Süddeutsche Zeitung

Mobiles Internet:Im Funkloch

Lesezeit: 3 min

Superschnell surfen - so werben die Internetanbieter. Doch vor allem Handy-Nutzer merken, dass dies oft gelogen ist. Warum machen die Konzerne das?

Von Varinia Bernau und Bastian Brinkmann

Manchmal, wenn Niek Jan van Damme mit den Werbern spricht, kommt es ihm so vor, als führe er genau die gleichen Gespräche, die er vor zwanzig Jahren schon einmal geführt hat. Damals war er bei Procter & Gamble. Damals ging es um Werbespots für ein Spülmittel. Die Marketingleute wollten riesige Stapel Teller zeigen, die sich mit einem einzigen Spritzer des Spülmittels blitzeblank putzen lassen. Immer höher wollten sie die Teller stapeln. Und irgendwann fragte einer der Manager, ob das nicht doch albern sei. Welche Hausfrau spült schon 400 Teller?

Niek Jan van Damme, der heute das Deutschlandgeschäft der Deutschen Telekom verantwortet, erzählt so etwas nur in kleinem Kreis. Die Botschaft, die er auf der großen Bühne verkündet und die auch andere Mobilfunkanbieter auf Plakaten, im Netz oder in Werbespots bei der Kundschaft platzieren wollen, ist eine andere. Sie lautet: Tempo, Tempo, Tempo.

So wie die Spülmittelhersteller einst der Hausfrau weismachen wollten, sie bräuchte ein Konzentrat, von dem ein Tropfen auch 400 verkrustete Teller packt, so wollen die Mobilfunkanbieter heute den Deutschen weismachen, sie bräuchten Tarife, die unterwegs das Surfen im Netz mit einer Geschwindigkeit von 150 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) ermöglichen. Die meisten Menschen kommen gut mit Übertragungsgeschwindigkeiten durchs Leben, die bei einem Zehntel liegen. Noch zumindest.

Jeder zweite erreicht nur ein Drittel der versprochenen Leistung

Aber nicht einmal das liefern die Anbieter im Alltag. Die Süddeutsche Zeitung hat gemeinsam mit dem auf Netztests spezialisierten Unternehmen Zafaco Zehntausende Mobilfunkkunden mit einer App über mehrere Monate testen lassen, wie schnell sie wirklich surfen können. Jeder zweite erreicht demnach nur 38 Prozent der versprochenen Geschwindigkeit. Jeder zweite Telekom-Kunde surft unterwegs mit 7,8 Mbit/s oder schneller. Jeder zweite Vodafone-Kunde kommt nur auf etwa 5 Mbit/s. Bei E-Plus sind es vier, bei O2 knapp über drei. Bei Billiganbietern sind es noch weniger - mit Ausnahme von Congstar, einer Telekom-Tochter.

Dass Werbung und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen, lässt sich erklären: Ein Mobilfunknetz ist ähnlich wie ein Straßennetz. Wie schnell man vorankommt, das hängt vor allem davon ab, wie viele Nutzer sonst noch unterwegs sind - und was sie machen. Auf der Straße sind es die dicken Laster, die Platz wegnehmen. Im Internet sind es diejenigen, die dicke Datenpakete übertragen, etwa wenn sie hochauflösende Videos herunterladen. Weil ein Anbieter nie weiß, wie viele Menschen gerade wo in ihrem Netz unterwegs sind und was sie dort machen, kann er auch nie garantieren, dass jeder mit der maximal möglichen Geschwindigkeit surfen kann. Deshalb haben sie vor die großen Geschwindigkeiten, mit denen sie werben, zwei kleine Wörter gesetzt: "bis zu". Bis zu 150 Mbit/s können auch 70 Mbit/s sein - oder nur 7,8 Mbit/s.

Die Frage ist nur: Wie vertrauenswürdig ist so eine Werbung? Und müssten die Mobilfunkanbieter, wenn sie auf Tempo setzen, nicht auch mehr für den Ausbau der Datenautobahnen tun?

Auch in Großstädten lahmt das mobile Internet

Dass die Telekom in vielen aktuellen Netztests vergleichsweise gut abschneidet, liegt auch daran, dass sie aus dem Ärger vieler Kunden gelernt hat: Das allererste iPhone gab es in Deutschland drei Jahre lang nur mit einem Telekom-Vertrag. Und je mehr Kunden damit die Lust aufs Surfen unterwegs entdeckten, desto mehr waren frustriert - weil das Netz unter den riesigen Datenmengen zusammenbrach. Die Telekom rüstete auf, um die Kunden bei Laune zu halten. E-Plus, O2 oder Vodafone zeigten viel Häme. Die eigenen Netze aber für die Zukunft zu rüsten, um die Kunden nicht nur mit schicken Smartphones, sondern auch mit schnellen Surfgeschwindigkeiten zu beglücken, das versäumten sie - und schneiden somit heute schlechter ab.

Dass es eng wird, erkennt der Autofahrer an den aufleuchtenden Bremslichtern vor ihm. Dass es im Mobilfunknetz eng wird, erkennt man daran, dass sich eine Seite nur langsam aufbaut oder ein Video ruckelt. Und manchmal, wenn man in Gegenden kommt, in die keine Autobahn führt und auch keine schnellen Internetkabel verlegt wurden, muss man ausweichen auf die Landstraße. Das Smartphone zeigt dann "E". Das steht für Edge - und damit für einen der Mobilfunkstandards mit der geringsten Geschwindigkeit. Ein Foto zu verschicken, dauert dann auch mal eine Minute. Videos zu schauen, ist oft gar nicht mehr möglich.

Das Ärgerliche ist nur, dass so etwas nicht nur auf dem platten Land passiert, sondern auch in Großstädten. Auch dort nämlich erreicht laut der Messung von Zafaco jeder zwölfte Nutzer nur die mickrige Geschwindigkeit von etwa 0,2 Mbit/s. Auf dem Land sind es fast 30 Prozent.

Immerhin, die Anbieter haben das Problem erkannt. Sie investieren in ihre Netze. Dass sie auch ihre Werbeversprechen bremsen, glaubt Robert Stumpf, Mobilfunkexperte bei der Unternehmensberatung Accenture, allerdings nicht: "Die Surfgeschwindigkeit ist das, was den Kunden interessiert. Damit können die Anbieter am meisten punkten." Sie stecken in einem Dilemma: Das Geld, das sie dringend brauchen, um ihre Netze aufzurüsten, können sie sich nur beim Kunden holen. Doch der hat sich längst daran gewöhnt, dass er immer mehr Leistung für sein Geld bekommt. Er überlegt sich zweimal, mit welchem Anbieter er im Netz unterwegs ist. Die Konzerne umwerben ihn deshalb mit immer dreisteren Versprechen. So wie die Spülmittelhersteller, die der Hausfrau weismachen wollten, sie brauche unbedingt ein Spülmittel, das mit einem Spritzer 400 Teller schafft.

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Quelle:
SZ vom 18.10.2014
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