Süddeutsche Zeitung

Mozilla-Studie:Zyklus tracken, Daten verschenken

Lesezeit: 3 min

Eine Studie hat untersucht, wie sicher Schwangerschafts- und Perioden-Apps sind. Die Autorinnen nennen die Ergebnisse "beängstigend" und empfehlen nur eine einzige App ohne Vorbehalte.

Von Simon Hurtz, Berlin

Seit zwei Monaten kann jeder US-Bundesstaat selbst entscheiden, wie lange Frauen ihre Schwangerschaft abbrechen dürfen. Nach dem Urteil des Supreme Court haben bereits zehn konservativ regierte Staaten Schwangerschaftsabbrüche kriminalisiert, teils werden Frauen gar bei einem Abbruch nach einer Vergewaltigung strafrechtlich verfolgt. Weitere Staaten werden ähnlich strikte Gesetze erlassen. Millionen Frauen in den USA haben keine Möglichkeit mehr, eine ungewollte Schwangerschaft legal zu beenden. Plötzlich sind digitale Daten zur Gefahr geworden: Denn Standortverlauf, Chatprotokolle, Zyklus-Tracker und Schwangerschafts-Apps können zur Anklage führen.

Man könnte sagen: Das ist erschreckend, aber zum Glück weit weg. In Deutschland bleibt ein Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Bedingungen mindestens bis zur zwölften Woche straffrei, fanatische Abtreibungsgegner sind eine lautstarke, letztlich aber kleine Minderheit. Trotzdem gibt es viele Gründe, warum Frauen auch in Deutschland sehr genau überlegen sollten, welche Apps sie verwenden, um ihre Periode zu überwachen oder Schwangerschaften zu planen. Diese Daten sind hochsensibel und interessieren nicht nur Strafverfolgungsbehörden in den USA, sondern auch Werbetreibende in Deutschland. Manchmal wissen Facebook, Google oder andere Unternehmen von der Schwangerschaft, bevor es Familie und die engsten Freunde erfahren.

Einen guten Anhaltspunkt für diese Entscheidung liefert eine neue Untersuchung von Mozilla. Die gemeinnützige Stiftung setzt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten für Datenschutz und Datensicherheit im Netz ein, unter anderem entwickelt sie den Firefox-Browser. Für den Ratgeber "Datenschutz nicht inbegriffen" haben Forschende 25 Anwendungen und Gadgets analysiert: zehn Apps zur Überwachung der Periode, zehn Apps zur Kontrolle der Schwangerschaft und fünf Gesundheits- und Fitness-Wearables, die auch genutzt werden können, um die Fruchtbarkeit zu überwachen. Das ernüchternde Ergebnis: 18 Warnhinweise und nur eine vorbehaltlose Empfehlung.

Mozilla nennt die Ergebnisse "beängstigend"

"Unsere Untersuchung bestätigt, dass Nutzerinnen sich zweimal überlegen sollten, bevor sie die meisten Apps zur reproduktiven Gesundheit nutzen", sagt Ashley Boyd, Mozillas Vizepräsidentin für Verbraucherschutz. "Die Datenschutzrichtlinien sind teilweise mit Schlupflöchern gespickt und sie sichern intime Daten nicht angemessen." Ihre Kollegin Jen Caltrider nennt die Ergebnisse "beängstigend". Schließlich müssten Unternehmen, die sensible Gesundheitsdaten sammeln, besonders sorgfältig sein, wenn es um Sicherheit und Privatsphäre gehe.

Als Grundlage für die Untersuchung haben die Forschenden eine Reihe Fragen gestellt: Welche Berechtigungen verlangt die App, welche Daten sammelt sie? Wie viele Informationen muss man angeben, um sich zu registrieren? Können Nutzerinnen die gespeicherten Daten kontrollieren und löschen? Räumt sich das Unternehmen in den Nutzungsbedingungen problematische Rechte ein, mit wem teilt es welche Arten von Daten? Gab es in der Vergangenheit Anlässe, misstrauisch zu werden? Wie ist es um Verschlüsselung und Sicherheit bestellt?

Mozilla hat die Apps und Gadgets nicht in einem Labor untersucht. Die Einschätzungen basieren auf öffentlich verfügbaren Informationen wie Datenschutzbestimmungen, Medienberichten sowie Herstellerangaben in den App-Stores von Android und iOS. Für jede Anwendung gibt es eine Übersicht mit den zentralen Kritikpunkten, Antworten auf die wichtigsten Fragen und Tipps, welche Einstellungen den Datenschutz verbessern.

Das methodische Vorgehen wirkt seriös, nachvollziehbar und ist für jedes Produkt in der Datenbank ausführlich dokumentiert. Trotzdem sollte man die Untersuchung lesen wie einen Testbericht der Stiftung Warentest: Relevant ist nicht unbedingt die Endnote, sondern die Einstufung in den einzelnen Kategorien. Was für die Forschenden Anlass für eine Abwertung oder einen Warnhinweis ist, muss nicht für alle Nutzerinnen ein Problem darstellen.

Nur eine uneingeschränkte Empfehlung

Das verdeutlicht etwa die deutsche App "Clue", mit der zwölf Millionen Frauen ihren Zyklus tracken. Wer die App nutzt, muss ein Passwort vergeben. Clue setzt weder eine bestimmte Länge noch komplexe Kombinationen voraus, selbst "1" wird akzeptiert. Das ist tatsächlich leichtfertig, es wäre sinnvoll, Nutzerinnen vor ihrer eigenen Faulheit zu schützen. Für Frauen, die ein sicheres Kennwort wählen, spielt das aber keine Rolle. Clue sagt, man werde das Problem mit einem der kommenden Updates adressieren.

Trotzdem ist die mangelnde Passwortsicherheit einer der Gründe, warum Clue den Warnhinweis "Datenschutz nicht inbegriffen" erhält. Zudem bemängelt Mozilla, dass Informationen mit Werbetreibenden geteilt werden. Das schließt aber ausdrücklich alle Gesundheitsdaten aus, die getrennt von den persönlichen Daten gespeichert werden. Im Gegensatz dazu geben manche Apps auch die sensiblen Tracking-Daten weiter. "Sprout Pregnancy" hat nicht mal eine Datenschutzerklärung, in der sich nachlesen lässt, wie der Betreiber mit intimen Informationen umgeht. "Bitte nutzen Sie die App nicht", empfiehlt Mozilla.

Ganz ohne Warnhinweise kommen die Schwangerschafts-App "Babycenter" sowie die Zyklus-Tracker "Natural Cycles - Birth Control" und "Euki" davon. Letztere wurde von der NGO "Women help Women" entwickelt, sammelt keine persönlichen Informationen und speichert alle Daten ausschließlich lokal auf dem Smartphone. Euki ist die einzige App, die Mozilla ohne Einschränkungen empfiehlt. Einen möglichen Nachteil hat sie trotzdem: Die App gibt es nur auf Englisch und Spanisch. Auch Mozillas gesamte Untersuchung steht aktuell noch nicht auf Deutsch zur Verfügung, eine Übersetzung soll aber bald folgen.

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