Süddeutsche Zeitung

Erneuerbare Energien:Unser Wald, unser Wind

Neubiberg will der Interessengemeinschaft Windenergie Perlacher Forst beitreten. Doch Unterhaching und Oberhaching winken ab. Die Anrainergemeinden wollen lieber mit Grünwald und Taufkirchen unter sich bleiben.

Von Daniela Bode, Iris Hilberth und Udo Watter, Unterhaching/Neubiberg/Grünwald

Der Perlacher Forst als mögliche Fläche für Windkraftanlagen weckt bei immer mehr Kommunen Begehrlichkeiten. Unterhaching, Taufkirchen und Oberhaching haben bereits beschlossen, zusammen mit dem Landkreis München eine Interessengemeinschaft Windenergie Perlacher Forst zu gründen, um in diesem gemeindefreien Gebiet Windräder aufzustellen. Grünwald als weitere Anrainerkommune hat nach anfänglicher Ablehnung des Standorts am Dienstagabend ebenfalls zugestimmt, um mitzumachen. Nun möchte auch Neubiberg beitreten. Doch davon sind die bisherigen Partner wenig begeistert.

Die Gemeinden im Hachinger Tal hatten beim Landkreis München Anfang März beantragt, dass die gemeindefreien Gebiete im Perlacher Forst, die den Bayerischen Staatsforsten gehören, für Windenergieanlagen freigegeben und gemeinsam mit den anliegenden Kommunen planungsrechtliche Voraussetzungen geschaffen werden. Der Kreistag hat inzwischen den Beitritt des Landkreises zur Interessengemeinschaft beschlossen und weiteren interessierten Kommunen im Landkreis eine Teilnahme in Aussicht gestellt.

Auch Neubiberg will zur Stromgewinnung auf Windenergie setzen, im Rathaus aber ist man überzeugt davon, dass in der eigenen dicht besiedelten Gemeinde kein Platz für Windräder ist. Und so dachte man sich: Wie wäre es denn auch für uns mit dem Perlacher Forst? Der Gemeinderat zumindest zeigte sich angetan von der Idee, der Interessengemeinschaft in der Nachbarschaft beizutreten, und stimmte diese Woche zu. "Die räumliche Nähe ist sicher von Vorteil für uns", sagte Bürgermeister Thomas Pardeller (CSU). In der eigenen Gemeinde gebe es wegen der Wohnbebauung und der starken Verdichtung keine Möglichkeit, Windräder zu errichten. Die 1000 Meter Abstand zur Wohnbebauung bekäme man nicht hin, sagte er der SZ auf Nachfrage.

Rotoren könnten sich in der Frischluftschneise belebend auf Windgeschwindigkeiten auswirken

Betrachtet man sich das Gemeindegebiet Neubiberg in Bezug auf freie Flächen für Windenergie, so fällt der Blick auf den westlichen Bereich nahe der Autobahn und Infineon. Dort befindet sich zwar die Frischluftschneise, doch die dürfte laut dem ehemaligen Umweltreferenten der Landeshauptstadt München Joachim Lorenz (Grüne), der sich schon früh mit Windkraft beschäftigt und damals die zwei Windräder im Münchner Norden genehmigt hat, kein Problem sein. "Das müsste rein planungs- und umweltrechtlich möglich sein, wenn die Funktionsfähigkeit der Frischluftschneise nicht eingeschränkt wird", sagt er.

Er kann sich sogar vorstellen, dass sich die Rotoren belebend auf die Windgeschwindigkeit auswirken könnten. In der Frischluftschneise Hachinger Tal stellt sich für ihn allerdings die Frage, ob sich Windräder rentieren würden, weil die Südwinde nur sehr schwach seien. "Das müsste man alles prüfen", sagt er. Der Regionale Planungsverband (RPV) will keine generelle Aussage zur Zulässigkeit von Windkraftanlagen in einem Grünzug machen. "Es kommt immer auf die konkrete Planung beziehungsweise das konkrete Projekt an. Dazu nehmen wir dann Stellung", sagt Geschäftsführer Christian Breu. Allerdings gehören die Grundstücke in der Frischluftzone nicht der Gemeinde Neubiberg. Außerdem würden die Lokalpolitiker dort gerne Gewerbe ansiedeln.

Was Pardeller beim Werben im Gremium für den Beitritt zur Interessengemeinschaft noch nicht wusste: In Unterhaching reagierte man in der Gemeinderatssitzung in der Vorwoche äußerst reserviert auf die Anfrage des Neubiberger Bürgermeisters per E-Mail von Mitte März. Man war sich einig, dass man lieber unter sich bleiben will, also mit Taufkirchen und Oberhaching gerne gemeinsame Sache machen möchte, "als schlankes Trio", wie Rathaussprecher und Wirtschaftsförderer Simon Hötzl betont, gerne aber noch Grünwald mit ins Boot hole, das ja ebenfalls direkt an den Perlacher Forst grenze.

Dort hat der Gemeinderat tatsächlich eine Kehrtwende vollzogen. Der Beschluss fiel mit 20 zu einer Stimme deutlich aus, einzig Gerhard Sedlmair (CSU) votierte dagegen. "Wir sind in einen Schwachwindgebiet, aber das interessiert in der Bundesregierung offenbar niemand", sagte er - der Bayerische Windatlas weist für das Isartal ja eher geringe Windstärken aus. Stürmische Begeisterung dürfte auch einige andere im Gremium nicht zu ihrem positiven Votum angetrieben haben, die Gemeinde hatte bisher festgestellt, dass man auf eigener Flur keine geeigneten Flächen für Windenergieanlagen habe, und in der relevanten Novembersitzung 2022 darüber hinaus auch erklärt, dass die benachbarten, auf gemeindefreien Gebiet liegenden Forste wegen ihrer Bedeutung für Flora und Fauna sowie als Erholungsraum und Frischluftzone davon ausgeschlossen sein sollten.

Neuere Entwicklungen - die Forcierung des Wind-an-Land-Gesetzes durch den Bund sowie die durch den jüngsten Kreistagsbeschluss akzentuierte Möglichkeit, sich als Kommune ohne eigene Vorrangflächen an der vom Landkreis initiierten Positivplanung zu beteiligen, hat die Bewertung der Lage etwas verändert. "Wir haben die Fakten zur Kenntnis zu nehmen", sagte Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU). "Lassen Sie uns doch erst mal die Untersuchung abwarten. Die Federführung übernimmt der Landkreis." Ingrid Reinhart (Grüne), deren Fraktion schon vor einigen Wochen eine Beteiligung der Gemeinde beantragt hatte, sagte: "Es bleibt uns nichts anderes übrig, als Windräder zu wollen."

Zehn bis zwölf solcher Anlagen sind laut dem oberbayerischen Windkümmerer Peter Beermann im Perlacher Forst denkbar, der etwa 500 Hektar im Perlacher und Grünwalder Forst für geeignet hält. Unterhaching alleine bräuchte mindestens drei Windräder, wenn es zusammen mit Strom aus Photovoltaik-Anlagen seinen Bedarf decken will. Deshalb, aber auch um die Abstimmungen nicht mit einem zu großen Gremium zu verkomplizieren, plädiert Unterhaching dafür, die Anzahl der Mitglieder der Interessengemeinschaft nicht weiter zu erhöhen und nur Grünwald aufzunehmen. "Es war auch die Stoßrichtung der Bayerischen Staatsforsten, einen Verbund der Anrainergemeinden zu schließen", sagt Hötzl.

In Oberhaching, wo der Gemeinderat nach Taufkirchen und Unterhaching am Dienstagabend ebenfalls der Gründung der Interessengemeinschaft zustimmte, ist Bürgermeister Stefan Schelle (CSU) ebenfalls sehr zurückhaltend, was einen Beitritt der Neubiberger betrifft. "Wir müssen vernünftige Lösungen mit Augenmerk finden", sagte er zu den Plänen im Forst und betonte: "Wir können nicht alle mit Windrädern beglücken, die um die Ecke kommen." Man habe ein Areal gefunden, in dem es kein Trinkwassergebiet gebe, keine großen Naturdenkmäler und der Abstand von einem Kilometer zur Wohnbebauung eingehalten werde. "Es gilt, tausend Sachen zu prüfen, auch das Militär spielt eine Rolle", so Schelle. Neubiberg könne natürlich einen Antrag auf Aufnahme stellen, dann werde das abgestimmt.

Auch nach den negativen Signalen aus Unterhaching bleibt Neubibergs Bürgermeister bei seinem Standpunkt und wirbt um nachbarschaftliches Zusammenwirken: "Im Kreistag wurde ja der Beschluss gefasst, dass der Landkreis es unterstützt, wenn andere Gemeinden mitmachen. An dem Beschluss sollte man auch festhalten", sagt er. Zudem hofft er auf eine gute nachbarschaftliche Zusammenarbeit der Unterhachinger Kollegen statt einem "Kirchturmdenken". Pardeller: "Das können wir nur interkommunal lösen." Er erinnert daran, dass im Landkreis insgesamt mindestens 50 Windräder aufgestellt werden müssten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5778126
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/sab/belo
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.