Süddeutsche Zeitung

Oktoberfest-Anstich:Wiesn-Kuscheln statt kämpfen

Im Jahr vor der Kommunalwahl wird der Oktoberfest-Anstich zum politischen Termin. Der Oberbürgermeister legt einen Frühstart hin, seine Herausforderinnen müssen sich beweisen - und der Ministerpräsident wird ausgebuht.

Millionen Besucher wuseln jedes Jahr über die Festwiese, vorbei an Fahrgeschäften und bunten Lebkuchenherzen. Millionen Liter Bier fließen. Unzählige Male spielen die Kapellen "Ein Prosit". Aber bevor das alles richtig losgeht, wird es kurz ruhig, und alles wartet auf einen: Dieter Reiter. Der Münchner Oberbürgermeister ist im Schottenhamel-Festzelt fürs Anzapfen zuständig und damit dafür, dass es auf der ganzen Wiesn überhaupt Bier geben kann.

Man schaut dieses Jahr ganz besonders intensiv hin, weil die Kommunalwahl ansteht und Reiter mit seiner Münchner SPD wiedergewählt werden will. Es gibt Menschen, die die größte Bedeutung darin sehen, wie er sich auf der Wiesn macht. Er könnte durchaus in der Wählergunst sinken, wenn er sich beim Anzapfen blöd anstellt. Reiter stellt sich nicht blöd an. Zwei Schläge braucht er, dann fließt das Bier. Er hat Übung, hat die Schläge in den vergangenen sechs Jahren optimiert, bis er sich bei der Zahl zwei eingependelt hat.

Traditionell wird im Zelt kurz vor Anstich runtergezählt, Reiter legt allerdings einen Frühstart hin und ist schon fertig, bevor die Masse im Zelt bei der eins angekommen ist. "Ozapft is! Auf eine friedliche Wiesn!", ruft er ins Mikrofon, vergangenes Jahr hatte er den letzten Teil weggelassen. Legendär wurde sein "scheiß drauf, wurscht" beim ersten Anzapfen. Diesmal bleibt alles beim Standard.

Die erste Mass bekommt traditionell der Ministerpräsident, und dass der Markus Söder (CSU) heißt, daran hat man sich mittlerweile gewöhnt. "Anzapfen kann er", hat Söder dem OB kurz vor dem Anstich attestiert. Zwei bis drei Schläge sagte er voraus. Ansonsten ziert sich Söder mit Prognosen, etwa zur Kommunalwahl 2020. Ja, eine Frau als Münchner Oberbürgermeisterin könne er sich vorstellen. Auf die Frage, ob es wohl eher ein grünes oder eher ein schwarzes Dirndl werde, sagt Söder: "Wir von der CSU haben Dirndl in vielen verschiedenen Farben."

Die Sympathien im Zelt sind an diesem Tag klar verteilt: Als Söder vom Moderator begrüßt wird, geht ein leises Buh durchs Zelt. Reiter selbst zeigte sich selbst kurz vor dem Anstich entspannt. Zwei Schläge waren sein Ziel, "man darf sich nicht verschlechtern", sagte er. Für die anstehende Wahl dürfte das auch gelten. Aber dazu sagt Reiter nichts.

Seine beiden Konkurrentinnen um das Amt, Kristina Frank von der CSU und Kathrin Habenschaden von den Grünen, sind natürlich auch da. Frank wird als erste im Zelt gesichtet. Katrin Habenschaden stand bis kurz vor dem Anzapfen sehr entspannt draußen am Absperrband vor dem Haupteingang und begrüßte einen Gast nach dem anderen. Wüsste man es nicht besser, hätte man sie für die Hausherrin im Schottenhamel halten können. Später am Tisch der Grünen ist die Stimmung bei der OB-Kandidatin sehr gut, sie lässt sich mit ihrer ersten Mass fotografieren. Bestimmt eine gute Stärkung nach der Klima-Demo gestern, da lief Habenschaden mit vielen anderen durch München.

Geht man nur nach den Eindrücken, die man am ersten Wiesn-Tag im Schottenhamel-Festzelt sammeln kann - wo doch ziemlich viele Köpfe aus der Münchner Kommunalpolitik herumschwirren - könnte das Motto sein: Kuscheln statt kämpfen. Vermutlich ist das aber einfach der große Wiesnfrieden, den die Politiker einhalten.

Sonst ist vom Wahlkampf nicht allzu viel zu spüren, im Zelt machen überwiegend alle das, was sie sonst auch machen. Um 12.01 Uhr nippt Söder bereits an seinem Bier, er wünscht "eine friedliche Wiesn und dass ein Miteinander in die ganze Welt hinaus geht." Mit Blick auf die stundenlangen Gespräche zum Klimakompromiss der Bundesregierung sagt der CSU-Chef noch: "Bei aller Bedeutung von Koalitionsverhandlungen - Berlin war gestern die Hauptstadt von Deutschland, aber heute ist es München". Keine sonderlich aufgeregte Hauptstadt, möchte man fast ergänzen.

An den Tischen auf der Politiker- und Promi-Empore ist der Wahlkampf natürlich Thema, aber dann doch noch zu weit weg. Man redet über den Verkehr in der Stadt oder, bevor die Themen ausgehen, übers Wetter. Das ist, wie es schöner nicht sein könnte, die Sonne brennt runter, weswegen die Anzapfboxe vor dem Anstich schon fast kochte. "Das schönste Wetter seit zehn Jahren", sagt OB Reiter. Nach dem Anstich muss er Fragen zu seiner Lederhose beantworten. Französische Journalisten wollen wissen, ob er die Pariser Oberbürgermeisterin auch mal einlädt. Reiter arbeitet sich durchs Zelt vor, endlich spielt auch die Musik. Routine für den OB.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4610556
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/mmo
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.