Süddeutsche Zeitung

Energieversorgung:Die Norweger sind die Freunde in der Not

Das skandinavische Land ist mittlerweile Deutschlands wichtigster Gaslieferant, nie waren die Bande so eng. Geht es nach Wirtschaftsminister Robert Habeck, liefert Norwegen bald statt Erdgas große Mengen Wasserstoff. Ob das gelingt?

Von Michael Bauchmüller, Oslo

Oslo ist dunkel, Oslo ist frostig, doch Robert Habeck lässt die schwarze Limousine am Hotel stehen. Strammen Schrittes und in Winterschuhen stapft er früh morgens durch den Schnee, hinauf zur Residenz des Ministerpräsidenten. Zu einem "Arbeitsbesuch auf hohem Niveau", wie er sagt. Zu einem Besuch bei Freunden, ohne die in Deutschland längst die Räder stillstünden. "Es ist schon ein Symbol, dass mein politisches Jahr genau hier beginnt", sagt der grüne Vizekanzler und Wirtschaftsminister.

Nie waren die Beziehungen zwischen Norwegen und Deutschland so eng wie heute. Zum zweiten Mal innerhalb von zehn Monaten ist Habeck zu Besuch in Oslo, schon dreimal traf sich Kanzler Olaf Scholz mit dem norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre. Entsprechend herzlich ist der Empfang, den Støre dem deutschen Vizekanzler bereitet. "Dies ist eine Zeit, in der Deutschland so wichtig für Norwegen ist wie nie zuvor", sagt der Ministerpräsident. "Und Norwegen ist so wichtig für Deutschland wie nie zuvor."

Gasmangel? Zunehmend unwahrscheinlich

Vor allem letzteres ist mit Händen zu greifen, denn Norwegen hat Gas. "Norwegen hat einen entscheidenden Teil zum Erfolg beigetragen, sich so schnell vom russischen Gas zu befreien", sagt Habeck in Oslo. Just am Donnerstag gibt auch die Bundesnetzagentur vorsichtig Entwarnung. Eine Gasmangellage in diesem Winter werde "zunehmend unwahrscheinlich", schreibt sie in ihrem neuesten Lagebericht. Aber nicht nur beim Befüllen der Gasspeicher hat Norwegen geholfen. Auch die ersten schwimmenden Terminals, die nun Flüssigerdgas in Deutschland anlanden sollen, fahren unter norwegischer Flagge. Es gibt Pipelines für das Gas und eine Stromleitung, die norwegische Wasserkraft direkt in Habecks Heimat Schleswig-Holstein transportiert.

Norwegens Reichtum beruht vor allem auf Exporten von Öl und Gas, sie machen mehr als 60 Prozent der Ausfuhren aus. Und Deutschland, sagt Støre, sei Norwegens bevorzugter Partner in Europa. Nicht nur, aber auch wegen des Geschäfts: Allein zwischen Januar und September hat sich der Wert der Importe aus Norwegen gegenüber dem Vorjahr verfünffacht - der hohen Preise wegen. Doch dieses Geschäftsmodell soll sich ändern. "Was im Zentrum dieses Besuchs steht, ist der nächste Schritt", sagt Habeck nach dem morgendlichen Treffen. "Das heißt, dass Norwegen, das seinen volkswirtschaftlichen Reichtum auf Öl und Gas gebaut hat, sich verändern wird, sich dekarbonisieren muss." Dann könne es auch Teil der künftigen deutschen Energieversorgung sein, die schließlich binnen 22 Jahren, bis 2045, unter dem Strich ohne fossile Energie auskommen soll.

Das Zeug dazu hätte Norwegen. Schon jetzt bezieht Norwegen fast all seinen Strom aus Wasserkraft, und entlang der Küsten gäbe es einige Potenziale für Windenergie - Ökostrom, aus dem sich dereinst auch grüner Wasserstoff gewinnen ließe. Einstweilen würde Habeck sich aber auch mit "dekarbonisiertem Wasserstoff" zufriedengeben: Denn der Stoff, der künftig weite Teile der Industrie, aber auf Umwegen auch Lastwagen, Flugzeuge und Schiffe antreiben soll, lässt sich auch klimaneutral aus Erdgas gewinnen. Das dabei anfallende Kohlendioxid wird unterirdisch gespeichert, die Technologie dafür hat Norwegen. Zumindest für den Übergang könne man diese Variante des Wasserstoffs wählen, findet Habeck.

Eine weitere Pipeline soll kommen

Und damit mit dem Zeitalter von Öl und Gas nicht auch die Partnerschaft mit Norwegen endet, soll sogar eine eigene, weitere Pipeline zwischen beiden Ländern entstehen, nach Möglichkeit schon bis 2030. Die entsprechende Absichtserklärung schließen am Donnerstag die beiden größten Energiekonzerne beider Länder, Norwegens Equinor und Deutschlands RWE. Neben der Pipeline wollen sie auch gemeinsam Gaskraftwerke bauen, die auf Dauer mit Wasserstoff betrieben werden sollen. Norwegen könne so zu einem wichtigen Wasserstoff-Lieferanten für Deutschland und Europa werden, sagt Equinor-Chef Anders Opedal, der sein Geld bisher mit Öl und Gas verdient: "Dies ist eine einmalige Gelegenheit, eine Wasserstoffindustrie in Norwegen aufzubauen." Denn auch das sieht die Vereinbarung vor.

Umweltschützer sind gar nicht begeistert von der Idee, blauen Wasserstoff nach Deutschland zu holen. Er sei "eine weitere Rolle rückwärts in Richtung fossile Vergangenheit", warnt die Deutsche Umwelthilfe. Doch Habeck hat einen anderen Plan.

Am Nachmittag besucht er deshalb auch den Minister für Erdöl und Energie, diesmal mit dem Auto. Es gehe darum, erklärt er dort, ein Henne-Ei-Problem zu lösen. Schließlich werde aus der Wasserstoff-Wirtschaft kein Geschäftsmodell, wenn es keinen Wasserstoff gebe. Und ein Markt für diesen Wasserstoff entstehe nur mit Anlagen, die ihn auch wirklich abnehmen. Es braucht also eine Art Einstiegsdroge. "Es muss klar sein, dass ein neues System wirklich kommt", sagt Habeck. Die Entscheidung sei gefallen. "Let's do it."

Das sieht sein Energieminister-Kollege Terje Aasland im Prinzip ähnlich, seine gute Botschaft aber ist eine andere. Schließlich sei es bis auf weiteres Norwegens wichtigste Aufgabe, so viel Erdgas wie möglich bereitzustellen. Um acht Prozent habe man die Förderung schon im vorigen Jahr aufstocken können. "Ich kann ihnen heute mitteilen, dass wir dieses Niveau auch 2023 halten können", sagt er.

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