Süddeutsche Zeitung

Nordrhein-Westfalen:Der Traum von der Schulstraße

In Essen hat ein Verkehrsversuch begonnen, der bundesweit mehr Sicherheit für Kinder bringen könnte: Die "Elterntaxis" müssen auf Abstand bleiben, die letzte Strecke zum Unterricht wird zu Fuß zurückgelegt.

Von Christian Wernicke

Es ist nur ein Versuch. Aber einer, der bundesweit Schule machen könnte: Seit Beginn dieser Woche unterbinden zwei rot-weiße Warnhütchen dreimal am Tag das Abbiegen in Essens Bardelebenstraße. Und auf dem Bürgersteig steht ein Verbotsschild, das die neue Verkehrslage erklärt: Ein roter Kreis umrahmt ein Motorrad und ein Auto - Zufahrt verboten, "Bewohner frei".

Warum das so ist, kann Julia Schnetger erklären. Bisher, so schildert es die Mutter einer Viertklässlerin, habe in der engen, nur 170 Meter langen Nebenstraße morgens, mittags und nachmittags "ein gefährliches Verkehrschaos" geherrscht: Dutzende Pkws rollten über den Asphalt und hielten auf den schmalen Gehwegen, um per "Elterntaxi" schnell die Tochter oder den Sohn zur Schule zu bringen. Oder sie abzuholen. Kinder, die zu Fuß kamen, mussten sich irgendwie durchschlagen zwischen all den Karossen, oft wurde es brenzlig, vor Jahren wurde ein Kind sogar angefahren. "Oh, verdammt, das war knapp" - dieser Satz, so sagt Julia Schnetger, sei ihr in der Vergangenheit zigfach durch den Kopf geschossen.

Seit Montag geht es ruhiger zu in der Bardelebenstraße. "Elterntaxis" müssen draußen bleiben, jedenfalls von 7.45 bis 8.30, von 13 bis 14.15 und 15.45 bis 16.15 Uhr. Das genau sind die Bring- und Abholzeiten, zu denen diese Einbahnstraße bislang meist verstopft war. Gleich zwei Lehranstalten - ein Gymnasium und eine Grundschule - rufen hier täglich 1800 Schülerinnen und Schüler zum Unterricht. Stattdessen müssen motorisierte Eltern nun drei sogenannte "Eltern-Haltestellen" in der Nähe anfahren, die sind zum Ein- und Aussteigen in den Sperrzeiten von der Stadt Essen für sie reserviert. Am Dienstag zieht Schnetger, die mit einem Team von 25 Eltern den Versuch unterstützt und täglich die Warnhütchen aufstellt, eine erste, sehr vorläufige Zwischenbilanz: Nur vier Väter und Mütter hinterm Lenkrad hätten sich verwundert gezeigt, "es gab weit mehr Daumen nach oben als Kopfschütteln".

Die exakte Auswertung des Experiments übernimmt dann David Huber, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung (Imobis) der Universität Duisburg-Essen. Huber begleitet gleich eine ganze Reihe Essener Versuche, mit denen die Ruhrgebietsmetropole ihre Verkehrswende vorantreiben will: Bisher, so ergab eine Erhebung von 2019, erfolgen dort 55 Prozent aller Mobilität mit dem Auto, jeweils 19 Prozent zu Fuß oder per ÖPNV und nur sieben Prozent auf dem Fahrrad. Bis 2035 soll sich dieser sogenannte "Modal Split" massiv ändern - und ausgeglichen auf (so ein Stadt-Slogan) "4 x 25 Prozent" verteilen.

Huber zählt nun: Zum Beispiel 60 Elterntaxis jeden Morgen in der Bardelebenstraße (bei Sonnenschein, mehr bei Regen). Er will messen, ob und wie der Autoverkehr zurückgeht - auch nach Ende einer zunächst dreimonatigen Testphase. Das Experiment könne, so Huber, sogar einen vermuteten Teufelskreis durchbrechen: "Aus Sorge bringen vielleicht mehr Eltern ihre Kinder per Auto. Nur, das schafft mehr Verkehr - und noch mehr Gefahr."

Vielleicht wird die Bardelebenstraße sogar Modell: Sie ist, was bisher die Straßenverkehrsordnung verbietet: die erste "Schulstraße" Deutschlands. Österreich übrigens hat - nach Tests in Wien - Schulstraßen bereits 2022 legalisiert.

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