Süddeutsche Zeitung

Korallensterben:Globale Korallenbleiche vernichtet Australiens Weltnaturerbe

Am Great Barrier Reef, dem längsten Riff der Erde, bricht gerade das Ökosystem zusammen. Die spektakuläre Pracht des Meeres schwindet, zurück bleiben bleiche Korallenskelette.

Der Pazifik leuchtet in allen Tönen von Türkis und Blau, rote und grüne Flecken sprenkeln den Ozean. Ein Flug von der nordostaustralischen Touristenstadt Cairns Richtung Norden über das Great Barrier Reef offenbart ein wahres Farbenwunder - übertroffen nur von dem Anblick, der sich denen bietet, die in die spektakulär bunte Unterwasserwelt des längsten Riffs der Erde eintauchen. So war es jedenfalls bis vor wenigen Jahren.

Terry Hughes ist diese Strecke zuletzt oft geflogen. "Es war die traurigste Forschungsreise meines Lebens", berichtet der Meeresbiologe sichtlich aufgewühlt im australischen Fernsehen, "es war niederschmetternd, aus dem Fenster des Hubschraubers zu schauen." Wohin er blickte, sah er statt farbenprächtiger Korallen nur das bleiche Grau ihrer Kalkgerippe. Nördlich von Cairns fand er kaum ein Riff, dessen Korallen nicht ausgebleicht waren.

In dieser Woche legten Hughes und andere Korallenforscher dramatische Zahlen vor. Danach hat die Korallenbleiche, ausgelöst durch überhohe Temperaturen des Ozeans (siehe Interview), 93 Prozent des Riffs erfasst, in dessen nördlichen und zentralen Teilen sind 35 Prozent der Korallen tot. "Das wird das Great Barrier Reef für immer verändern", warnt Hughes.

Nach Ansicht der Forscher geht es um das schiere Überleben dieses einzigartigen Ökosystems, über Tausende Jahre gebildet von Nesseltieren - den Korallen. Über 2300 Kilometer erstrecken sich seine Riffe, Heimat mehrerer Tausend Tier- und Pflanzenarten, auf einer Fläche so groß wie Deutschland entlang der Nordostküste Australiens. Für die Australier ist das von der Weltkulturorganisation Unesco als Welterbe eingestufte Naturwunder eine Landesikone, vergleichbar nur noch mit dem roten Felsen Uluru im Zentrum des Kontinents und der Silhouette von Hafenbrücke und Opernhaus in Sydney.

Schon dem Entdecker James Cook schlitzten die scharfen Korallen 1770 seine Bark Endeavour auf. Lange wurde das gefährliche Labyrinth tatsächlich nur als hinderliche Barriere angesehen. Noch zu Beginn der 1970er-Jahre gab es Pläne, den Korallenkalk zu Dünger zu zermahlen. Seit 1975 schützt ein Meerespark das Riff. Aber nicht gut genug: "Ich bin richtig zornig, dass die Regierung uns nicht zuhört und den Beweisen, die wir seit 1998 vorlegen", schimpft der Forscher Hughes.

Kohlebergbau und Klimawandel bedrohen das Riff

Nun reagiert die Politik, wenn auch nur halbherzig. Die Australier wählen in vier Wochen ein neues Parlament. "Es müssen Riff-Wahlen werden", fordert Tim Flannery, der bekannteste Ökologe des Landes. Der liberale Premierminister Malcolm Turnbull stellte umgerechnet 110 Millionen Euro zur Rettung des Riffs ins Budget. Der sozialdemokratische Oppositionsführer Bill Shorten bestieg ein Glasbodenboot und versprach vor ausgebleichter Riff-Kulisse, nach einem Wahlsieg eine weitere Viertelmilliarde Euro draufzulegen.

Das Geld soll dazu dienen, den Zufluss schädlicher Sedimente, Pestizide und Nitrate aus den Küstenstrichen des Bundesstaats Queensland ins Korallenmeer zu verringern. Das hatte Australien in einem Nachhaltigkeitsplan 2050 zugesagt, um zu verhindern, dass die Unesco das Welterbe für gefährdet erklärt. Nur: Um die Planziele zu erreichen, wären bis 2025 nach Expertenrechnung zehn Milliarden Euro nötig - nur für eine bessere Wasserqualität.

Doch die eigentliche Gefahr für die Korallen liegt im Klimawandel - und das eindrücklichste Symbol dafür gut 300 Kilometer weiter im Landesinneren. Bund und Land genehmigen dort eines der größten Kohlebergwerke der Welt. 60 Millionen Tonnen Kohle jährlich will der indische Rohstoff-Gigant Adani aus dem trockenen Boden des Outback holen, um den Energiehunger Asiens zu stillen. Wird diese Kohle verbrannt, so hat die Umweltorganisation Greenpeace ausgerechnet, entsteht dabei doppelt so viel klimaerwärmendes Kohlendioxid, wie Österreich im Jahr produziert. Um die Kohle zu exportieren, sollen Häfen mitten im Meerespark ausgebaut werden.

Der Aushub immerhin darf nun nicht mehr, wie ursprünglich geplant, am geschützten Riff ins Meer gekippt werden. Und womöglich, so hoffen Umweltschützer, könnte der Verfall des Kohlepreises auf den Weltmärkten das Projekt noch verhindern. Premier Turnbull hält sich bedeckt. Er steckt im Dilemma: Als Oppositionsführer hielt der Ex-Umweltminister die Pläne der damaligen Labor-Regierung, Klimasteuern und Emissionshandel einzuführen, für gar nicht schlecht - prompt setzten ihn Bergbaulobby und Klimaskeptiker in der eigenen Partei ab. Sein Nachfolger Tony Abbott schaffte die Kohlesteuer nach gewonnener Wahl ab, und auch nachdem Turnbull wiederum Abbott gestürzt hat, bleibt eine solche Abgabe für den rechten Flügel seiner Fraktion ein Tabu, an das der Premier nicht zu rühren wagt. Für das Riff sind das keine guten Aussichten.

Wenn die Temperaturen weiter anstiegen, "werden die Riffe innerhalb von Jahrzehnten weg sein", mahnt der britische Naturfilmer David Attenborough. Der 90-Jährige hat soeben einen Film im Great Barrier Reef gedreht, wie schon 1957. Damals gab es hier noch doppelt so viele Korallen.

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SZ vom 04.06.2016/chrb
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