuvor ein US-Soldat geschenkt hatte, genommen und dazu gespielt." Noch heute engagiert sich die Holocaust-Überlebende gegen Rechtsextremismus und tritt mit der Rap-Band Microphone Mafia auf. Interview mit Esther Bejarano

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