Süddeutsche Zeitung

Formel 1:Vettel regt Spekulationen an

Auf die Frage nach seiner Zukunft in der Formel 1 vermeidet der viermalige Weltmeister vor dem Großen Preis von Italien eine klare Antwort. Beruhigung bringt erst sein Teamchef.

Von Anna Dreher, Monza

Die Antwort von Sebastian Vettel verwunderte etwas. In dieser Woche ist viel passiert in der Formel 1, was die Besetzung der Cockpits für kommende Saison angeht. Am Montag gab Alfa Romeo die Verpflichtung von Valtteri Bottas bekannt, am Dienstag stellte Mercedes George Russell als dessen Nachfolger vor. Den Platz des 23-jährigen Briten bei Williams wird Red-Bull-Reservefahrer Alex Albon einnehmen, was am Mittwoch publik gemacht wurde. Außerdem verlängerte AlphaTauri die Verträge von Pierre Gasly und Yuki Tsunoda. Dass Mick Schumacher und Nikita Masepin bei Haas verbleiben, gilt als ausgemacht. Alle anderen Fahrer sind ohnehin längerfristig gebunden. Damit wäre einzig offen, wer der künftige Teamkollege von Bottas wird. Oder nicht?

"Keine News von meiner Seite. Ich glaube, wir werden dazu sehr bald mehr sagen", sagte Vettel vor dem Großen Preis von Monza auf seine Zukunft in der Formel 1 angesprochen. "Ich habe nie viel über Verträge gesprochen. Tut mir leid, ich kann keine Details sagen." Die Gespräche zwischen ihm und Aston Martin würden noch andauern. Eine offizielle Verkündung zur Laufzeit des Vertrages gab es nicht, dieser soll jedoch mehrjährig abgeschlossen worden sein. Als Lewis Hamilton im Juli bei Mercedes bis 2023 verlängerte, twitterte Aston Martin: "Two more years of Sewis", noch zwei Jahre Sebastian und Lewis. Geht es also nur um Kleinigkeiten, um Anpassungen? Oder überlegt der 34 Jahre alte Vater von drei Kindern gar, seine Karriere zu beenden und die Sache ist deshalb nicht längst geklärt?

Das beschäftigte das Fahrerlager auch in Monza, bis schließlich Teamchef Otmar Szafnauer das Brodeln der Gerüchte beruhigte. Als "absoluten Unsinn" bezeichnete er kolportierte Spannungen bei den Vertragsgesprächen. "Wir haben keinen Plan B, er hat keinen Plan B", sagte Szafnauer in einer Medienrunde am Samstagabend. Es gehe darum, Details der beidseitig vorhandenen Optionen zu verhandeln, bis die Deadline dafür ablaufe: "Ich denke, bevor das passiert, werden wir etwas bekannt geben."

Vettel hat mit dem Titelkampf auch in diesem Jahr nichts zu tun

Die Frage nach einem Abschied kreiste schon 2020 um Vettel. Sechs Saisons ist er für Ferrari gefahren. Die einst so verheißungsvoll gestartete Liaison mit dem Ziel, gemeinsam Weltmeister zu werden, war am Ende zerrüttet. Die Trennung verlief unruhig und unschön. Nach vielen Spekulationen gab Vettel vor einem Jahr ausgerechnet vor den Feierlichkeiten anlässlich des 1000. Grand Prix der Scuderia in Mugello bekannt, dass er künftig für Aston Martin - damals noch Racing Point - fahren werde. "Ich trage noch so viel Liebe für die Formel 1 in mir, und meine einzige Motivation ist es, an der Spitze des Feldes zu fahren", sagte er damals.

Nur kann Vettel das im AMR21 nicht konstant tun. In Monaco, Baku und Spa zeigte er als Fünfter, Zweiter und Fünfter starke Leistungen. Im Gesamtklassement aber liegt der Heppenheimer vor dem Grand Prix am Sonntag (15 Uhr, Sky/RTL) lediglich auf Rang zwölf mit 35 Punkten. Der WM-Führende Max Verstappen kommt im Red Bull auf 226,5 Zähler, Vettels einst größter Titelkonkurrent Lewis Hamilton (Mercedes) hat 221,5 gesammelt. In Monza gewann Vettel 2008 mit Red Bull zum ersten Mal ein Rennen in der Formel 1, was ihn im Alter von 21 Jahren und 73 Tagen zum jüngsten Grand-Prix-Sieger machte. Nun geht es für ihn darum, zumindest in die Punkte zu kommen - er wird als Elfter starten.

So vage er dieser Tage in Sachen Zukunft geblieben ist, betonte der Aston-Martin-Pilot zugleich, dass er sich keine Sorgen mache: "Ich mag es wirklich, mit dem Team zu arbeiten. Die Atmosphäre ist gut." Dass er im Gegensatz zu Szafnauer dennoch kein deutlicheres Bekenntnis äußerte, brachte zumindest vorübergehend Vermutungen auf, dass womöglich nicht alles wunderbar sein könnte. Neben einem konkurrenzfähigen Auto war es bei seinem Wechsel von Ferrari zu Aston Martin aber vor allem darum gegangen: sich endlich wieder wohl zu fühlen in einem Team, um so Bestleistungen abrufen zu können.

Vettel ist als viermaliger Weltmeister auch bei zuletzt ausbleibendem Erfolg in Rot wie in Grün eine der zentralen Figuren der Formel 1 geblieben, als solche hat er sich in diesem Jahr weiterentwickelt und etabliert. Neben Hamilton positioniert er sich gesellschaftspolitisch am klarsten und untermauert seine Aussagen mit Handlungen.

Er fliegt inzwischen Linie statt Charter, an die Strecke kommt Vettel meist mit dem Rad. In einem Spiegel-Interview hat er bekannt, bei der diesjährigen Bundestagswahl die Grünen wählen zu wollen. In Österreich baute Vettel ein Bienenhotel mit Schulkindern, in Silverstone sammelte er nach dem Grand Prix mit Helfern Müll von den Tribünen ein. In Monza erzählt er, dass er diese Woche zur Eröffnung einer Kohlenstoffdioxid-Filteranlage in Island gewesen sei: "Sie fängt CO2 aus der Luft ein und speichert es in der Erde. Ich glaube, um vorwärts zu kommen, brauchen wir Lösungen wie diese. Ich bin sehr interessiert an diesem Bereich und möchte Teil davon sein." Menschenrechte und Gleichberechtigung sind ihm ebenso ein Anliegen. In Budapest trug er aus Protest gegen das LGBTQ+-feindliche Zensurgesetz der ungarischen Regierung Regenbogenfarben auf Schuhen, Helm, Maske sowie T-Shirt und sagte: "Ich finde es peinlich für ein Land, das in der EU ist, solche Gesetze zu haben oder darüber abzustimmen."

Hamilton zieht seine große Motivation weiterzumachen daraus, zum achten Mal Champion werden zu können. Das hat vor ihm noch niemand in der Königsklasse geschafft. Vettel will womöglich abermals zeigen, dass mehr in ihm steckt als Mittelklasse. 2022 stehen Reglementänderungen an, die womöglich in Kombination mit der Budgetobergrenze das Kräfteverhältnis neu mischen. Und er weiß natürlich, dass seine Strahlkraft als Formel-1-Fahrer wesentlich größer ist als nach einem Karriereende.

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