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Tipps für den Einkauf von Milch:Weißes Einerlei

Unverträglich, industriell aufbereitet, womöglich mit Schadstoffen belastet: Milch hat derzeit nicht das beste Image. Mit viel Landlust-Romantik versuchen Hersteller gegenzusteuern. Die Bio-Milch aus den Alpen muss doch viel gesünder und schmackhafter sein als das Pendant aus dem No-Name-Karton. Oder etwa nicht?

Mehr als 40.000 Artikel liegen in einem durchschnittlichen deutschen Supermarkt aus. Welche davon taugen etwas? Was nützt, was schadet der Gesundheit? Wie sinnvoll sind Bio-Nahrungsmittel und welche Werbefallen stellt die Lebensmittelindustrie dem Konsumenten? In regelmäßiger Folge bewerten wir hier weitverbreitete Lebensmittel für Sie. Teil 4: Milch.

"Ich vertrage sie nicht." "Sie muss doch voller Hormone und Antibiotika sein." Der Ruf der Milch hat gelitten. Etwa 10.000 Mal pro Monat tippen Deutsche in die Google-Suchmaske die Frage, ob das Grundnahrungsmittel ungesund sei. Der Absatz der als Alternative gehandelten Soja-Milch steigt seit Jahren. Dabei sind sich Experten so einig wie selten: Das weiße Kuhprodukt ist ein wichtiger Teil der Nahrung. Sein bedeutendster Inhaltsstoff ist das Kalzium, das vor allem Kinder zum Aufbau von Knochen und Zähnen brauchen.

Und gerade beim Kalziumgehalt scheint es prinzipiell egal zu sein, ob die Milch frisch oder haltbar ist, ob sie sich mit einem Markennamen ziert oder aus dem schlichten Karton kommt, ob der Liter 60 Cent oder das Doppelte kostet.

Als das Max-Rubner-Institut, das Bundesinstiut für Ernährung, 31 verschiedene Trinkmilch-Varianten von 17 deutschen Molkereien analysierte, fanden die Forscher keinen Unterschied im Kalziumgehalt. Die Frischmilch enthielt etwas mehr Vitamine als die höher erhitzten und damit haltbareren Sorten ESL- und H-Milch. "Für die Ernährung dürfte dies aber keine Rolle spielen", sagt Studienleiter Peter Lorenzen. Auch als die Wissenschaftler Versuchspersonen zum Geschmackstest baten, fanden diese nur minimale Unterschiede zwischen den einzelnen Produkten.

Relevanter für die Ernährung ist der Fettgehalt: Vollmilch enthält mindestens 3,5 Prozent Fett. Eine Tasse Milch bringt es damit auf etwa 150 Kilokalorien, das entspricht einem halben Käsebrötchen. Ernährungsmediziner empfehlen daher, fettreduzierte Milch zu trinken, um den Kalziumbedarf zu decken, ohne allzu viele Kalorien aufzunehmen.

Antibiotika und Hormone - Ist Biomilch gesünder?

Ob vom Biobauernhof oder aus der Massentierhaltung: Die Inhaltsstoffe der Milch unterscheiden sich wenig, sagt Lorenzen. Analysen haben einen höheren Anteil an Omega-3-Fettsäuren in Bio-Milch offenbart. Das liegt am höheren Grasanteil im Futter der Bio-Kühe. Doch es ist fraglich, ob dies für die Ernährung von Bedeutung ist.

Eine sehr große Überblicksstudie kam 2012 ebenfalls zu dem Schluss, dass Bio-Milch keinen relevanten Vorteil für die Gesundheit hat: "Wir waren ein bisschen erstaunt, dass wir nichts gefunden haben", kommentierten die Wissenschaftler der Universität Stanford ihr Ergebnis. Auch der Verband der Amerikanischen Kinderärzte erklärte vor kurzem in einer Stellungnahme, dass es bei der Milch schlicht egal sei, ob sie vom Biobauern oder aus dem konventionellen Stall stammt.

Kann das sein? Was ist mit Rückständen in der Milch? "Mir ist aus den letzten vier bis fünf Jahren keine einzige Untersuchung bekannt, bei der man Antibiotika in handelsüblicher Milch gefunden hätte", sagt Erwin Märtlbauer, Inhaber des Lehrstuhls für Hygiene und Technologie der Milch an der LMU München.

Jeder Bauernhof in Deutschland wird vier Mal im Monat stichprobenartig auf solche Rückstände überprüft. Zusätzlich kontrollieren die Molkereien jeden Milchlaster, der bei ihnen eintrifft. Dass sie dabei gründlich vorgehen, liegt auch in ihrem ureigenen Interesse: Wären Antibiotikareste in der Milch, würden diese die zur Joghurt-Herstellung nötigen Bakterien hemmen. Die Milch wäre also für die Weiterverarbeitung nur bedingt brauchbar.

Von signifikanten Mengen an Wachstumshormonen in der Milch ist in Deutschland ebenfalls nicht auszugehen, sagt Märtlbauer. Ihr Einsatz bei Rindern ist EU-weit verboten oder streng reglementiert. Und selbst wenn sie in Einzelfällen eingesetzt werden, würden sie nur in sehr geringen Mengen in die Milch im Supermarkt gelangen.

Gefesselte Tiere - Geht es Kühen auf Ökohöfen besser?

Auch was den Tierschutz angeht, schneidet die Bio-Milch nicht so viel besser ab, wie viele Verbraucher erwarten würden. Denn eine bittere Wahrheit lautet, dass glückliche Kühe heute selten sind. "Alles in allem geht es den Kühen aus Bio-Haltung etwas besser", sagt Thomas Richter, Vorstandsmitglied in der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz. Doch die größten Probleme in der Milchvieh-Haltung treten auch auf Bio-Höfen auf.

Hochleistungskühe brauchen enorme Mengen von Energie, meist aus Kraftfutter. Dies überfordert häufig das Verdauungssystem der Tiere. In der Folge übersäuert der Pansen; es entstehen Giftstoffe, die den gesamten Organismus der Tiere überfluten. "Ein Bauer braucht heute sehr große Kenntnisse und Sorgfalt, um dieses Problem zu umgehen. Viele Landwirte - auch auf Biohöfen - haben sie nicht", sagt Tierarzt Richter.

Ein weiteres Problem ist in Bio-Haltung seltener, aber nicht ausgeschlossen: das Anbinden der Tiere. Kühe werden durch Eisengestelle oder Ketten auf einen minimalen Platz gezwungen, sie können lediglich zwischen Stehen und Liegen wechseln. "Anbindehaltung ist Tierquälerei", sagt Richter. Die Tiere entwickeln Verhaltensauffälligkeiten, verletzten sich häufiger und tragen Entzündungen vom Scheuern an Boden oder Gestänge davon.

Nach EU-Öko-Verordnung ist die Anbindehaltung grundsätzlich seit 2010 verboten. Allerdings wird es in Bayern und Baden-Württemberg dauerhaft Ausnahmeregelungen geben. Bio-Bauern mit kleinen Herden dürfen ihre Kühe hier im Stall festbinden, sie müssen die Tiere allerdings auch regelmäßig ins Freie lassen.

Es ist ausgerechnet ein Discounter, bei dem man das Problem der Anbindehaltung umgehen kann. In Bayern bietet Lidl unter dem Zeichen: "Ein gutes Stück Heimat" Milch an, die eigenen Angaben nach nur von Kühen aus Laufställen stammt.

Die Ökobilanz

Egal, wie viel Auslauf die Tiere haben: Milch hat grundsätzlich nicht die beste Klimabilanz (siehe Grafik). Kühe stoßen große Mengen klimaschädliches Methan aus - auch Bioherden. Aber: "Ihr Futter wurde ökologisch erzeugt - und kein Regenwald musste weichen, um Soja-Kraftfutter anzubauen", schreibt Greenpeace.

Wer außerdem sichergehen will, dass sein Milchkarton nicht quer durchs ganze Land oder noch weiter gefahren wurde, kann auf dem Etikett nachschauen, in welchem Bundesland das Getränk abgefüllt wurde. ( Mehr dazu hier).

Wie frisch ist frisch? - Achtung Etikettenschwindel

Ob der Verbraucher es wahrhaben will oder nicht, Milch ist heute überwiegend ein genormtes, gleichartiges, nahezu industrielles Produkt. Hersteller tun daher viel dafür, diesen Fakt durch die Vorstellung von der Kanne voller melkfrischer Bergwiesenmilch zu ersetzen. Das Ergebnis ist mitunter nahe am Etikettenschwindel.

Beispiel: Frischmilch. Was unter diesem Namen im Handel ist, kann bereits drei Wochen alt sein. Meist handelt es sich um sogenannte ESL-Milch, quasi ein Mittelding zwischen echter Frischmilch und der langhaltenden H-Milch. Prinzipiell ist diese Milch nicht schlecht, aber ihre Ausweisung als "frisch" sei Verbrauchertäuschung, monieren die Verbraucherzentralen. Erkennbar ist die ESL-Milch an der Formulierung "Frischmilch - länger haltbar", die die Hersteller freiwillig aufs Etikett drucken. Wer dagegen möglichst frische Milch kaufen möchte, muss nach dem Aufdruck "Frischmilch - traditionell hergestellt" fahnden.

Beispiel: Bergmilch. Auch wenn die Molkerei mit ihrem Produkt auf die Alpen anspielt, heißt das nicht, dass alle Kühe auf der Almwiese grasten. Geschützt sind Begriffe wie "Berg-" oder "Alpenmilch" nicht - und auch nicht immer zutreffend: Die Verbraucherzentrale Hamburg rügte unlängst, dass die Freisinger Molkerei Weihenstephan ihr Getränk als "Alpenmilch" verkauft, obwohl sie ihre Milch fast ausschließlich aus Ställen rund um München bezieht.

Weiterführende Informationen:

Bisher in dieser Serie erschienen: Tipps zum Einkauf von Schokolade, Lebkuchen und Rindfleisch.

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