Süddeutsche Zeitung

Atomkatastrophe in Japan:Italien beschließt Moratorium für Atom-Wiedereinstieg

Italien wollte wieder Atomnation werden - wegen der Katastrophe in Japan werden die AKW-Pläne ein Jahr auf Eis gelegt. Auch in den USA wird der Bau von zwei Reaktoren gestoppt. Die Lage im japanischen Meiler Fukushima-1 bleibt unterdessen laut Internationaler Atombehörde "sehr ernst" - und Greenpeace wirft der IAEA "Vertuschung" vor.

Nicht nur in Deutschland reagieren Politik und Atomwirtschaft auf die Atomkatastrophe in Japan: Die Bundesregierung hat bereits ein dreimonatiges Moratorium erlassen, jetzt will Italien seine Pläne für den Wiedereinstieg in die Kernenergie für ein Jahr aussetzen. Auch in den USA wird der Bau zweier neuer Reaktoren gestoppt. Am japanischen AKW Fukushima-1 kämpfen die Helfer weiter fieberhaft gegen steigende Temperaturen in den Reaktoren.

Der italienische Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Paolo Romani, gab am Dienstag bekannt, dass die Pläne für eine Einführung der Kernkraft ein Jahr auf Eis liegen. Das meldet die Nachrichtenagentur Ansa. Die Entscheidung über das einjährige Moratorium werde am Mittwoch bei einer Kabinettssitzung getroffen.

Das für Erdbeben anfällige Italien hatte Atomkraftwerke 1987 verboten und ist das einzige der acht führenden Industrienationen (G8), ohne eigene Atomanlagen.

Das für Erdbeben anfällige Italien hatte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1987 in einem Referendum den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen, doch musste das Land seitdem teuren Strom importieren. Deshalb wollte Ministerpräsident Silvio Berlusconi in Zukunft ein Viertel des Energiebedarfs durch Atomenergie decken.

Die bisherigen Pläne sahen den Bau von vier Reaktoren in den kommenden Jahren vor. Der Wiedereinstieg war jedoch bereits vor dem Unfall in Japan in der Bevölkerung umstritten, im Juni sollten die Pläne in einem Referendum zur Abstimmung gestellt werden.

Wegen der Atomkatastrophe in Japan wird der Bau zweier amerikanischer Reaktoren vorerst auf Eis gelegt. Die US-Energiewirtschaft fürchtet härtere Auflagen - und wartet ab. Die Betreibergesellschaft Nuclear Innovation North America lässt die Arbeiten an zwei neuen Blöcken eines Atomkraftwerks im Süden von Texas ruhen. Es sei derzeit unklar, ob wegen des Unglücks im japanischen Fukushima bauliche Änderungen vorgeschrieben würden, begründete das Unternehmen den Schritt.

Das Brisante an dem Bau in Texas: Der schwer in die Kritik geratene japanische Kraftwerksbetreiber Tepco stand seit Beginn des "South Texas Project" im Jahr 2006 als Berater zur Seite und hat zwischenzeitlich auch in den Neubau der Reaktoren investiert. Bei der Verkündung der Investitionen im Oktober vergangenen Jahres lobten die Amerikaner noch ausdrücklich die Erfahrungen der Japaner beim Atomstrom. Mittlerweile steht Tepco wegen baulicher im Kraftwerk Fukushima-1 und seiner Informationspolitik in der Kritik.

In Texas stehen bereits zwei Reaktorblöcke; Nummer drei und vier sollten nun eigentlich gebaut werden. Bis auf Weiteres will sich die Betreiberfirma jetzt auf das Genehmigungsverfahren und die Sicherstellung der Finanzierung konzentrieren. Hinter der Gesellschaft stecken unter anderem der US-Energiekonzern NRG und der japanische Kraftwerksbauer Toshiba.

In der amerikanischen Bevölkerung steigt die Skepsis gegenüber der Nukleartechnologie: Einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage zufolge sind 53 Prozent für ein Moratorium auf neue AKW, wenn der Strombedarf durch alternative Quellen gedeckt werden kann.

Auch wenn alle sechs Reaktoren von Fukushima-1 wieder mit Strom versorgt sind, schmälern Rauch und Dampf über mehreren von ihnen die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Atomkrise. Die Betreibergesellschaft Tepco nahm die Arbeiten wieder auf, um das nach Erdbeben und Tsunami schwerbeschädigte Kraftwerk unter Kontrolle zu bringen. Der seit Montag ausgetretene Dampf sei ungefährlich gewesen, teilte Tepco mit.

Greenpeace: IAEA hat Explosion vertuscht

Für neue Ängste sorgt insbesondere Reaktor 1. In seinem Kern war die Temperatur auf 380 bis 390 Grad angestiegen. Normal seien nur 300 Grad, sagte ein Tepco-Manager. Um den Reaktorkern mit Wasser herunterzukühlen, brauche man mehr Zeit. Auf die Frage, ob sich die Lage verschlechtert habe, antwortete Tepco-Vizepräsident Sakae Muto ausweichend: "Noch ist es zu früh, von hinreichender Stabilität zu sprechen."

Der Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) reichen die Informationen aus Japan nicht aus: Sie ist besorgt, dass der genaue Status von Reaktors 1 unbekannt ist. IAEA-Vertreter Graham Andrew sagte, es lägen auch keine Informationen über die Temperaturen in den Abklingbecken der Blöcke 1, 3 und 4 vor. Allgemein sei die Situation weiter "sehr ernst".

Die Umweltorganisation Greenpeace übt derweil heftige Kritik an der Internationalen Atombehörde. Die IAEA verharmlose die Katastrophe in Fukushima-1, heißt es auf der Website der Organisation. Sie habe eine Wasserstoffexplosion im Abklingbecken von Reaktor 4 verheimlicht. Das japanische Atomenergieforum JAIF habe die Explosion am 18. März der IAEA als "sehr ernst" gemeldet - die Atombehörde habe diese Information nicht veröffentlich. Ihre Informationspolitik bezeichnet Greenpeace als "skandalös".

Im Nordosten Japans bleibt die Erde derweil unruhig: Die Behörden haben vor weiteren schweren Nachbeben in der Krisenregion gewarnt. Die Erdstöße könnten die Stärke 7 oder mehr haben, berichtete die japanische Wetterbehörde nach Angaben des Senders NHK. Die Beben könnten bereits beschädigte Gebäude zum Einsturz bringen oder einen weiteren Tsunami auslösen. Das Beben am 11. März hatte eine Stärke von 9,0 und war der schwerste jemals in Japan gemessene Erdstoß. Bis Montag hatten die Seismologen der Wetteragentur mehr als 60 stärkere Nachbeben gemessen.

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