Süddeutsche Zeitung

NFL in Frankfurt:"Sie haben das Spiel wirklich verstanden"

Nach dem ersten von zwei American-Football-Spielen der NFL in Frankfurt loben die Protagonisten aus den USA das deutsche Publikum und wünschen sich eine baldige Rückkehr. Nur der Sender RTL hat noch so seine Startschwierigkeiten.

Von Christoph Leischwitz

Zwei Stunden nach dem Spiel war der Frankfurter Hauptbahnhof immer noch belagert, die Besucher aus ganz Europa und den USA erfuhren am eigenen Leib, dass die deutschen Züge oft nicht so schnell abfahren wie geplant. Doch viele nahmen es mit Humor, die Anhänger der Kansas City Chiefs stimmten einen Gesang namens "Tomahawk Chop" an, die lang gezogenen Oooooohs erfüllten die hohe Halle - eine Melodie übrigens, die das Zeug hat, es bald auch in deutsche Fußballstadien zu schaffen.

Am vergangenen Sonntag hatte die US-Profiliga NFL zum zweiten Mal ihre Spiel-Idee nach Deutschland gebracht, sie war auch diesmal wieder sehr gut angekommen. Es ging im Stadion phasenweise lauter zu als knapp ein Jahr zuvor beim Spiel in München, was ausnahmsweise nichts damit zu tun hat, dass die Fans in München per se nicht so laut sind, beide Male kamen die Zuschauer ja von überall her. Es war schon eher so, dass der Lärm im Stadion der Chiefs eine Art Markenzeichen ist. Und die deutschen Fans wollten das gerne nachahmen. Durchaus möglich, dass Tua Tagovailoa gleich im ersten Spielzug der Miami Dolphins auch deshalb eine Auszeit nehmen musste, weil es so laut war.

Im Stadion war stark zu spüren, dass es in erster Linie um den Sport ging

Viel war vor dem Spiel der Chiefs gegen die Miami Dolphins geschrieben worden über den Besuch von Taylor Swift, der letztlich nicht stattfand. Über die Spieler, die in Frankfurt auf Shoppingtour gingen. Oder auch darüber, dass nur Fans mit Ticket die Chance bekamen, Merchandise neben dem Stadion einzukaufen. Schnell entstand der Eindruck, deutsche Fans interessiere nur das Brimborium. Doch im Stadion war stark zu spüren, dass es in erster Linie sehr wohl um den Sport ging. Wer sowohl den gegnerischen Quarterback als auch die TV-Reporter aus den USA beeindruckt, der ist nicht einfach nur dabei, sondern fühlt sich als Teil des Ganzen.

Und so mögen sich viele extravagant angezogen und auch sich selbst gefeiert haben, doch am wichtigsten war es trotzdem, Patrick Mahomes live zu erleben. Mahomes ist einer der bestbezahlten Spieler der NFL, der besondere Fähigkeiten hat, und vor allem: Er ruft diese Fähigkeiten seit Jahren regelmäßig ab. Eintagsfliegen gibt es auch in der NFL viele, zweifache Super-Bowl-Champions wie Mahomes nicht. Seine Stärken blitzten in Frankfurt zwar nur phasenweise auf, doch sie waren sichtbar, nicht über einen Flatscreen, sondern eben live: wie der Quarterback in brenzligen Situationen trotzdem irgendwie noch einen präzisen Pass loswurde; wie er selbst durch die Gegner Slalom lief, wenn kein Passempfänger frei war, kurz: wie er einem Spiel seinen Stempel aufdrückte.

Diesmal bedankte sich der 28-Jährige aber auch bei seiner Abwehr, die einen Touchdown zum 21:14-Sieg beigetragen hatte und den ebenfalls recht einzigartigen Dolphins-Spielmacher Tagovailoa oft in Schach hielt wie einen eingeklemmten König. Und Mahomes bedankte sich, durchaus glaubwürdig, bei den Fans: "Man merkt, dass sie hier regelmäßig Football schauen. Sie haben das Spiel wirklich verstanden." Mahomes ließ auch durchscheinen, dass Spieler wie er den langfristigen Plan der NFL für selbstverständlich nehmen, dass es weiter regelmäßig Spiele in Europa geben wird. "Ich hoffe, ich darf nochmal hierherkommen. Ich hoffe, Clark ergreift die Gelegenheit, wenn sie sich bietet." Clark Hunt ist der Besitzer der Chiefs, die eine Kooperation mit dem FC Bayern München pflegen.

Der Plan, mit Sängerin Taylor Swift mehr Publikum abzuholen, geht wohl nicht auf

Und auch die Dolphins waren sehenswert. Quarterback Tagovailoa ist zurzeit der einzige Linkshänder auf dieser Position in der NFL. Das ist bedeutsam, weil dadurch das komplette Offensivspiel eines Teams quasi auf links gedreht wird, und damit freilich auch das Defensivspiel des Gegners. Noch dazu hat "Tua" in Tyreek Hill einen Passempfänger, der die 100 Meter schon unter zehn Sekunden gelaufen ist - der frühere Chiefs-Spieler erwischte gegen sein altes Team aber einen denkbar schlechten Tag. Als Oliver Pocher in der Live-Übertragung bei RTL die eher ahnungslose Frage gestellt bekam, woher eigentlich dieser ganze Hype rund um Football komme, antwortete dieser lapidar, dass man halt die Besten erleben wolle.

Es scheint ratsam, dass RTL dies nochmal so deutlich gesagt bekommt. Die meisten Reporter und Experten zogen mit um, als RTL vergangenes Jahr eine sieben Jahre währende Ära bei ProSiebenSat1 beendete. Football-Anchorman Patrick Esume weiß, dass er bei aller Show auch Stoff bieten muss, und so erklärte er vor dem Kickoff am Sonntag zum Beispiel auch noch die Besonderheit von Tuas Würfen mit links. Doch der Sender räumte dem Thema Taylor Swift deutlich mehr Zeit ein, und dieser Plan, damit ein neues Publikum abzuholen, scheint nicht aufzugehen. Zwar feierte RTL die Einschaltquoten, bis zu 1,5 Millionen sahen zu, 7,8 Prozent Marktanteil, 39 Prozent unter Männern zwischen 14 und 29 Jahren. Doch damit erreichte RTL nicht die Zahlen des München-Spiels bei ProSieben, damals sahen in der Spitze 200 000 Menschen mehr zu, die Marktanteile waren höher.

Zumindest der TV-Markt scheint also nicht mehr zu wachsen. Aufschlussreich werden die Zahlen beim kommenden Spiel am Sonntag zwischen New England und Indianapolis sein: diese Teams werden aktuell von keinen Nicht-Football-Stars flankiert, sie haben wenig Chancen auf die Playoffs im Januar, es ist ein Spiel für echte Football-Nerds.

Von denen wird es aber nach Spiel eins in Frankfurt schon ein paar mehr geben, Polizeihauptkommissar Sebastian Müller etwa. Der hatte vor dem Spiel über die Stadionlautsprecher eine Ansage gemacht und mit den Worten geschlossen: "I wish you a lot of homeruns." Er meinte Touchdowns, Homeruns kann man sich nur beim Baseball wünschen. Gut möglich, dass dies ein absichtlicher, selbstironischer Versprecher war. Bei den Deutschen weiß man oft nicht so genau, wie gut sie sich jetzt auskennen.

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SZ/koei/schm
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