Süddeutsche Zeitung

Thermen und Wellness-Bäder:Minus zwei Grad als Rettungsanker

Lesezeit: 3 min

Angesichts gestiegener Energiepreise senken viele Bäder und Thermen in Bayern die Wassertemperaturen oder schließen ihre Saunen und Dampfbäder. Die Kurorte fürchten existenzielle Folgen.

Von Simone Kamhuber und Matthias Köpf, Bad Staffelstein

Auf der Internetseite der Obermaintherme Bad Staffelstein läuft ein rotes Banner über den Bildschirm: "Es sind alle Saunen geöffnet - die Wassertemperatur wurde nicht gesenkt!" Zu anderen Zeiten wäre das ein überflüssiger, gar irritierender Hinweis. "Nur ist dieses Jahr eben nicht normal", sagt Thermenleiter Hans-Josef Stich. Denn Saunen auf Temperatur zu bringen und beckenweise Wasser zu wärmen, kostet sehr viel Energie, und die ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ein teures Gut geworden. Anders als Hans-Josef Stich in Bad Staffelstein hat etwa der Bezirk Niederbayern in allen Thermen, an denen er beteiligt ist, schon vor einer Weile sämtliche Saunen und Dampfbäder geschlossen.

Mit der gesparten Energie wolle man in Bad Füssing, Bad Birnbach, Bad Griesbach, Bad Gögging und Bad Abbach die medizinischen Therapieangebote möglichst lange aufrechterhalten, hieß es dazu von Bezirkstagspräsident Olaf Heinrich (CSU). Die Bundesnetzagentur hat die Thermalbäder trotz ihrer therapeutischen und präventiven Bedeutung nicht als "lebenswichtigen Bedarf" eingestuft. Zum erklärten "Entsetzen" des Heilbäderverbands gelten sie als bloße Freizeiteinrichtungen, die damit im Ernstfall kein Gas mehr bekämen. Doch auch in vielen reinen Wellness-Thermen, Spaßbädern und kommunalen Schwimmhallen geht es ausgerechnet jetzt, wo es absehbar kälter wird im Land und es viele wenigstens in der Therme nach wohliger Wärme verlangt, deutlich kühler zu.

So hat die Stadt Nürnberg in ihren vier Hallenbädern sowohl die Wasser- als auch die Raumtemperatur um je zwei Grad gesenkt, um so nach eigenen Angaben ungefähr ein Viertel der sonst nötigen Energie einzusparen. In Augsburg bleibt die Sauna im historischen Stadtbad voraussichtlich den ganzen Winter über geschlossen. Die Hallenbäder sollen einstweilen offen blieben, doch "bei einer weiteren Verschlechterung der Energieversorgungslage wird es aber sicherlich keine Denkverbote geben", sagte Linda Lücke vom Sportreferat der Stadt der Deutschen Nachrichten-Agentur. Ähnlich ist die Lage in Regensburg, wo die Wassertemperatur in den öffentlichen Schwimmbädern auch schon abgesenkt und ein Teil der Saunen geschlossen wurde. Im Würzburger Schwimmbad "Nautiland" ist das Wasser mittlerweile zwar ebenfalls etwas kälter als gewohnt, es sollen aber alle Angebote und vor allen die Bäder selbst geöffnet bleiben, um Schulen und Vereinen eine Schwimmmöglichkeit zu bieten.

"Trotzdem können wir nur von Tag zu Tag leben."

Nicht nur die Bäderbetreiber haben mit der Planungsunsicherheit zu kämpfen. Auch die Gäste seien enorm verunsichert, folgert Hans-Josef Stich in Bad Staffelstein aus den vielen Kundennachfragen. Ihr bisheriges Angebot - 3000 Quadratmeter Wasserfläche und Whirlpools mit 36 Grad - kann die Therme im Kreis Lichtenfels im Moment noch garantieren, weil sie mit einem eigenen Biomasse-Heizkraftwerk etwa 80 Prozent ihres Gasverbrauchs selbst produziert. "Trotzdem können wir nur von Tag zu Tag leben", sagt Stich. Alle Materialien, vom Chlor im Becken bis zu den Nudeln im Restaurant seien teurer im Einkauf. Deswegen erhöhte die Obermaintherme im September auch die Eintrittspreise um ein gutes Stück - sieben Euro mehr für das Tagesticket. "Eine Senkung der Wassertemperatur wollen wir tunlichst vermeiden. Unsere älteren Gäste kommen für ihre Gesundheit", sagt der Werksleiter. Da seien zwei Grad weniger im Wasser viel verheerender als zwei Grad im Büro. Zudem könnten bei gesenkten Wassertemperaturen womöglich auch weniger Badegäste kommen, dann fehle das Geld an einem anderen Ende - "ein Teufelskreis", sagt Thermenchef Stich.

Der Preisexplosion entziehen kann sich zum Beispiel die Therme Obernsees bei Bayreuth. Damit das Bad zu 100 Prozent über die Energie von Holzhackschnitzeln betrieben werden kann, sind 70 Landwirte für die Rohstoffbeschaffung aus regionalen Wäldern beauftragt. Damit muss auch nicht am Temperaturregler der finnischen Sauna oder des Außenbeckens gedreht werden.

Man rechne mit einer Verdreifachung der Preise

Auch in der Frankentherme Bad Königshofen versucht man seit Jahren, in Sachen Energie- und Gasversorgung auf eigenen Beinen zu stehen: Das Biomasse-Kraftwerk sichert 70 Prozent des Wärmebedarfs der Therme, die Blockheizkraftwerke rund 60 Prozent des Stroms und die entstehenden Photovoltaik-Anlagen perspektivisch den Restbedarf. "Wir sind wirklich gut und nachhaltig aufgestellt", sagt Geschäftsführer Werner Angermüller. "Und trotzdem reicht es nicht." Die Gaspreise, zum Jahreswechsel rechnet er mit einer Verdreifachung, seien unmöglich zu kompensieren.

Die Folge? Drei von sieben Saunen werden geschlossen, der Heilwassersee drei Wochen früher außer Betrieb gesetzt und die Außenbecken von 32 auf 30 Grad temperiert. In Bad Königshofen ist zudem das Wasser knapp. 35 000 Liter Trinkwasser braucht das Erlebnis- und Gesundheitsbad täglich. Eine Schließung der Therme kommt laut Bürgermeister Thomas Helbing (CSU) und Geschäftsführer Angermüller aber nicht infrage. Durchaus überlebenswichtig für die Bäder ist laut Angermüller aber, dass jetzt über die kalten und umsatzstarken Monate die Kundschaft nicht ausbleibt: "Ich bitte darum, zu uns zu kommen, vielleicht auch statt der Privatsauna. Wir brauchen die Gäste, und energiesparender ist es auch."

Denn während manche Kommunen in ihren Schwimmbädern schlicht Gas und Geld sparen müssen, sehen sich die im Heilbäderverband zusammengeschlossenen Kurstädte einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt. "Thermen sind keine Spaßbäder, sondern ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsprävention", sagt der Verbandsvorsitzende Peter Berek, CSU-Landrat im oberfränkischen Wunsiedel. Würden Thermen geschlossen, müssten in der Folge auch Hotels Umsatzeinbußen hinnehmen oder sogar ebenfalls dichtmachen, darunter litten dann Handel und Handwerk. "Das wäre ein gravierender Einbruch in unserer vornehmlich mittelständisch geprägten Wirtschaft."

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