Süddeutsche Zeitung

Front National:Marine Le Pens Erfolg bedroht ganz Europa

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Brüssel und Berlin konzentrieren sich auf den drohenden Graccident. Dabei stellen Marine Le Pen und ihr Front National eine viel größere Gefahr dar. Wird die falsche Jeanne d'Arc französische Präsidentin, wäre das der Ruin Europas.

Kommentar von Christian Wernicke

Geht uns in Deutschland das was an? Gerade mal jeder zweite Franzose hat sich am Sonntag aufgerafft, um bei den Départements-Wahlen seine Stimme abzugeben. Und erschreckend viele von ihnen - jeder Vierte - stimmten für den rechtspopulistischen Front National, diese ebenso ausländerfeindliche wie Euro-phobe Partei. Egal? Nein, überhaupt nicht.

Der Vormarsch der Rechten in Frankreich berührt auch Deutschland.

Er mag weniger drastisch ausgefallen sein als befürchtet. Aber er ist dramatisch - und er erschüttert das Fundament jenes Gebäudes, das man gern das gemeinsame europäische Haus nennt. Frankreich wankt. Wirtschaftliche Schwäche, sozialer Frust und politischer Furor treiben unsere Nachbarn seit Jahren in die Arme einer Bauernfängerin.

Le Pen bedient sich auch bei der Linken, um gegen Kapitalismus zu wettern

Marine Le Pen, eine begnadete Populistin, prangert an, was Konservative (UMP) und Sozialisten (PS) an ungelösten Problemen aufgetürmt haben. Um wirkliche Lösungen kümmert sie sich nicht. Ihr genügt, die seit Jahrzehnten regierenden Parteien als "das System" zu schmähen, das das Volk verrät. Der Gipfel aller Verschwörung, so macht diese falsche Jeanne d'Arc täglich glauben, sei jedoch, dass die "classe politique" in Paris ihre einst stolze Nation einer fremden Macht ausgeliefert habe - der Herrschaft von EU und Euro, dem "kalten Monster" von Brüssel.

Das verfängt. Le Pen kommt von Rechtsaußen - aber sie bedient sich bei der Linken, um ihre Reden gegen Kapitalismus und Ultraliberalismus zu befeuern. Offene Grenzen, freier Handel und Wettbewerb, die gemeinsame Währung - all das verdammt sie. Die FN-Chefin klingt, als sei sie bei Karl Marx und nicht bei ihrem Vater Jean-Marie in die Lehre gegangen, einem wegen antisemitischer Hetze wiederholt verurteilten Poltergeist.

Europas Extreme, rechte wie linke, vereint dieselbe marktfeindliche, anti-europäische Ideologie. Der Front National propagiert en français, was Syriza auf Griechisch verbreitet. Oder was Podemos, das neue Linksbündnis in Spanien, in den Straßen von Madrid skandiert: dass die Völker im Namen Europas darben müssen, weil Brüssels Austeritätspolitik die Massen ins Elend treibe. Im Norden der EU sind es meist rechte Volkstribune, die auf diese Weise die Verlierer von Globalisierung und Binnenmarkt einfangen. Im Süden gelingt es der Linken, Europas Proletariat und Prekariat um sich zu scharen.

Ihr gemeinsamer Zorn zielt auf Berlin, den neuen Hegemon

Ihre Klage, ihr gemeinsamer Zorn zielt auch auf Berlin. Auf den neuen Hegemon des Kontinents, den Export-Europameister und vermeintlichen Krisengewinnler. In Griechenland und auf der iberischen Halbinsel mobilisiert die radikale Linke ganz offen mit anti-deutschen Ressentiments. Das Antlitz von Angela Merkel ist das Feindbild, ihrem Sparminister Wolfgang Schäuble zeigen die Menschen hundertausendfach den Stinkefinger.

Marine Le Pen, Europas schillerndste Rechtsextreme, ist da zwar vorsichtiger. Schließlich weiß sie, wie eifersüchtig viele ihrer Landsleute auf das "deutsche Modell" schauen. Aber den Neid, der da gärt, den macht sich die FN-Vorsitzende zunutze: EU und Euro nur noch Berliner Interessen. Merkels Politik mache die Deutschen verhasst - und riskiere die "Explosion der EU".

Der Front National träumt vom allmächtigen Gevatter Staat

Sicher, Berlin und Brüssel haben Fehler begangen in den Jahren der Euro-Krise. Auch anerkannte Ökonomen bezeugen das: Ein drastischerer Schuldenschnitt, sozialer dosierte Sparprogramme sowie jetzt ein kräftiges Programm zur Ankurbelung auch deutscher Investitionen - darüber streiten auch Vernunftpolitiker.

Nur, das ist nicht, was dem Front National vorschwebt. Marine Le Pen träumt von einem allmächtigen Gevatter Staat, der allen alles beschert: Mindestlöhne von 1500 Euro, Rente mit 60, billigeres Benzin. Finanziert wird dieses Scheinprogramm, indem man (so verfassungswidrig wie unmenschlich) fremden Einwanderern die Sozialleistungen streicht - und sämtliche Einfuhren mit einer dreiprozentigen Importsteuer belegt. Krönung dieses national-sozialen Marsches vorwärts in die Vergangenheit wäre der Austritt aus dem Euro.

Es stimmt, Berlin und Brüssel haben zur Zeit dringlichere Sorgen. Momentan geht ein anderes Gespenst um in Europa: die Angst vorm "Graccident", einem griechischen Euro-Crash. Mit Marine Le Pen jedoch droht ein viel größeres Problem. Diese Frau, die Frankreichs Krise politisch geschickt ausbeutet, will 2017 Präsidentin werden. Und sie träumt von der Rückkehr zum französischen Franc. Das wäre ökonomischer Irrsinn, Frankreich würde innerhalb weniger Monate einen "Francott" erleiden - den Bankrott der Nation. Politisch wäre es, wenn es wirklich so käme, der Ruin von ganz Europa.

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SZ vom 23.03.2015/sks
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