Süddeutsche Zeitung

WM-Affäre:Die Fifa schlägt sich auf Beckenbauers Seite

  • Im Schweizer Verfahren zu den Geldflüssen rund um die WM 2006 ist die Fifa offiziell um Aufklärung bemüht.
  • Doch ihre Anwälte werben dafür, dass das Verfahren gegen die Schlüsselfigur Franz Beckenbauer abgetrennt bleibt.

Vor gut vier Wochen gingen zwei ungewöhnliche Schreiben beim Bundesstrafgericht der Schweiz ein. Das eine ist 14 Seiten lang, das andere 13, und beide kamen sie von den Anwälten des Fußball-Weltverbandes Fifa. Der Kontext der Briefe ist das Ermittlungsverfahren zu den dubiosen Millionen-Schiebereien rund um die Fußball-WM 2006. Und in diesen Schreiben dokumentiert sich eine entlarvende Haltung.

Denn nach SZ-Informationen schlägt sich die Fifa damit in einer entscheidenden Verfahrensfrage auf die Seite der Schlüsselfigur Franz Beckenbauer - und auf die der Schweizer Bundesanwaltschaft (BA), die in Fußballangelegenheiten längst hochumstritten ist. Mit bemerkenswert leidenschaftlicher Vehemenz unterstützt die Fifa die Absicht der BA, das Verfahren Beckenbauers von denen gegen die übrigen vier Beschuldigten abzutrennen. Dabei ist allseits klar, dass ohne Beckenbauer, den damaligen Kreditnehmer und Geheimnisträger, die Aussicht auf eine Aufklärung der mysteriösen Geldflüsse gegen Null sinkt. Insofern erstaunt die Parteinahme der Fifa, zumal gerade ihr an Aufklärung gelegen sein müsste. Der Vorgang verstärkt die Zweifel an der Rolle, die sie im Verfahren der taumelnden Berner Behörde spielt.

Seit vier Jahren ermittelt die BA im WM-2006-Komplex. Das damalige deutsche WM-Organisationskomitee soll seine Aufsichtsgremien getäuscht haben, als es im April 2005 den Betrag von 6,7 Millionen Euro an die Fifa überwies. Formal verbucht wurde die Zahlung als Zuschuss für eine später abgesagte Eröffnungsgala. Tatsächlich landete das Geld via Fifa beim früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus und löste einen Kredit über zehn Millionen Franken ab, den der Franzose drei Jahre zuvor dem damaligen WM-Chef Beckenbauer gewährt hatte.

Die Anklage fällt kurios aus

Im Juli legte die BA ihre Anklage vor. Die Behörde ist stark unter Zeitdruck. Der Fall verjährt, wenn bis April 2020 kein erstes Urteil vorliegt. Und obwohl das bisher Bekannte den Verdacht nährt, dass viel Geheimdiplomatie zwischen BA und Fifa stattfand, aber wenig zielorientierte Aufklärungsarbeit, wäre es peinlich, wenn die Millionen Franken, die die Arbeit verschlungen haben dürften, wegen Verjährung abgeschrieben werden müssten.

Nun fällt die Anklage kurios aus: Sie richtet sich nur gegen drei Ex-Funktionäre des Deutschen Fußball-Bundes - Horst R. Schmidt, Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach - sowie gegen den Ex-Fifa-Generalsekretär Urs Linsi. Das Quartett war an der Rückzahlung des Kredits 2005 beteiligt. Urplözlich, Ende Juni, wurde das Verfahren gegen Beckenbauer abgetrennt - wegen dessen angeknockter Gesundheit; seine Ärzte haben ein Attest gefertigt. Jetzt deutet eingedenk der nahenden Verjährung alles darauf hin, dass sich die Akte F.B. folgenlos schließt. Die Akte des Mannes, der weiß, was damals passiert ist.

Beckenbauer ist die Schlüsselfigur, insbesondere zur Frage, warum die von Dreyfus geliehenen zehn Millionen 2002 nach Katar zum Fifa-Vorstand Mohammed bin Hammam flossen. Die Kernfunde der Ermittlungen deuten auf einen Deal mit TV-Rechten aus dem Nachlass der Kirch-Gruppe hin. Sie führen in den Dunstkreis der damals neu formierten Firma Infront, die die (für die Fifa lebenswichtigen) Rechte an der WM 2006 erhielt. Sogar die Berner BA selbst beschrieb Beckenbauer noch Mitte Juni als Kernfigur und "eventualiter Anstifter" für den angeblichen Betrug bei der Kreditrückzahlung. Ohne Beteiligung dieser Hauptfigur ist nicht nur das Verfahren ziemlich sinnlos - hohe Schweizer Juristen teilen der SZ mit, es sei unbestreitbar, dass "die Abtrennung des Verfahrens einen für die übrigen Beschuldigten kaum oder nicht wieder gut zu machenden Rechtsnachteil bewirkt".

Verfahrenskenner staunen, dass die Fifa einflussreichen Status erhielt

Dass Beckenbauer außen vor bleiben solle, empört die Mitbeschuldigten. Sie verweisen auf jüngere öffentliche Auftritte, die dem Bild widersprächen, dass er verfahrensunfähig sei. In Schweizer Medien kursiert ein Video, wie Beckenbauer Mitte Juli an einer Kanone den Startschuss zum 32. Kaiser-Golfcup in Bayern auslöst. Einige Beschuldigte legten beim Bundesstrafgericht Beschwerde ein gegen die Verfahrensabtrennung. In diesem Kontext gab auch die Fifa ihre Stellungnahme ab. Sie hat sich, wie der DFB, dem Verfahren als Privatkläger angeschlossen; das ermöglicht Einblick in die Ermittlungsakten und die Sicherung eventueller finanzieller Ansprüche. Wobei Verfahrenskenner staunen, dass die Fifa diesen einflussreichen Status erhielt. Das ist nur eine von vielen Fragen zum Verhältnis zwischen BA und Fifa, die bis zu den drei geheim gehaltenen und nicht protokollierten Treffen des BA-Chefs Michael Lauber mit Fifa-Boss Gianni Infantino führen.

Statt darauf zu drängen, dass Beckenbauer Teil des Verfahrens bleibt, schlägt sich die Fifa auf die Seite der BA und begrüßt die Abtrennung wortreich. Nach SZ-Informationen hält sie den anderen Beschuldigten vor, diese würden mit ihren Einsprüchen gegen die Abtrennung versuchen, das Verfahren insgesamt zu verzögern. Und zur Frage von Beckenbauers Vernehmungsfähigkeit führen die Fifa-Anwälte aus, dass es große Unterschiede gebe zwischen Auftritten innerhalb eines Strafprozesses und öffentlichen Auftritten, die Beckenbauer Zeit seines Lebens gewohnt gewesen sei. Schweizer Rechtsexperten verwundert auch die Emotionalität der Stellungnahme. Sogar erkennbare Höflichkeitsformeln eines der anderen Beklagten werden dort inhaltlich gedeutet. Dessen Genesungswünsche an Beckenbauer könnten nur auf Erkenntnissen aus den Attesten beruhen, unterstellen die Fifa-Anwälte, weshalb es widersinnig sei, die dort bescheinigte gesundheitliche Verfassung Beckenbauers anzuzweifeln. Frei nach dem Motto: Wenn ihm schon die anderen Beschuldigten gute Besserung wünschen, dann muss es ihm ja sehr schlecht gehen.

Aus dem Kreis der anderen Beschuldigten - also Niersbach, Zwanziger, Schmidt und Linsi - hingegen kommt die Forderung, dass der Gesundheitszustand Franz Beckenbauers wenigstens von unabhängiger Stelle überprüft werden müsse. Also nicht nur auf der Grundlage von Parteigutachten.

Die Fifa bestätigt das trübe Bild, dass sie in der Affäre abgibt

Die Fifa antwortete der SZ auf Fragen nach dem Grund ihrer Positionierung nur sehr allgemein: Dass die BA eine Vielzahl von Ermittlungen zum Geschehen um die Fifa unter der alten Spitze führe, dass sie als geschädigte Partei und/oder Kläger interessiert an den Ermittlungsergebnissen sei und sich wünsche, "dass die Personen, die die Organisation und den Fußball beschädigt haben, ordnungsgemäß zur Rechenschaft gezogen werden".

Da ist nur die Frage, wie der seriöse Vortrag zum konkreten Verhalten im Sommermärchen-Komplex passt. Es bestätigt eher das trübe Bild, das die Fifa in der Affäre abgibt. Die damalige Führung unter dem Langzeit-Patron Sepp Blatter war eng dran am Geld-Karussell rund um die deutsche Fußball-WM. Für Blatter und Co. war im Sommer 2002, als Dreyfus' Kredit an Beckenbauer floss, die zentrale Frage, wo und bei wem die Fernsehrechte landen würden. Auch an der Kreditrückzahlung 2005 war die Fifa stark beteiligt: Sie empfing das Geld aus Deutschland und leitete es am selben Tag an Louis-Dreyfus weiter.

Und die neue Führung unter dem seit Februar 2016 amtierenden Gianni Infantino? Die irritiert immerzu. Auch, weil sie nichts tat, um Mohamed bin Hammam, an den die zehn Millionen damals geflossen waren, zum Reden zu bewegen. Katar gibt pikanterweise keine Rechtshilfe - dabei hätte die Fifa ein enormes Druckmittel: Katar ist Gastgeber der nächsten WM 2022.

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Quelle:
SZ vom 24.09.2019/tbr
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