Süddeutsche Zeitung

Fünf für München:Geisterstädte, Geheimnisse, Genuss-Gene

Natalie Amiri wird mit dem Bayerischen Verfassungspreis gewürdigt, die Narrhalla hat die Komödianten Volker Heissmann und Martin Rassau als Preisträger vorgestellt, der Fotograf Christopher Thomas eröffnet eine Pop-Up-Ausstellung am Marienplatz - unsere Münchnerinnen und Münchner der Woche.

Von Sabine Buchwald, Philipp Crone, Sonja Niesmann und Stefanie Witterauf

Natalie Amiris gelüftetes Geheimnis

"In weltpolitischen Großlagen braucht es kluge Menschen, die uns Konflikte vermitteln können, Menschen wie Natalie Amiri", schreibt das Focus-Magazin und verkündet etwas, was eigentlich noch geheim bleiben sollte. Natalie Amiri wird im Februar 2024 mit dem Bayerischen Verfassungsorden für ihre Arbeit als Journalistin, Moderatorin und Buchautorin gewürdigt. Ein Foto des Textes hat Amiri auf Instagram gepostet: "Schickte mir mein Vater gerade wortlos zu. Typisch für einen persischen Vater. Persische Väter bekomplimentieren ihre Töchter generell nicht", schreibt sie unter ihren Post und weiter: "Sie sind überzeugt davon, dass es den Töchtern schaden könnte. Sie würden dann arrogant und eitel werden. Auch ein Antrieb - für die Töchter."

Die Münchnerin ist zwischen Perserteppich und Bio-Gemüse als Tochter einer Deutschen und eines Iraners aufgewachsen. Mit vier Jahren war sie das erste Mal im Land ihres Vaters. Allerdings nur mit ihrer Mutter und Schwester, denn 1982 herrschte der Iran-Irak-Krieg und ihr Vater hätte eingezogen werden können. Seit dieser Reise besuchte Amiri immer wieder Iran. Nach dem Abitur studierte sie Orientalistik mit Schwerpunkt Iranistik in Bamberg, mit Auslandssemestern in Teheran und Damaskus. 2005 arbeitete sie in der Deutschen Botschaft in Irans Hauptstadt, wurde vom ARD-Korrespondenten abgeworben und schließlich so Journalistin. Von 2015 bis 2020 leitete Amiri das ARD-Büro in Teheran, musste die Leitung dann aus Sicherheitsgründen abgeben.

Sie wurde vielfach ausgezeichnet, etwa vom Medium Magazin als Journalistin des Jahres 2022 gewählt. Auch wenn ihr Vater keine Komplimente mache, stolz sei er trotzdem, sagt sie.

Volker Heissmann und Martin Rassau: Gewürdigte Gags

Die Narrhalla hat in diesem Jahr die Komödianten Volker Heissmann und Martin Rassau als Preisträger vorgestellt. Seit 40 Jahren stehen sie gemeinsam auf der Bühne - seit 25 Jahren führen und tragen sie gemeinsam mit Partnern die Comödie Fürth. Heissmann und Rassau sind als Kabarettisten, Schauspieler, Sänger und Autoren im deutschsprachigen Raum präsent. Die Multitalente des Humors brillieren dabei als Duo und das bei Weitem nicht nur als ungleiches Witwenpaar "Waltraud und Mariechen", schreibt die Narrhalla in einer Pressemitteilung. Als Bühnenkünstler agierten sie witzig, frech und hintersinnig und mit einer großen Portion Selbstironie in ihren turbulenten Sketchen. Wie einst Karl Valentin imitieren und parodieren sie gerade die einfachen Dinge des Alltags, heißt es weiter. Sie seien durch ihre Liebe und Leidenschaft zur Fastnacht fester Bestandteil bei vielen Veranstaltungen in der närrischen Saison. Heissmann und Rassau freuen sich über diese Auszeichnung und fühlen sich geehrt, in den illustren Kreis der Ordensträger aufgenommen zu werden. In Loriots Sketchen - Vicco von Bülow wurde vor fast 50 Jahren mit dem Preis ausgezeichnet - finde sich die Urform der "Witwen" wieder, bemerkte Martin Rassau. Und Volker Heissmann brillierte mit der Wortfindung von "Mariechen: "Glück ist, wenn man Pech hat und es nicht merkt". Die Preisträger werden am 20. Januar im Deutschen Theater im Rahmen des "Großen Narrhalla-Balls - Soirée Münchner Leben" als 51. Ordensträger ausgezeichnet und erhalten den Karl-Valentin-Orden Nr. 53 und 54. Bisherige Preisträger waren unter anderem Dieter Hallervorden, Philipp Lahm, Helmut Kohl oder Michael "Bully" Herbig.

Claudia Dietsch und die Genuss-Gene

Ein Grund zum Anstoßen: Zum ersten Mal wurde mit dem Südtiroler "Preis für Weinkultur" eine deutsche Weinhandlung ausgezeichnet. Deren Gründerin Claudia Dietsch, 53, ist vor 20 Jahren mit ihrem Mann Johann durch Südtirol gereist und hat ihre Liebe zur norditalienischen Weinregion entdeckt. Vor zwölf Jahren eröffnete das Ehepaar das Geschäft "Bergwein" am Gärtnerplatz in München. Davor gab Dietsch ihren Job als Ärztin in einer Praxis für Allgemeinmedizin auf. Der Einzelhandel sei ihr in die Wiege gelegt worden, sagt sie, ihr Vater hatte in Siegen ein Feinkostgeschäft. "Von ihm habe ich die Genuss-Gene geerbt."

Christopher Thomas kreiert Geisterstädte

Viele seiner Bilder sind so, wie man sich Städte manchmal wünscht: menschenleer. Um sie erfassen zu können und Details zu sehen, die sonst Körper verdecken. Christopher Thomas hat diesen eigennützigen Wunsch zum Prinzip seiner künstlerischen Arbeit erhoben. Durch ihn sehen wir den Pariser Eiffelturm ohne Touristen. Er lässt die New Yorker Brooklyn Bridge in Einsamkeit leuchten. Er macht den Münchner Odeonsplatz zu einem weiten Feld. Der SZ-Redakteur Herbert Riehl-Heyse fragte sich einst in seinem Vorwort zu Thomas' Bildband "Münchner Elegien", wie die Stadt wohl ohne ihre Bewohner wäre und fand auch eine Antwort: wohl nicht so münchnerisch, dafür aber "sehr schön und überraschend geheimnisvoll".

Seit 25 Jahren spielt der 1961 in München geborene Fotograf Christopher Thomas mit Belichtungszeiten, um die Menschen aus seinen Bildern herauszuhalten. Im Bergson, dem Pop-up-Laden am Marienplatz, feiert er nun dieses Jubiläum mit einer Werkschau, die am 25. November, um 17 Uhr eröffnet wird. Zu sehen ist sie bis 31. Dezember.

Podcast mit den Hugendubel-Geschwistern

In "Seite an Seite" talkt Hugendubel-Buchhändlerin Andrea Schuster mit Gästen aus Literatur, Musik, Film und Fernsehen. Im jüngsten Podcast (seit 17. November überall dort zu finden, wo es Podcasts gibt) sind Nina und Maximilian Hugendubel selbst zu Gast. Die Geschwister führen das 1893 gegründete Unternehmen seit rund 20 Jahren, in fünfter Generation. Sie verraten, wie es war, in einer solch buchbestimmten Familientradition aufzuwachsen, erzählen von Büchern, die sie geprägt haben und haben mit "Die letzte Welt" von Christoph Ransmayr und "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" von Joachim Meyerhoff auch ihre Favoriten dabei.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6305879
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/stewi/son/van
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.