Süddeutsche Zeitung

Bundestagswahl:Diese Frau will raus aus Aiwangers Schatten

Annette Hauser-Felberbaum steht für die Freien Wähler auf Listenplatz zwei. Den omnipräsenten Parteichef hält sie aus ihrem eigenen Wahlkampf weitestgehend raus. Sollte es mit Berlin klappen, wäre das wieder anders.

Von Florian Fuchs und Andreas Glas, Kempten/München

Es gibt Menschen, die schmeißen an ihrem 60. Geburtstag eine große Party. Andere fahren in den Urlaub, manche gehen schick Essen. Annette Hauser-Felberbaum gehört eher in eine andere Kategorie. An ihrem 60. Geburtstag quetscht sie um 10.30 Uhr vormittags noch schnell einen Termin mit einem Journalisten in ihren ansonsten auch nicht unbedingt ausgedünnten Kalender. Geburtstag zu feiern, sagt die Bundestagskandidatin der Freien Wähler im Wahlkreis Oberallgäu zur Begrüßung, war ihr noch nie so wichtig. Wichtig ist jetzt erst einmal der Wahlsonntag.

Man kann ihr Verhältnis zum eigenen Geburtstag schon ganz gut verallgemeinern auf die Person Annette Hauser-Felberbaum. Mit Nebensächlichkeiten hält sie sich nicht so gern auf. Die Frau hat ganz offensichtlich Spaß daran, viel zu tun zu haben. Vier Kinder hat sie groß gezogen, nebenher ist sie mit einer Kongress- und Konzertagentur seit 25 Jahren selbständig. Und damit es nicht langweilig wird, jetzt, wo der Jüngste 17 Jahre alt wird, tritt Hauser-Felberbaum halt für die Wahl zum Bundestag an. Freie Wähler, Listenplatz zwei in Bayern, gleich nach Hubert Aiwanger. "Ich bin optimistisch", sagt sie, "dass wir Freien Wähler es in den Bundestag schaffen." Die Frage ist bloß: Wie viel Hauser-Felberbaum steckt in der Kampagne? Und wie viel Hubert Aiwanger?

Bei kaum einer Partei überstrahlt der Chef alle anderen so sehr wie bei den Freien Wählern. Die Nummer eins, Aiwanger, kennen fast alle. Die Nummer zwei, Hauser-Felberbaum, kennt fast keiner. Und erst recht nicht Nummer drei, Nummer 18, Nummer 32 auf der Liste. Schon mal was gehört von Christian Schindler, Daisy Miranda, Martin Blasi? Eher nicht. Ausgerechnet in der Partei, deren Mitglieder und Ortsvereine sich so sehr über ihre Unabhängigkeit definieren, hängen alle an der Performance ihres Anführers. Nervt das manchmal, Frau Hauser-Felberbaum?

"Ich finde nicht, dass Aiwanger bei den Freien Wählern alles überstrahlt" sagt sie. "Das ist ein Bild, das von den Medien so gezeichnet wird". Nun, man tritt Aiwanger sicher nicht zu nahe, wenn man behauptet, dass er schon fleißig mitpinselt an diesem Bild. Aber, da hat Annette Hauser-Felberbaum recht: In ihrem eigenen Wahlkampf, im Allgäu, kommt Aiwanger eher sparsam vor. Pflege, Kultur und Bildung, soziale Gerechtigkeit, Regionalität und bezahlbares Wohnen, das sind ihre Themen. Darüber spricht sie mit den Leuten an ihren Infoständen. Und darüber, dass die Zeit der großen Parteien vorüber sei. Dass es nicht angehen könne, wenn ein Bundestagsabgeordneter neben seiner Tätigkeit als Politiker noch einen Beruf ausübt. "Da muss man sich doch auf seine Arbeit für die Bürger zu 100 Prozent konzentrieren", sagt Hauser-Felberbaum.

Nur die Sache mit dem Impfen, die muss sie schon das eine oder andere Mal besprechen. Da fragen die Leute nach. Hauser-Felberbaum ist mit einem Arzt verheiratet. "Das Impfen ist der Weg aus der Pandemie", das sagt sie oft in 45 Minuten Gespräch. "Wir müssen die Leute besser aufklären, dann lassen sie sich auch impfen." Sie lächelt dann, weil sie weiß, welche Frage jetzt kommt: Ob Hubert Aiwanger, Popstar der Impfskeptiker, also nur schlecht aufgeklärt ist?

Nun, wer seit neun Jahren in der Lokalpolitik mitmischt, wer FW-Ortsvorsitzende ist und Stadträtin in Kempten, der hat auch Antworten parat, wenn die Fragen knifflig werden. Ja, sagt Annette Hauser-Felberbaum, nicht alle Aussagen ihres Parteivorsitzenden zum Thema Impfen haben ihr gefallen. Aber: Nein, das sei nicht weiter tragisch. "Er unterstützt die Impfkampagne ja zu 100 Prozent." Was man so sehen kann, wenn Unterstützung bedeutet, dass Aiwanger nicht offensiv vom Impfen abrät. Außerdem, sagt Hauser-Felberbaum: Ob sich jemand impfen lasse, sei dessen ureigene Entscheidung. Ein Hinweis ist ihr aber schon noch wichtig: Dass Hubert Aiwanger gelernter Landwirt ist, kein Arzt.

Trotz unterschiedlicher Positionen beim Impfen hätte Hauser-Felberbaum nichts dagegen, künftig gemeinsam mit Aiwanger in Berlin aufzutreten. Die Chance, dass die Freien Wähler in den Bundestag einziehen, hat der Parteichef vor ein paar Tagen in der Main-Post auf 50 Prozent beziffert. Seinen Rechenweg hat Aiwanger nicht verraten. Dabei wäre der interessant gewesen, die bundesweiten Umfragen sagen den FW ja nur zwei bis drei Prozent der Stimmen voraus - und damit ein deutliches Scheitern an der Fünf-Prozent-Marke. Dass sich Impfverweigerer bei Aiwanger verstanden fühlen, hat der Partei offenbar nicht nur Stimmen gebracht - sondern sie auch welche gekostet. Unterm Strich war das wohl ein Nullsummenspiel.

Als Verlierer müssten sich die FW trotzdem nicht fühlen, falls die Umfragen sich bewahrheiten. Mit zwei Prozent der Stimmen hätten sie ihr bundesweites Ergebnis von 2017 verdoppelt, mit drei Prozent sogar verdreifacht. Auch die sieben Prozent, mit denen die FW am Sonntag in Bayern rechnen dürfen, wären eine deutliche Steigerung zur Bundestagswahl 2017, da waren es 2,7.

Annette Hauser-Felberbaum findet, dass ihre Partei gut Fuß gefasst hat in Deutschland. Bei den jüngsten Landtagswahlen in Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg holten die Freien Wähler jeweils zwischen drei und 3,4 Prozent. In Rheinland-Pfalz gelang im Mai 2020 sogar der Einzug ins Landesparlament, 5,4 Prozent. In diesem Punkt ist Hauser-Felberbaum tatsächlich froh, dass Aiwanger voran prescht - soll er ruhig die Aufbauhilfe außerhalb Bayerns übernehmen. So kann sie sich aufs Allgäu konzentrieren, künftig am liebsten als Abgeordnete in Berlin. Den Prognosen, dass das ein Traum bleibt, traut die Nummer zwei der FW nicht. Da ist sie ganz bei Hubert Aiwanger, der Nummer eins.

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Quelle:
SZ vom 24.09.2021
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