Süddeutsche Zeitung

"Selma" über Martin Luther King:Das FBI ist immer dabei

Lesezeit: 3 min

Geschmäht als "the most notorious liar in the country": Ava DuVernays Film "Selma" erzählt die Geschichte von Martin Luther King. Ein Heldenlied will der Film aber nicht sein.

Von Fritz Göttler

Keine Krawatte, belehrt die Frau ihren Mann - ein Ascot sei das, was sie ihm gerade behutsam um den Hals schlingt, ein edles Seidentuch, wie es angemessen ist für die große Feier. Der Mann, Dr. Martin Luther King, wird den Friedensnobelpreis entgegennehmen in einer feierlichen Zeremonie in Oslo, 1964. Eine Frage des Stils, nicht nur, was den Abend angeht.

Danach, in einem harten Flashback, sieht man vier schwarze Mädchen fröhlich in einem Treppenhaus, eine Explosion - der Anschlag auf die Kirche von Birmingham, September 1963, dem die vier zum Opfer fallen.

Zwei markante Daten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die dann Anfang 1965 in eine entscheidende Phase tritt und versucht, die zugesicherte Beteiligung an den Wahlen, den Zugang zu den Wahlregistern für schwarze Amerikaner endlich durchzusetzen. Die bis dahin durch extrem hohe Gebühren und schikanöse bürokratische Prozeduren verhindert wurde.

Gospel zur Beruhigung

Die Stadt Selma in Alabama wird zum Ort der Gegenaktionen, hier wird ein Protestmarsch gestartet in die Hauptstadt des Staates, Montgomery, und im Zentrum der Aktionen stehen Dr. Martin Luther King und die Southern Christian Leadership Conference.

Das FBI ist immer dabei, gibt den unsichtbaren Dritten, Kings Heim und Büro sind komplett verwanzt. Der FBI-Boss J. Edgar Hoover hasst King, nennt ihn "the most notorious liar in the country", will ihn diskreditieren, diverse Liebesaffären aufdecken. King ist verunsichert, und manchmal sucht er tatsächlich nachts Mahalia Jackson heim, sie muss ihm am Telefon Gospel vorsingen, zur Beruhigung, und um den Spirit wiederzufinden.

Omnipräsente Bilder der Aggression

Ava DuVernay zeigt in ihrem Film "Selma" den alltäglichen Rassismus im Amerika der Sechziger, die brutalen Aktionen, mit denen radikale Weiße Schwarzen auflauern, sie zusammenprügeln, ermorden.

Der erste Marsch von Selma, am 7. März 1965, endet bereits an der Edmund Pettus Bridge vor der Stadt, ein "bloody sunday" - Polizeikräfte stürmen auf die Protestierenden ein, mit Tränengas und Peitschen, zu Pferde, knüppeln sie nieder und drängen sie zurück.

Die Bilder von dieser Aggression werden in ganz Amerika übertragen, weiße Sympathisanten, religiös motiviert zumal, kommen nach Selma und sind beim zweiten Versuch dabei, am 9. März, und auch King (David Oyelowo) ist diesmal da in der ersten Reihe.

Widersprüche, die den Fluss der Geschichte stocken lassen

Diesmal geben die Polizisten an der Brücke die Straße frei. King schaut unsicher, kniet nieder und nach kurzem Gebet machen er und die Marschierenden kehrt. King traut der Staatsgewalt nicht: der "Turn Around Tuesday".

Beim dritten Mal hat dann alles seine Ordnung. Am 15. März spricht Präsident Lyndon B. Johnson vor dem Kongress und kündigt den Voting Rights Act an, emphatisch: "We shall overcome!" Und zwei Tage danach genehmigt der Richter Frank Johnson offiziell den Marsch von Selma nach Montgomery - sehr zum Frust des Gouverneurs von Alabama, George Wallace. Am 21. März zieht man zum dritten Mal los.

Der Film will kein Heldenlied sein - "nicht so dicht, wie Spinat oder Medizin", sagt Ava DuVernay - und rutscht doch immer wieder in die Dynamik des Genres, ins Mitreißende zurück.

Verkauft an Steven Spielberg

Zu seinen Absurditäten gehört, dass die Filmemacher die Reden von Martin Luther King nicht im Wortlaut benutzen durften - sie sind offensichtlich an Steven Spielberg verkauft, der dem Kämpfer ein eigenes filmisches Monument errichten möchte, in seiner Galerie der großen Amerikaner.

Besonders schön sind die Momente, wenn der Film die Widersprüche aufzeigt, die den großen Fluss der Geschichte stocken lassen. Martin Luther King als Taktiker - wir müssen alles richtig machen, erklärt er den Mitstreitern, so wie der Sheriff, solange der seine Verhaftungen diszipliniert durchführt. Eine Frage politischen Stils.

Selbst ein Faustschlag ins Gesicht ist für King taktisch wertvoll

Auch den Präsidenten Johnson, von Tom Wilkinson mit viel Gespür für Akzente im Auftreten verkörpert, instrumentalisiert King, als der die Wahlrechtsfrage lieber ein wenig später behandeln würde. Selbst als ein Rassist ihm beim Einchecken im Hotel einen Faustschlag ins Gesicht verpasst, ist das taktisch wertvoll.

Unter der politischen Erfolgsgeschichte verläuft eine zweite, die eines Mannes in seiner Unsicherheit, seinem Verlangen nach Geborgenheit und Liebe, Momente der Zwiespältigkeit. Hoover ließ Coretta King ein Tonband schicken, mit einer Aufnahme, angeblich von einer Liebeseskapade ihres Mannes. Coretta kann das verkraften. Was ihr vor allem zusetzt, ist die ständige Nähe zum Tod, in der sie lebt, und der Nebel, den diese hervorbringt.

Selma, USA 2014 - Regie: Ava DuVernay. Buch: Paul Webb. Kamera: Bradford Young. Schnitt. Spencer Averick. Mit: David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding, Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Oprah Winfrey, Tessa Thompson. Studiocanal, 128 Minuten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2356468
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.02.2015/jobr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.