Süddeutsche Zeitung

Coronavirus in München:Deutschlands größter Corona-Hotspot macht Ernst

München will den steigenden Infektionszahlen mit einer Maskenpflicht auf bestimmten Plätzen und Straßen begegnen. Bleibt es bei den hohen Werten, dürfen sich ab Donnerstag nur noch maximal fünf Personen treffen, egal ob im Privaten oder öffentlich.

Von Jakob Wetzel, Julian Hans und Bernd Kastner

Im Zentrum soll eine generelle Maskenpflicht herrschen, außerdem dürfen in der gesamten Stadt weniger Menschen zusammenkommen als bisher: Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, greift die Stadt München nun zu strengeren Regeln. Zuletzt ist die Zahl der Ansteckungen stark angestiegen; schon seit Freitag liegt die Sieben-Tage-Inzidenz über der Marke von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hatte daraufhin angekündigt zu reagieren, sollte der Wert über das Wochenende nicht wieder sinken. Am Montag konnte davon keine Rede sein: Die Inzidenz lag bei 56,13.

Den Ausschlag gegeben haben zudem die Bilder vom Wochenende. Auf dem Viktualienmarkt und auf mehreren anderen Plätzen standen die Menschen dicht gedrängt und tranken Bier. Wirte in der Innenstadt hatten wegen der Absage des Oktoberfests zur "Wirtshaus-Wiesn" aufgerufen, in Geschäften bekamen Tracht-Träger Getränkegutscheine. Bereits am Montagvormittag hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) von zum Teil "sehr verstörenden Bildern" gesprochen. Auf der einen Seite sei es schön, Lebensfreude und Brauchtum zu sehen. "Andererseits sind die Bilder am Viktualienmarkt und anderen Bereichen dann schon Anlass zu großer Sorge." Münchens OB Reiter sagte am Montag, nicht zuletzt wegen dieser Bilder und der "sicheren Einschätzung, dass dort keinerlei Corona-Schutzmaßnahmen eingehalten wurden, jedenfalls an diversen öffentlichen Plätzen", müsse man nun die Regeln verschärfen, und zwar ab Donnerstag für vorerst sieben Tage, danach werde neu entschieden. "Wir müssen alles tun, um Menschenansammlungen zu vermeiden", so. Besonders gelte das für Feiern.

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Sollte die Inzidenz bis Donnerstag nicht wieder unter die Marke von 50 sinken, soll von diesem Tag an im Bereich der Fußgängerzone in der Altstadt eine generelle Maskenpflicht gelten. "Egal, ob ich gehe, stehe oder sitze: Ich muss Maske tragen", sagte Reiter. Betroffen sind neben der Fußgängerzone zwischen Stachus, Marienplatz und Odeonsplatz auch die Sendlinger Straße sowie der Viktualienmarkt.

Darüber hinaus will die Stadt verfügen, dass weniger Menschen zusammenkommen. Bleibt es bei der hohen Inzidenz-Zahl, dürfen sich ab Donnerstag in ganz München nur noch maximal fünf Personen treffen, egal ob in ihren Wohnungen, auf öffentlichen Plätzen oder in Gaststätten. Ausgenommen sind lediglich Familien, wenn alle in gerader Linie miteinander verwandt sind. Eine weitere Ausnahme gilt, wenn alle Beteiligten in maximal zwei Haushalten leben. Zwei befreundete Familien zum Beispiel dürfen also weiterhin zusammenkommen.

Für private Feste gelten andere Regeln, sie müssen aber ebenfalls in kleinerem Rahmen stattfinden: Zu einem Hochzeits- oder Geburtstagsfest etwa dürfen sich künftig nur noch maximal 25 Menschen in geschlossenen Räumen oder 50 im Freien treffen. Für professionell organisierte Veranstaltungen gelte das aber derzeit noch nicht, sagte Reiter: Denn anders als bei privaten Feiern hafte hier ein Veranstalter dafür, dass die Regeln eingehalten werden; zudem gebe es ein Hygiene-Konzept. In geschlossenen Räumen dürften sich deshalb bei Veranstaltungen weiterhin 100, im Freien 200 Menschen treffen.

Reiter appellierte zudem an die Münchner, sich wieder stärker an die Infektionsschutzregeln zu halten. "Viele dieser Regeln galten bereits und wurden irgendwann als Normalität wahrgenommen", sagte er. Vor einem halben Jahr sei es normal gewesen, dass sich die Menschen, wenn sie an der Straße ein Sandwich kauften, in großen Abständen angestellt und Masken getragen hätten. "Das hat sich völlig aufgehört." Auch die übrigen Regeln, etwa die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr, müssten wieder stärker befolgt werden. "Wir müssen alles tun, um noch einschneidendere Regeln zu verhindern", sagte Reiter. "Ich möchte dringend und baldmöglichst nicht mehr der größte Hotspot der Bundesrepublik sein, was die Corona-Zahlen betrifft."

Schulen und Kindertagesstätten indes bleiben weiterhin geöffnet. Familien sollten nicht noch zusätzlich belastet werden, sagte Reiter. Und bisher habe es keine Infektionsherde in den Einrichtungen gegeben - auch weil Klassen und Kitas schnell geschlossen würden. Allerdings werde die Maskenpflicht ab der fünften Klasse noch für längere Zeit bleiben.

"Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens tun weh, aber sie sind angesichts der aktuell gestiegenen Zahlen vertretbar", sagte CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl. Die Verwaltung sei jedoch an eine schmerzhafte Grenze gegangen, für die Menschen wie für die Gastronomie. "Das kann keine Dauerlösung sein." Gregor Lemke, Sprecher der Innenstadtwirte, betont, dass er Verständnis habe für die schärferen Regeln, und dass man sie "natürlich" mittrage. Zugleich verweist er darauf, dass sie weitere Einbußen für die Wirte mit sich bringen dürften. In seinem Augustiner Klosterwirt habe gerade am Montag eine Firma mit 24 Gästen ihren Besuch abgesagt. Lemke verweist darauf, dass Wirtshäuser und Restaurants zu den sichersten öffentlichen Orten gehörten: "Wir können Hygiene." Bisher sei "alles gut gelaufen". Mit weiteren Einbußen rechnen auch die Innenstadthändler, sagt Wolfgang Fisher vom Verein Citypartner: Weil die Regeln ausschließlich in der Innenstadt gelten, sei zu befürchten, dass Kunden verstärkt Einkaufszentren am Stadtrand besuchen.

Zu den wichtigsten Akteuren in Corona-Zeiten gehört die Polizei. Bis die neue Allgemeinverfügung vorliegt, könne man aber noch nicht sagen, wie die verschärften Regeln überwacht werden. Die Polizei kontrolliert schon das nächtliche Verkaufsverbot für Alkohol und die Auflage, sich nicht in zu großen Gruppen zu treffen. Werden die Regeln strenger, macht das die Arbeit eher leichter. Bei fünf Personen ist es einfacher zu kontrollieren, aus wie vielen Haushalten sie kommen, als bei fünfzig.

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