Süddeutsche Zeitung

Tarifstreit:Deutsche Bahn will den nächsten Streik abwenden

Mit einem ungewöhnlichen Schritt will die Deutsche Bahn den drohenden Arbeitskampf entschärfen. Sie möchte der Lokführergewerkschaft GDL gleich zu Beginn der Tarifrunde ein Lohnangebot unterbreiten.

Von Benedikt Peters, München

Die Deutsche Bahn fürchtet einen großflächigen Arbeitskampf in der Vorweihnachtszeit - und versucht nun, diesen mit einem ungewöhnlichen Schritt abzuwenden. Aus Unternehmenskreisen ist zu hören, dass die Bahn der Lokführergewerkschaft GDL gleich zu Beginn der am Donnerstag startenden Tarifrunde ein Lohnangebot unterbreiten möchte. Normalerweise werden solche Offerten erst nach langem Ringen bei einem zweiten oder dritten Verhandlungstermin abgegeben - so hatte es der verantwortliche Personalvorstand Martin Seiler etwa in der im August beendeten Tarifrunde mit der Eisenbahngewerkschaft EVG praktiziert.

Das Angebot soll dazu dienen, GDL-Chef Claus Weselsky davon abzubringen, sofort nach dem ersten Verhandlungstreffen am Donnerstag in den Streikmodus zu schalten. Unter anderem in der Süddeutschen Zeitung hatte Weselsky gedroht, eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik zu organisieren oder zu Warnstreiks aufzurufen, wenn die Bahn nicht ernsthaft verhandle.

Die Manager machten sich "die Taschen voll", sagt Weselsky

Ob der Versuch des Personalvorstands Seiler fruchtet, ist allerdings äußerst unsicher. Details zu dem Angebot wurden nicht bekannt; als sicher gilt aber, dass die Bahn der GDL eine Lohnerhöhung in Aussicht stellen will. Die Gewerkschaft verlangt ein monatliches Plus von 555 Euro, hinzukommen 3000 Euro Inflationsprämie sowie eine weitere Forderung mit besonderer Wucht: Die GDL will eine Viertagewoche mit insgesamt 35 Stunden durchsetzen, bisher arbeiten die Beschäftigten 38 Stunden. Für die Viertagewoche soll es einen vollen Lohnausgleich geben; so soll die Bahn nach den Vorstellungen der Gewerkschaft als Arbeitgeber attraktiver werden.

Der GDL ist dieser Vorschlag besonders wichtig. Ihr Chef Weselsky hat bereits angedeutet, auch dann Streiks organisieren zu wollen, wenn die Bahn sich in Sachen 35-Stunden-Woche am Donnerstag nicht kompromissbereit zeige. Im Management der Bahn aber gilt der Vorschlag als kaum umsetzbar, weil er empfindliche Kostensteigerungen bedeuten und einen erheblichen Mehrbedarf an Personal auslösen würde - dabei ist dieses Personal auf dem Arbeitsmarkt derzeit kaum zu finden.

Ohnehin gilt das Gesprächsklima zwischen Bahn und GDL als stark belastet. Weselsky wirft den Managern regelmäßig vor, sich "die Taschen vollzumachen", sich aber nicht um die Zukunft der Bahn und um die Mitarbeiter zu kümmern. Die Führungsebene des Konzerns wiederum argwöhnt, dem GDL-Chef sei gar nicht an konstruktiven Tarifverhandlungen gelegen - sondern an der medienwirksamen Eskalation. Dies sei der Mitgliederstatistik seiner Gewerkschaft zuträglich, die sich in einem empfindlichen Konkurrenzkampf mit der EVG befindet.

Es ist bereits der zweite Versuch der Bahn, Streiks in den kommenden Wochen kleinzuhalten. Zunächst hatte sie der GDL vorgeschlagen, mithilfe von Konfliktberatern nach einer friedlichen Lösung der Tarifrunde zu suchen. In diesem Zuge sollte sich die Gewerkschaft auch verpflichten, bis nach den Feiertagen nicht zu streiken. Für den Übergang sollten die Beschäftigten eine Inflationsprämie von 1500 Euro erhalten. Weselsky hatte dies allerdings abgelehnt - wohl auch, weil er sich sein wirksamstes Druckmittel nicht nehmen lassen wollte.

Die Auseinandersetzung mit der GDL ist bereits der zweite große Tarifkonflikt bei der Bahn in diesem Jahr. Nach zähen, etwa fünfmonatigen Verhandlungen hatte das Unternehmen im August eine Einigung mit der EVG erreicht. Nach einer Schlichtung hatten sich beide Seiten auf eine Entgelterhöhung von 410 Euro und 2850 Euro Inflationsprämie geeinigt. Auch in anderen Branchen - etwa im öffentlichen Dienst und bei der Post - hat es in den vergangenen Monaten heftige Tarifauseinandersetzungen gegeben. Das liegt vor allem an der hohen Inflation, ihretwegen dringen die Gewerkschaften stärker als sonst auf deutliche Lohnsteigerungen - und viele Arbeitnehmer zeigen sich bereit, dafür zu streiken.

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