Süddeutsche Zeitung

Kolumne "Ende der Reise":Schießt euch doch ins All!

Erst den Planeten zerstören, dann den Weltraum bereisen: Jeff Bezos und Richard Branson haben ein großartiges Geschäftsmodell entwickelt.

Glosse von Hans Gasser

"Geh hin, wo der Pfeffer wächst!", hat man früher gesagt, wenn man einen nervigen oder unsympathischen Zeitgenossen dringend wegwünschte. Das war die Zeit, als eine Schiffsreise in die Pfefferländer Indien oder Indonesien die weitestmögliche vorstellbare Fahrt war. Ende der 60er-Jahre kam dann der Ausdruck "Lass ihn uns auf den Mond schießen!" dazu. Womit wir beim Thema wären.

Die Rockefellers unserer Zeit, Richard Branson und Jeff Bezos, liefern sich gerade einen tragikomischen Wettstreit: nicht darum, wer den jeweils anderen, sondern wer sich selber als Erster ins Weltall schießt. Dagegen kann man eigentlich nichts haben, doch das Problem dabei ist: Sie kamen beide schon nach zehn Minuten wieder zurück, um hier auf Erden weiterhin daran zu arbeiten, dass dieser Planet in nicht allzu ferner Zeit kollabiert und für Menschen unbewohnbar wird.

Aus unternehmerischer Sicht ist das nur folgerichtig: Erst heizt man die Atmosphäre mit Trilliarden Amazon-Paketen und Raketentriebwerken ordentlich auf, und wenn es dann richtig ungemütlich wird, können sich ja die oberen 10 000 Superverdiener ins All vertschüssen, um dort ein paar neue Planeten oder auch nur frei fliegende Edelstahlstädte zu besiedeln. Spitzenplan!

Nein, hier geht es nicht ums Geschäft, sondern um unglaubliche Dinge für künftige Generationen. Danke, Jeff!

Bezos, der immer mehr aussieht wie Raumschiff-Enterprise-Captain Jean-Luc Picard, streitet seinen eitlen Wettkampf mit Branson natürlich ab und führt eine rein altruistische Motivation ins Feld: Es gehe darum, sagte der Amazon-Billionär, "einen Weg ins All zu errichten, damit zukünftige Generationen unglaubliche Dinge im Weltraum tun können". Genau. Danke, Jeff.

So viel Großmut untermauerte er damit, dass in seinem Raumschiff eine 82-Jährige Ex-Pilotin und der 18-jährige Sohn eines Investmentbankers (über den Ticketpreis wurde Stillschweigen vereinbart) mitfliegen durften - als ältester, beziehungsweise jüngster Mensch, die jemals im Weltraum gewesen sind.

Aber ist da oben überhaupt schon Weltraum? Die ISS fliegt immerhin in 408 Kilometern Höhe, Bransons Raumschiff hat es auf gerade mal 86 Kilometer geschafft, während Bezos noch 20 Kilometer höher gekommen ist, um gleich darauf wieder die Biege zu machen. Bei so großen Taten wird natürlich nicht kommuniziert, wie viel CO₂ die Raketen rausgeblasen haben, bis sie die Atmosphäre in 50 Kilometern Höhe durchstoßen haben. Das wäre ja jetzt wirklich kleinlich!

Nach diesen Werbeflügen wollen die beiden bald die kommerzielle Raumfahrt beginnen, bei der nicht nur Investmentbanker, sondern auch die Müllers und Maiers von nebenan mal kurz in den Weltraum düsen können. Auch das ergibt Sinn. Denn erstens gibt es dort noch keine Corona-Risikogebiete und zweitens braucht man auf Zehn-Minuten-Flügen keine Hotels, geharkte Strände oder ähnlich Aufwendiges: zahlen, hoch, runter - fertig, der Nächste, bitte! Ein Traum für jeden Touristiker.

Wer jetzt sagt: "Da reise ich doch lieber ein paar Wochen dorthin, wo der Pfeffer wächst, da weiß ich, was ich hab", der hat die Größe von Bransons und Bezos Angebot einfach nicht verstanden.

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