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EM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich:Acht zu null

Lesezeit: 6 min

Torverhältnis, Stimmung, Historie: Wenn Deutschland und Frankreich am Mittwoch um den Einzug ins EM-Finale spielen, spricht sehr viel für das DFB-Team. Allerdings auch einiges für Frankreich. Ein Vergleich mit zwei Jokern.

Von Anna Dreher, London

An diesem Mittwoch, 21 Uhr, treffen Deutschland und Frankreich in Milton Keynes im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft aufeinander. Ein entscheidender Faktor für Sieg oder Niederlage könnte Sara Däbritz werden. Auf dem Feld, klar, aber die deutsche Mittelfeldspielerin bringt zudem Insiderwissen mit: Seit 2019 spielte sie drei Jahre lang für Paris Saint-Germain, diesen Sommer wechselt sie nach Lyon. Klarer Vorteil Deutschland. Allerdings muss die DFB-Elf auf die bisherige Stammspielerin Klara Bühl verzichten, deren Corona-Test am Dienstag positiv ausfiel. Was sonst für oder gegen beide Teams spricht: ein Vergleich.

Was bisher geschah

Das DFB-Team hat als einziges im EM-Verlauf noch kein Gegentor kassiert. Eine starke Leistung. Doch wie reagieren die Spielerinnen, sollten sie - nur mal so hypothetisch - in Rückstand geraten? Dieses Gefühl kennen die Deutschen gerade ja gar nicht mehr. 4:0 gegen Dänemark, 2:0 gegen Spanien, 3:0 gegen Finnland, 2:0 gegen Österreich - egal wie brenzlig es war, an Torhüterin Merle Frohms kam der Ball nicht vorbei. Dass dabei drei Mal Pfosten und Latte halfen, wissen nur noch die Österreicherinnen. Zur besten Abwehr des Turniers kommt die zweitbeste Offensive, mehr Tore hat nur Gastgeber England (16) erzielt.

Die Französinnen sind in dieses Turnier mit einem furiosen 5:1 gegen Italien gestartet, danach ließ der Rausch nach: 2:1 gegen Belgien, 1:1 gegen Island, 1:0 gegen die Niederlande. Nun stehen sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte in einem EM-Halbfinale. Das könnte den nötigen Schub geben. Bei zuletzt 120 Minuten Spielzeit und zwei Tagen weniger Pause haben sie einen Energie-Nachteil. Bisher mussten sie nie reisen, alle ihre Partien fanden in Rotherham statt. Die Deutschen kennen das Stadion von Milton Keynes immerhin noch aus dem Gruppenspiel gegen Finnland - ein kleiner Heimvorteil.

Die Stimmung

Dass es bei den Deutschen so geschmeidig läuft, hat auch damit zu tun, wie gut sich alle verstehen. Auf das Viertelfinal-Aus bei der WM 2019 folgte eine intensive und konstruktive Auseinandersetzung. Wie gespielt und trainiert und kommuniziert wurde, sollte sich verändern. Nicht zuletzt die Vorbereitung im Juni in Herzogenaurach war für die Harmonie im Team wichtig. Nun wirken Coaches und Spielerinnen wie eine Einheit, was aber natürlich einfacher ist, wenn man gewinnt. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat das nötige Talent in ihren Reihen, um ihre Ideen umzusetzen. Streichelzoo-Atmosphäre herrscht im Quartier aber nicht: Wer beim Kartenspielen trickst oder beim Wurf zu nah an der Dartscheibe steht, kassiert böse Blicke.

Die Konflikte ihrer Gegnerinnen hätten die Französinnen wohl gerne. Soviel bekannt ist, haben Les Bleues in der jüngeren Vergangenheit atmosphärisch ein, nun ja, eigenes Level erreicht. Nationaltrainerin Corinne Diacre eilt der Ruf der strengen Zuchtmeisterin voraus, die Beziehung zum Team galt lange nicht als die beste; Streitereien wurden auch über die Öffentlichkeit ausgetragen. Auf Rekordtorschützin Eugénie Le Sommer und Mittelfeldmotor Amandine Henry hat Diacre verzichtet, Torhüterin Sarah Bouhaddi hat von selbst abgelehnt. Das löste Kontroversen aus, verbesserte womöglich aber das Binnenklima, weil allein schon Diacre mit diesen Dreien nicht gut auskam. Zur EM hat sich das Team zusammengerauft - notdürftig oder nachhaltig, das ist die Frage.

Die Torschützinnen

Alexandra Popp hat bereits ein Kunststück geschafft. Erste EM mit 31 Jahren - und ein Tor in jedem Spiel, drei Mal per Kopf, ihre Spezialität. Damit ist sie die erste Fußballerin, die in vier EM-Partien in Serie im selben Turnier getroffen hat. Entscheidend für ihren Lauf, sagt Popp, sei ihr Treffer zum 4:0-Endstand beim Auftaktsieg gegen Dänemark gewesen, weil der "diese ganze Energie entfacht" habe.

Frankreichs beste Torschützin dieser EM, Grace Geyoro, hat ebenfalls direkt im ersten Spiel getroffen, kommt aber auf ein Tor weniger als Popp. Ihre Treffer hat sie alle mit dem rechten Fuß erzielt, alle beim 5:1 gegen Italien. Als Torjägerin eingeplant ist eigentlich Marie-Antoinette Katoto gewesen, doch die Mittelstürmerin zog sich in der Gruppenphase eine Verletzung zu und muss nun zuschauen.

Die Influencerinnen

Bei der WM 2019 stieg der Bekanntheitsgrad von Giulia Gwinn steil an. Eine Untersuchung will herausgefunden haben, dass die 23-Jährige im Sommer vor drei Jahren 726 Prozent Follower auf Instagram dazu gewonnen hat - 134 000 waren es nach dem Turnier. Darüber kann Gwinn inzwischen lächeln, nun interessieren sich 336 000 dafür, was sie so teilt: Urlaubseindrücke, Fotoshootings, Bilder mit Ball auf dem Rasen sowie zum Beispiel mit Nahrungsergänzungsmitteln, für die sie wirbt.

So ähnlich gestaltet sich das Profil von Sakina Karchaoui, die wiederum über die Follower-Zahl von Gwinn müde lächeln kann. Der Französin folgen mehr als 600 000 Menschen. Mit Abstand führt sie diese Kategorie auch in ihrem eigenen Team an. Sie zeigt sich mit mehr Fokus auf den Fußball, hat aber natürlich - wie es sich für eine Influencerin gehört - Sponsoring-Deals, die Karchaouis Nebenberuf sehr lukrativ machen dürften. Für noch mehr Anhänger wäre ein Finaleinzug ganz vorzüglich.

Die Duelle

20 Begegnungen gab es bisher, davon gewannen die DFB-Frauen elf, die Französinnen fünf. Das erste Spiel gegeneinander fand 1987 statt, Deutschland gewann 2:0, das erste Tor schoss Martina Voss, damals noch nicht verheiratet mit Hermann Tecklenburg. Alle vier Partien bei Europa- und Weltmeisterschaften haben die Deutschen gewonnen.

Die Bildschirmpräsenz

9,5 Millionen Menschen haben sich am Donnerstagabend den Sieg der Deutschen gegen Österreich im Fernsehen angeschaut, so viele wie noch nie bei einem EM-Spiel. Die erfolgreichste Sendung des Tages war das Viertelfinale noch dazu, der Marktanteil betrug 38,2 Prozent. Beim Auftakt gegen Dänemark schalteten 5,95 Millionen ein, bei der zweiten Partie gegen Spanien waren es 8,02 Millionen, gegen Finnland zum Abschluss der Gruppenphase 5,76 Millionen.

Da kann Frankreich nicht ganz mithalten. Laut der Sporttageszeitung L'Equipe interessierten sich 5,1 Millionen Menschen für das Viertelfinale gegen die Niederlande, das auf TF1 und Canal+ gezeigt wurde. Zuvor waren es beim ersten Spiel gegen Italien 4,95 Millionen, gegen Belgien 4,5 und gegen Island 4,3. Die Nationalspielerinnen interessieren die Franzosen aber durchaus, die Bestmarke wurde 2019 bei der Heim-WM gesetzt: Mit zwölf Millionen Zuschauern beim Achtelfinale gegen Brasilien.

Die Rekordspielerinnen

Bei diesem Vergleich hat Deutschland den Super-Joker im Ärmel: Birgit Prinz. Die 44-Jährige ist mit 214 Länderspielen und 128 Toren im europäischen Fußball unerreicht, bei Frauen wie Männern. Ihr französisches Pendant Sandrine Soubeyrand kommt auf 198 Partien und 17 Tore. Die 48-Jährige ist mittlerweile erfolgreiche Fußballlehrerin, wurde mit Paris FC Dritter der Division 1, qualifizierte sich somit für die Champions League, woraufhin sie als Trainerin des Jahres ausgezeichnet wurde. Soubeyrand war bei ihrem letzten EM-Spiel 39 Jahre, elf Monate und sechs Tage alt. Sie hält damit den Altersrekord. Prinz ist mit fünf Titeln Rekord-EM-Siegerin, EM-Rekordspielerin (23 Partien) und EM-Rekordtorjägerin (zehn Treffer, genauso viele wie Inka Grings) und vielleicht irgendwann Rekord-EM-Sportpsychologin. Die Position nimmt sie aktuell zum zweiten Mal nach der WM 2019 im Trainerstab von Voss-Tecklenburg ein.

Die Größte

Größe kann man auf zwei Arten interpretieren. Auf Wendie Renard treffen beide Bedeutungen zu: Sie ist mit 1,87 Metern die Längste - und extrem erfolgreich, was den Klubfußball betrifft. Mit Lyon hat die 32-Jährige acht Mal die Champions League, neun Mal den Pokal und 15 Mal die Meisterschaft gewonnen. Chapeau! Dass den Französinnen noch ein Titel fehlt, obwohl sie mit Renard eine Abwehrspielerin haben, die die Bälle vor dem eigenen Tor verlässlich raus- und energisch ins gegnerische Tor reinköpft (33 Treffer in 135 Länderspielen), piesackt diese ehrgeizige Fußballerin wahrscheinlich selbst am allermeisten.

Auf Renard, Spitzname "Kontrollturm", aufzupassen, wird für die DFB-Auswahl schwer. Im deutschen Team kommen ihr Almuth Schult und Ann-Katrin Berger mit je 1,80 Metern am nächsten, nur sitzen sie als Ersatztorhüterinnen auf der Bank. Merle Frohms, die Nummer eins, misst 1,75 Meter, wächst aber dank ihrer Sprungkraft verlässlich über sich hinaus. Alexandra Popp ist 1,74 Meter groß - und wird mit ihrem exzellenten Kopfballspiel vermutlich gegen Renard in die Luftduelle gehen müssen.

Die Mischung

In beiden Teams gibt es zwei größere Blöcke. Im 23-köpfigen DFB-Kader stehen zehn Spielerinnen beim VfL Wolfsburg und sechs beim FC Bayern unter Vertrag. In machen Mannschaften führt das zu Rivalitäten. Aus dem deutschen EM-Lager 2022 sind dagegen keine Misstöne zu hören. "Ich glaube, der Vorteil liegt darin, dass diese Vereinsblöcke sich untereinander sowieso sehr gut verstehen und sich sehr gut kennen", sagt die Wolfsburgerin Lena Lattwein. "Spielzüge und Automatismen sind schon drin."

Von den Spielerinnen in den blauen Jerseys spielen je fünf bei Olympique Lyon und Paris Saint-Germain. Hier sollen die Fronten in der Vergangenheit ziemlich verhärtet gewesen sein. Nun sind die drei Lyon-Spielerinnen Le Sommer, Henry und Bouhaddi nicht dabei (siehe oben). Und zumindest fußballerisch sind bisher kaum Verständigungsprobleme erkennbar.

Die Turnierbilanz

Der nächste Super-Joker: Deutschland gewann die Europameisterschaften 1989, 1991, 1995, 1997, 2001, 2005, 2009 und 2013; Frankreich noch nie.

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